a. Die Phantasie


Was erstens das allgemeine Vermgen zur knstlerischen Produktion angeht, so ist, wenn einmal von Vermgen soll geredet werden, die Phantasie als diese hervorstechend knstlerische Fhigkeit zu bezeichnen. Dann mu man sich jedoch sogleich hten, die Phantasie mit der blo passiven Einbildungskraft zu verwechseln. Die Phantasie ist schaffend.

α) Zu dieser schpferischen Ttigkeit gehrt nun zunchst die Gabe und der Sinn fr das Auffassen der Wirklichkeit und ihrer Gestalten, welche durch das aufmerksame Hren und Sehen die mannigfaltigsten Bilder des Vorhandenen dem Geiste einprgen, sowie das aufbewahrende Gedchtnis fr die bunte Welt dieser vielgestaltigen Bilder. Der Knstler ist deshalb von dieser Seite her nicht an selbstgemachte Einbildungen verwiesen, sondern von dem flachen sogenannten Idealen ab hat er an die Wirklichkeit heranzutreten. Ein idealischer Anfang in der Kunst und Poesie ist immer sehr verdchtig, denn der Knstler hat aus der berflle des Lebens und nicht aus der berflle abstrakter Allgemeinheit zu schpfen, indem in der Kunst nicht wie in der Philosophie der Gedanke, sondern die wirkliche uere Gestaltung das Element der Produktion abgibt. In diesem Element mu sich daher der Knstler befinden und heimisch werden. Er mu viel gesehen, viel gehrt und viel in sich aufbewahrt haben, wie berhaupt die groen Individuen sich fast immer durch ein groes Gedchtnis auszuzeichnen pflegen. Denn was den Menschen interessiert, das behlt er, und ein tiefer Geist breitet das Feld seiner Interessen ber unzhlige Gegenstnde aus. Goethe z. B. hat in solcher Weise angefangen und den Kreis seiner Anschauungen sein ganzes Leben hindurch mehr und mehr erweitert. Diese Gabe und dieses Interesse einer bestimmten Auffassung des Wirklichen in seiner realen Gestalt sowie das Festhalten des Erschauten also ist das nchste Erfordernis. Mit der genauen Bekanntschaft der Auengestalt ist nun umgekehrt ebensosehr die gleiche Vertrautheit mit dem Innern des Menschen, mit den Leidenschaften des Gemts und allen Zwecken der menschlichen Brust, zu verbinden, und zu dieser doppelten Kenntnis mu sich die Bekanntschaft mit der Art und Weise fgen, wie das Innere des Geistes sich in der Realitt ausdrckt und durch deren uerlichkeit hindurchscheint.

β) Zweitens aber bleibt die Phantasie nicht bei diesem bloen Aufnehmen der ueren und inneren Wirklichkeit stehen, denn zum idealen Kunstwerk gehrt nicht nur das Erscheinen des inneren Geistes in der Realitt uerer Gestalten, sondern die an und fr sich seiende Wahrheit und Vernnftigkeit des Wirklichen ist es, welche zur ueren Erscheinung gelangen soll. Diese Vernnftigkeit seines bestimmten Gegenstandes, den er erwhlt hat, mu nicht nur in dem Bewutsein des Knstlers gegenwrtig sein und ihn bewegen, sondern er mu das Wesentliche und Wahrhaftige seinem ganzen Umfang und seiner ganzen Tiefe nach durchsonnen haben. Denn ohne Nachdenken bringt der Mensch sich das, was in ihm ist, nicht zum Bewutsein, und so merkt man es auch jedem groen Kunstwerk an, da der Stoff nach allen Richtungen hin lange und tief erwogen und durchdacht ist. Aus der Leichtfertigkeit der Phantasie geht kein gediegenes Werk hervor. Damit soll jedoch nicht gesagt sein, da der Knstler das Wahrhaftige aller Dinge, welches wie in der Religion, so auch in der Philosophie und Kunst die allgemeine Grundlage ausmacht, in Form philosophischer Gedanken ergreifen msse. Philosophie ist ihm nicht notwendig, und denkt er in philosophischer Weise, so treibt er damit ein der Kunst in betreff auf die Form des Wissens gerade entgegengesetztes Geschft. Denn die Aufgabe der Phantasie besteht allein darin, sich von jener inneren Vernnftigkeit nicht in Form allgemeiner Stze und Vorstellungen, sondern in konkreter Gestalt und individueller Wirklichkeit ein Bewutsein zu geben. Was daher in ihm lebt und grt, mu der Knstler sich in den Formen und Erscheinungen, deren Bild und Gestalt er in sich aufgenommen hat, darstellen, indem er sie zu seinem Zwecke insoweit zu bewltigen wei, da sie das in sich selbst Wahrhaftige nun auch ihrerseits aufzunehmen und vollstndig auszudrcken befhigt werden. -Bei dieser Ineinanderarbeitung des vernnftigen Inhalts und der realen Gestalt hat sich der Knstler einerseits die wache Besonnenheit des Verstandes, andererseits die Tiefe des Gemts und der beseelenden Empfindung zu Hilfe zu nehmen. Es ist deshalb eine Abgeschmacktheit, zu meinen, Gedichte wie die Homerischen seien dem Dichter im Schlafe gekommen. Ohne Besonnenheit, Sonderung, Unterscheidung vermag der Knstler keinen Gehalt, den er gestalten soll, zu beherrschen, und es ist tricht, zu glauben, der echte Knstler wisse nicht, was er tut. Ebenso ntig ist ihm die Konzentration des Gemts.

γ) Durch diese Empfindung nmlich, die das Ganze durchdringt und beseelt, hat der Knstler seinen Stoff und dessen Gestaltung als sein eigenstes Selbst, als innerstes Eigentum seiner als Subjekt. Denn das bildliche Veranschaulichen entfremdet jeden Gehalt zur uerlichkeit, und die Empfindung erst hlt ihn in subjektiver Einheit mit dem inneren Selbst. Nach dieser Seite hin mu der Knstler sich nicht nur viel in der Welt umgesehen und mit ihren ueren und inneren Erscheinungen bekannt gemacht haben, sondern es mu auch vieles und Groes durch seine eigene Brust gezogen, sein Herz mu schon tief ergriffen und bewegt worden sein, er mu viel durchgemacht und durchgelebt haben, ehe er die echten Tiefen des Lebens zu konkreten Erscheinungen herauszubilden imstande ist. Deshalb braust wohl in der Jugend der Genius auf, wie dies bei Goethe und Schiller z. B. der Fall war, aber das Mannes- und Greisenalter erst kann die echte Reife des Kunstwerks zur Vollendung bringen.


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Seite zuletzt aktualisiert: 14.09.2004 
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