c. Originalitt


Die Originalitt nun endlich besteht nicht nur im Befolgen der Gesetze des Stils, sondern in der subjektiven Begeisterung, welche, statt sich der bloen Manier hinzugeben, einen an und fr sich vernnftigen Stoff ergreift und denselben ebensosehr im Wesen und Begriff einer bestimmten Kunstgattung als dem allgemeinen Begriff des Ideals gem von innen her aus der knstlerischen Subjektivitt heraus gestaltet.

α) Die Originalitt ist deshalb identisch mit der wahren Objektivitt und schliet das Subjektive und Sachliche der Darstellung in der Weise zusammen, da beide Seiten nichts Fremdes mehr gegeneinander behalten. In der einen Beziehung daher macht sie die eigenste Innerlichkeit des Knstlers aus, nach der anderen Seite hin gibt sie jedoch nichts als die Natur des Gegenstandes, so da jene Eigentmlichkeit nur als die Eigentmlichkeit der Sache selbst erscheint und gleichmig aus dieser wie die Sache aus der produktiven Subjektivitt hervorgeht.

β) Die Originalitt ist deshalb vor allem von der Willkr bloer Einfalle abzuscheiden. Denn gewhnlich pflegt man unter Originalitt nur das Hervorbringen von Absonderlichkeiten zu verstehen, wie sie nur gerade diesem Subjekt eigentmlich sind und keinem anderen wrden zu Sinne kommen. Das ist dann aber nur eine schlechte  Partikularitt. Niemand z. B. ist in dieser Bedeutung des Wortes origineller als die Englnder, d. h. jeder legt sich auf eine bestimmte Narrheit, die ihm kein vernnftiger Mensch nachmachen wird, und nennt sich im Bewutsein seiner Narrheit originell.

Hiermit hngt denn auch die besonders heutigentags gerhmte Originalitt des Witzes und Humors zusammen. In ihr geht der Knstler von seiner eigenen Subjektivitt aus und kehrt immer wieder zu derselben zurck, so da das eigentliche Objekt der Darstellung nur als eine uerliche Veranlassung behandelt wird, um den Witzen, Spaen, Einfallen und Sprngen der subjektivsten Laune vollen Spielraum zu geben. Dann fllt aber der Gegenstand und dies Subjektive auseinander, und mit dem Stoff wird durchaus willkrlich verfahren, damit ja die Partikularitt des Knstlers als Hauptsache hervorleuchten knne. Solch ein Humor kann voll Geist und tiefer Empfindung sein und tritt gewhnlich als hchst imponierend auf, ist aber im ganzen leichter, als man glaubt. Denn den vernnftigen Lauf der Sache stets zu unterbrechen, willkrlich anzufangen, fortzugehen, zu enden, eine Reihe von Witzen und Empfindungen bunt durcheinanderzuwrfeln und dadurch Karikaturen der Phantasie zu erzeugen ist leichter, als ein in sich gediegenes Ganzes im Zeugnis des wahren Ideals aus sich zu entwickeln und abzurunden. Der gegenwrtige Humor aber liebt es, die Widerwrtigkeit eines ungezogenen Talentes herauszukehren, und schwankt von wirklichem Humor denn auch ebensosehr zur Plattheit und Faselei herber. Wahrhaften Humor hat es selten gegeben; jetzt aber sollen die mattesten Trivialitten, wenn sie nur die uere Farbe und Prtention des Humors haben, fr geistreich und tief gelten. Shakespeare dagegen hat groen und tiefen Humor, und dennoch fehlt es auch bei ihm nicht an Flachheiten. Ebenso berrascht auch Jean Pauls Humor oft durch die Tiefe des Witzes und Schnheit der Empfindung, ebensooft aber auch in entgegengesetzter Weise durch barocke Zusammenstellungen von Gegenstnden, welche zusammenhangslos auseinanderliegen und deren Beziehungen, zu welchen der Humor sie kombiniert, sich kaum entziffern lassen. Dergleichen hat selbst der grte Humorist nicht im Gedchtnis prsent und so sieht man es denn auch den Jean Paulschen Kombinationen hufig an, da sie nicht aus der Kraft des Genies hervorgegangen, sondern uerlich zusammengetragen sind. Jean Paul hat deshalb auch, um immer neues Material zu haben, in alle Bcher der verschiedensten Art, botanische, juristische, Reisebeschreibungen, philosophische, hineingesehen, was ihn frappierte, sogleich notiert, augenblickliche Einfalle dazugeschrieben und, wenn es nun darauf ankam, selber ans Erfinden zu gehen, uerlich das Heterogenste - brasilianische Pflanzen und das alte Reichskammergericht - zueinandergebracht. Das ist dann besonders als Originalitt gepriesen oder als Humor, der alles und jedes zulasse, entschuldigt worden. Die wahre Originalitt aber schliet solche Willkr gerade von sich aus.

Bei dieser Gelegenheit knnen wir denn auch wieder der Ironie ge- denken, welche sich hauptschlich dann als die hchste Originalitt auszugeben liebt, wenn es ihr mit keinem Inhalt mehr Ernst ist und sie ihr Geschft des Spaes nur des Spaes wegen treibt. Nach einer anderen Seite hin bringt sie in ihren Darstellungen eine Menge uerlichkeiten zusammen, deren innersten Sinn der Dichter fr sich behlt, wo denn die List und das Groe darin bestehen soll, da die Vorstellung verbreitet wird, gerade in diesen Zusammentragungen und uerlichkeiten sei die Poesie der Poesie und alles Tiefste und Vortrefflichste verborgen, das sich nur eben seiner Tiefe wegen nicht aussprechen lasse. So wurde z. B. in Friedrich von Schlegels Gedichten zur Zeit, als er sich einbildete, ein Dichter zu sein, dies Nichtgesagte als das Beste ausgegeben; doch diese Poesie der Poesie ergab sich gerade als die platteste Prosa.

γ) Das wahrhafte Kunstwerk mu von dieser schiefen Originalitt befreit werden, denn es erweist seine echte Originalitt nur dadurch,  da es als die eine eigene Schpfung eines Geistes erscheint, der nichts von auen her aufliest und zusammenflickt, sondern das Ganze im strengen Zusammenhange aus einem Gu, in einem Tone sich durch sich selber produzieren lt, wie die Sache sich in sich selbst zusammengeeint hat. Finden sich dagegen die Szenen und Motive nicht durch sich selber, sondern blo von auen her zueinander, so ist die innere Notwendigkeit ihrer Einigung nicht vorhanden, und sie erscheinen nur als zufllig durch ein drittes, fremdes Subjekt verknpft. So ist Goethes Gtz besonders seiner groen Originalitt wegen bewundert worden, und allerdings hat Goethe, wie schon oben gesagt ist, mit vieler Khnheit in diesem Werke alles geleugnet und mit Fen getreten, was von den damaligen Theorien der schnen Wissenschaften als Kunstgesetz festgestellt war. Dennoch ist die Ausfhrung nicht von wahrhafter Originalitt. Denn man sieht diesem Jugendwerke noch die Armut eigenen Stoffs an, so da nun viele Zge und ganze Szenen, statt aus dem groen Inhalte selber herausgearbeitet zu sein, hier und dort aus den Interessen der Zeit, in der es verfat ist, zusammengerafft und uerlich eingefgt erscheinen. Die Szene z. B. des Gtz mit dem Bruder Martin, welcher auf Luther hindeutet, enthlt nur Vorstellungen, welche Goethe aus dem geschpft hat, worber man in dieser Periode in Deutschland die Mnche wieder zu bedauern anfing: da sie keinen Wein trinken drften, schlfrig verdauten, dadurch mancherlei Begierden anheimfielen und berhaupt die drei unertrglichen Gelbde, der Armut, Keuschheit und des Gehorsams, ablegen mten. Dagegen begeistert sich Bruder Martin fr das ritterliche Leben Gtzens: wie dieser mit der Beute seiner Feinde beladen sich erinnere: Den stach ich vom Pferd, eh er schieen konnte, und den rannt ich samt dem Pferd nieder, und dann auf sein Schlo komme und sein Weib finde; er trinkt auf Frau Elisabeths Gesundheit und wischt sich die Augen. - Mit diesen zeitlichen Gedanken aber hat Luther nicht angefangen, sondern eine ganz andere Tiefe der religisen Anschauung und berzeugung aus Augustin als ein frommer Mnch geschpft. In derselbigen Weise folgen dann gleich in den nchsten Szenen pdagogische Zeitbeziehungen, die insbesondere Basedow*) in Anregung gebracht hatte. Die Kinder z. B., hie es damals, lernten viel unverstandenes Zeug, die rechte Methode aber bestnde darin, sie durch Anschauung und Erfahrung Realien zu lehren. Karl nun sagt seinem Vater ganz so, wie es zu Goethes Jugendzeit Mode war, auswendig her: Jaxthausen ist ein Dorf und Schlo an der Jaxt, gehrt seit zweihundert Jahren den Herrn von Berlichingen erb- und eigentmlich zu; als jedoch Gtz ihn fragt: Kennst du den Herrn von Berlichingen?, sieht der Bub ihn starr an und kennt vor lauter Gelehrsamkeit seinen eigenen Vater nicht. Gtz versichert, er kannte alle Pfade, Weg und Furten, eh er wute, wie Flu, Dorf und Burg hie. Dies sind fremdartige Anhngsel, welche den Stoff selbst nichts angehen; whrend da, wo derselbe nun in seiner eigentmlichen Tiefe htte gefat werden knnen, im Gesprche z. B. Gtzens und Weislingens, nur kalte prosaische Reflexionen ber die Zeit zum Vorschein kommen.

Ein hnliches Anfgen von einzelnen Zgen, die aus dem Inhalte nicht hervorgehen, finden wir selbst noch in den Wahlverwandtschaften wieder: die Parkanlagen, die lebenden Bilder und Pendelschwingungen, das Metallfhlen, die Kopfschmerzen, das ganze aus der Chemie entlehnte Bild der chemischen Verwandtschaften sind von dieser Art. Im Roman, der in einer bestimmten prosaischen Zeit spielt, ist dergleichen freilich eher zu gestatten, besonders wenn es wie bei Goethe so geschickt und anmutig benutzt wird, und auerdem kann sich ein Kunstwerk nicht von der Bildung seiner Zeit durchweg frei machen; aber ein anderes ist es, diese Bildung selber abspiegeln, ein anderes, die Materialien unabhngig vom eigentlichen Inhalt der Darstellung uerlich aufsuchen und zusammenbringen. Die echte Originalitt des Knstlers wie des Kunstwerks liegt nur darin, von der Vernnftigkeit des in sich selber wahren Gehalts beseelt zu sein. Hat der Knstler diese objektive Vernunft ganz zur seinigen gemacht, ohne sie von innen oder auen her mit fremden Partikularitten zu vermischen und zu verunreinigen, dann allein gibt er in dem gestalteten Gegenstande auch sich selbst in seiner wahrsten Subjektivitt, die nur der lebendige Durchgangspunkt fr das in sich selber abgeschlossene Kunstwerk sein will. Denn in allem wahrhaftigen Dichten, Denken und Tun lt die echte Freiheit das Substantielle als eine Macht in sich walten, welche zugleich so sehr die eigenste Macht des subjektiven Denkens und Wollens selber ist, da in der vollendeten Vershnung beider kein Zwiespalt mehr brigzubleiben vermag. So zehrt zwar die Originalitt der Kunst jede zufllige Besonderheit auf, aber sie verschlingt sie nur, damit der Knstler ganz dem Zuge und Schwnge seiner von der Sache allein erfllten Begeisterung des Genius folgen und statt der Beliebigkeit und leeren Willkr sein wahres Selbst in seiner der Wahrheit nach vollbrachten Sache darstellen knne. Keine Manier zu haben war von jeher die einzig groe Manier, und in diesem Sinne allein sind Homer, Sophokles, Raffael, Shakespeare originell zu nennen.

 

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*) Johann Bernhard Basedow, 1723-1790, Pdagoge

 


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