a. Die subjektive Manier


Die bloe Manier mu wesentlich von der Originalitt unterschieden werden. Denn die Manier betrifft nur die partikulren und dadurch zuflligen Eigentmlichkeiten des Knstlers, die statt der Sache selbst und deren idealer Darstellung in der Produktion des Kunstwerks hervortreten und sich geltend machen.

α) Manier in diesem Sinne betrifft dann nicht die allgemeinen Arten der Kunst, welche an und fr sich eine unterschiedene Darstellungsweise erfordern, wie z. B. der Landschaftsmaler die Gegenstnde anders aufzufassen hat als der historische Maler, der epische Dichter anders als der lyrische oder dramatische, - sondern Manier ist eine nur diesem Subjekt angehrige Konzeption und zufllige Eigentmlichkeit der Ausfhrung, welche sogar bis dahin fortgehen kann, mit dem wahren Begriff des Ideals in direkten Widerspruch zu geraten. Von dieser Seite her betrachtet, ist die Manier das Schlechteste, dem sich der Knstler hingeben kann, indem er sich nur in seiner beschrnkten Subjektivitt als solcher gehenlt. Die Kunst aber hebt berhaupt die bloe Zuflligkeit des Gehalts sowohl als der ueren Erscheinung auf und macht daher auch an den Knstler die Forderung, da er die zuflligen Partikularitten seiner subjektiven Eigentmlichkeit in sich austilge.

β) Deshalb stellt sich denn auch zweitens die Manier nicht etwa der wahren Kunstdarstellung direkt entgegen, sondern behlt sich mehr nur die ueren Seiten als Spielraum vor. Am meisten gewinnt sie in der Malerei und Musik ihren Platz, weil diese Knste fr die Auffassung und Ausfhrung die grte Breite uerlicher Seiten darbieten. Eine eigentmliche, dem besonderen Knstler und dessen Nachfolgern und Schlern angehrige und durch hufige Wiederholung bis zur Gewohnheit ausgebildete Darstellungsweise macht hier die Manier aus, welche sich nach zwei Seiten hin zu ergehen die Gelegenheit hat.

αα) Die erste Seite betrifft die Auffassung. Der Ton der Luft z. B., der Baumschlag, die Verteilung des Lichts und Schattens, der ganze Ton der Frbung berhaupt lt in der Malerei eine unendliche Mannigfaltigkeit zu. Besonders in der Art der Frbung und Beleuchtung finden wir deshalb auch bei den Malern die grte Verschiedenheit und eigentmlichste Auffassungsweise. Dies kann etwa auch ein Farbton sein, den wir im allgemeinen in der Natur nicht wahrnehmen, weil wir unsere Aufmerksamkeit, obschon er vorkommt, nicht darauf gerichtet haben. Diesem oder jenem Knstler aber ist er aufgefallen, er hat ihn sich angeeignet und ist  nun alles in dieser Art der Frbung und Beleuchtung zu sehen und wiederzugeben gewohnt worden. Wie mit der Frbung kann es ihm dann auch mit den Gegenstnden selber, ihrer Gruppierung, Stellung, Bewegung gehen. Bei den Niederlndern hauptschlich treffen wir diese Seite der Manier hufig an; van der Neers Nachtstcke z. B. und seine Behandlung des Mondlichts, van der Goyens Sandhgel in so vielen seiner Landschaften, der immer wiederkehrende Glanz des Atlas und anderer Seidenstoffe auf so vielen Bildern anderer Meister gehren in diese Kategorie.

ββ) Weiter sodann erstreckt die Manier sich auf die Exekution, auf die Fhrung des Pinsels, den Auftrag, die Verschmelzung der Farben usw.

γγ) Indem nun aber solch eine spezifische Art der Auffassung und Darstellung durch die stets sich erneuernde Wiederkehr zur Gewohnheit verallgemeinert und dem Knstler zur anderen Natur wird, liegt die Gefahr nahe, da die Manier, je spezieller sie ist, um so leichter zu einer seelenlosen und dadurch kahlen Wiederholung und Fabrikation ausartet, bei welcher der Knstler nicht mehr mit vollem Sinn und ganzer Begeisterung dabei ist. Dann sinkt die Kunst zu einer bloen Handgeschicklichkeit und Handwerksfertigkeit herunter, und die an sich selbst nicht verwerfliche Manier kann zu etwas Nchternem und Leblosem werden.

γ) Die echtere Manier hat sich deshalb dieser beschrnkten Besonderheit zu entheben und in sich selbst so zu erweitern, da dergleichen spezielle Behandlungsarten sich nicht zu einer bloen Gewohnheitssache abtten knnen, indem sich der Knstler in allgemeinerer Weise an die Natur der Sache hlt und sich diese allgemeinere Behandlungsart, wie deren Begriff es mit sich fhrt, zu eigen zu machen versteht. In diesem Sinne kann man es z. B. bei Goethe Manier nennen, da er nicht nur gesellschaftliche Gedichte, sondern auch sonstige ernsthaftere Anfnge durch eine heitere Wendung geschickt zu beendigen wei, um das Ernsthafte der Betrachtung oder Situation wieder aufzuheben oder zu entfernen. Auch Horaz in seinen Briefen folgt dieser Manier. Dies ist eine Wendung der Konversation und geselligen Behaglichkeit berhaupt, welche, um nicht tiefer ins Zeug hineinzugeraten, an sich hlt, abbricht und das Tiefere selbst wieder mit Gewandtheit ins Heitere hinberspielt. Auch diese Auffassungsweise ist zwar Manier und gehrt zur Subjektivitt der Behandlung, aber zu einer Subjektivitt, die allgemeinerer Art ist und ganz so verfhrt, wie es innerhalb der beabsichtigten Darstellungsart notwendig ist. Von dieser letzten Stufe der Manier aus knnen wir zur Betrachtung des Stils hinberschreiten.


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Seite zuletzt aktualisiert: 14.09.2004 
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