
1. Das Innere im Unmittelbaren als nur Inneres
a) Wir sahen bereits, der tierische Organismus erhalte sein Frsichsein nur durch steten Proze in sich selbst und gegen eine ihm unorganische Natur, welche er verzehrt, verdaut, sich assimiliert, das uere in Inneres verwandelt und dadurch erst sein Insichsein wirklich macht. Zugleich fanden wir, da dieser stete Proze des Lebens ein System von Ttigkeiten sei, welches sich zu einem System von Organen verwirklicht, in denen jene Ttigkeiten vor sich gehen. Dies in sich beschlossene System hat zu seinem einzigen Zwecke die Selbsterhaltung des Lebendigen durch diesen Proze, und das tierische Leben besteht deshalb nur in einem Leben der Begierde, deren Verlauf und Befriedigung sich an dem erwhnten Systeme der Organe realisiert. Das Lebendige in dieser Weise ist nach der Zweckmigkeit gegliedert; alle Glieder dienen nur als Mittel fr den einen Zweck der Selbsterhaltung. Das Leben ist ihnen immanent; sie sind an das Leben, das Leben an sie gebunden. Das Resultat nun jenes Prozesses ist das Tier als Sichempfindendes, Beseeltes, wodurch es den Selbstgenu seiner als Einzelnen erhlt. Vergleichen wir in dieser Beziehung das Tier mit der Pflanze, so ist schon angedeutet, da der Pflanze eben das Selbstgefhl und die Seelenhaf-tigkeit abgeht, indem sie nur immer neue Individuen an sich selber produziert, ohne sie zu dem negativen Punkt zu konzentrieren, welcher das einzelne Selbst ausmacht. Was wir nun aber vom tierischen Organismus in seiner Lebendigkeit vor uns sehen, ist nicht dieser Einheitspunkt des Lebens, sondern nur die Mannigfaltigkeit der Organe; das Lebendige hat noch die Unfreiheit, sich nicht als einzelnes punktuelles Subjekt gegen das Ausgelassensein in die uere Realitt seiner Glieder zur Erscheinung bringen zu knnen. Der eigentliche Sitz der Ttigkeiten des organischen Lebens bleibt uns verhllt, wir sehen nur die ueren Umrisse der Gestalt, und diese ist wieder durchweg mit Federn, Schuppen, Haaren, Pelz, Stacheln, Schalen berzogen. Dergleichen Bedeckung gehrt freilich dem Animalischen an, doch als animalische Produktionen in Form des Vegetabilischen. Hierin liegt sogleich ein Hauptmangel der Schnheit im Tierisch-Lebendigen. Was uns vom Organismus sichtbar wird, ist nicht die Seele; was sich nach auen kehrt und allenthalben erscheint, ist nicht das innere Leben, sondern es sind Formationen einer niedrigeren Stufe als die eigentliche Lebendigkeit. Das Tier ist nur in sich lebendig; d. h. das Insichsein wird nicht in der Form der Innerlichkeit selber real, und deshalb ist diese Lebendigkeit nicht berall zu erblicken. Weil das Innere ein nur Inneres bleibt, erscheint auch das uere nur als ein ueres und nicht an jedem Teil von der Seele vllig durchdrungen.
b) Der menschliche Krper dagegen steht in dieser Beziehung auf einer hheren Stufe, indem sich an ihm durchgehend vergegenwrtigt, da der Mensch ein beseeltes, empfindendes Eins ist. Die Haut ist nicht mit pflanzenhaft unlebendigen Hllen verdeckt, das Pulsieren des Blutes scheint an der ganzen Oberflche, das klopfende Herz der Lebendigkeit ist gleichsam allgegenwrtig und tritt auch in die uere Erscheinung als eigentmliche Belebtheit, als turgor vitae, als dieses schwellende Leben hinaus. Ebenso erweist sich die Haut als durchweg empfindlich und zeigt die morbidezza, die Fleisch- und Nervenfarbe des Teints, dies Kreuz fr die Knstler. Wie sehr nun aber auch der menschliche Krper im Unterschiede des tierischen seine Lebendigkeit nach auen hin erscheinen lt, so drckt sich an dieser Oberflche dennoch ebensosehr die Bedrftigkeit der Natur in der Vereinzelung der Haut, in den Einschnitten, Runzeln, Poren, Hrchen, derchen usw. aus. Die Haut selbst, welche das innere Leben durch sich hindurchscheinen lt, ist eine Bedeckung fr die Selbsterhaltung nach auen, ein nur zweckmiges Mittel im Dienste natrlicher Bedrftigkeit. Der ungeheure Vorzug jedoch, welcher der Erscheinung des menschlichen Krpers bleibt, besteht in der Empfindlichkeit, die, wenn auch nicht durchweg wirkliches Empfinden, doch wenigstens die Mglichkeit desselben berhaupt dartut. Zugleich aber tritt auch hier wieder der Mangel ein, da dies Empfinden sich nicht als innerlich in sich konzentriertes zur Gegenwart in allen Gliedern herausarbeitet, sondern da im Krper selbst ein Teil der Organe und deren Gestalt nur animalischen Funktionen gewidmet ist, whrend ein anderer nher den Ausdruck des Seelenlebens, der Empfindungen und Leidenschaften in sich aufnimmt. Von dieser Seite scheint die Seele mit ihrem inneren Leben auch nicht durch die ganze Realitt der leiblichen Gestalt hindurch.
c) Derselbe Mangel tut sich gleichfalls hher hinauf in der geistigen Welt und deren Organismen kund, wenn wir sie in ihrer unmittelbaren Lebendigkeit betrachten. Je grer und reicher ihre Gebilde sind, desto mehr bedarf der eine Zweck, der dies Ganze belebt und dessen innere Seele ausmacht, mithandelnder Mittel. In der unmittelbaren Wirklichkeit nun erweisen sich diese allerdings als zweckmige Organe, und was geschieht und hervorgebracht wird, kommt nur durch Vermittlung des Willens zustande; jeder Punkt in solchem Organismus, wie ein Staat, eine Familie, d. h. jedes einzelne Individuum will und zeigt sich auch wohl im Zusammenhange mit den brigen Gliedern desselben Organismus, aber die eine innere Seele dieses Zusammenhangs, die Freiheit und Vernunft des einen Zwecks tritt nicht als diese eine freie und totale innere Beseelung in die Realitt hinaus und macht sich nicht an jedem Teile offenbar.
Dasselbe findet bei besonderen Handlungen und Begebenheiten statt, die in hnlicher Weise in sich ein organisches Ganzes sind. Das Innere, dem sie entspringen, steigt nicht berall bis an die Oberflche und Auengestalt ihrer unmittelbaren Verwirklichung heraus. Was erscheint, ist nur eine reale Totalitt, deren innerlichst zusammengefate Belebung aber als innere zurckbleibt.
Das einzelne Individuum endlich gibt uns in dieser Rcksicht denselben Anblick. Das geistige Individuum ist eine Totalitt in sich, zusammengehalten durch einen geistigen Mittelpunkt. In seiner unmittelbaren Wirklichkeit erscheint es in Leben, Tun, Lassen, Wnschen und Treiben nur fragmentarisch, und doch ist sein Charakter nur aus der ganzen Reihe seiner Handlungen, seines Leidens zu erkennen. In dieser Reihe, welche seine Realitt ausmacht, ist der konzentrierte Einheitspunkt nicht als zusammenfassendes Zentrum sichtbar und erfabar.