c. Rekonstruktion der individuellen Selbstndigkeit


Das Interesse nun aber und Bedrfnis solch einer wirklichen, individuellen Totalitt und lebendigen Selbstndigkeit wird und kann uns nie verlassen, wir mgen die Wesentlichkeit und Entwicklung der Zustnde in dem ausgebildeten brgerlichen und politischen Leben als noch so ersprielich und vernnftig anerkennen. In diesem Sinne knnen wir Schillers und Goethes poetischen Jugendgeist in dem Versuche bewundern, innerhalb dieser vorgefundenen Verhltnisse der neueren Zeit die verlorene Selbstndigkeit der Gestalten wiederzugewinnen. Wie sehen wir nun aber Schiller in seinen ersten Werken diesen Versuch ausfhren? Nur durch die Emprung gegen die gesamte brgerliche Gesellschaft selbst. Karl Moor, verletzt von der bestehenden Ordnung und von den Menschen, welche deren Macht mibrauchen, tritt aus dem Kreise der Gesetzlichkeit heraus und macht sich, indem er die Schranken, welche ihn einzwngen, zu durchbrechen die Khnheit hat und sich so selbst einen neuen heroischen Zustand kreiert, zum Wiederhersteller des Rechts und selbstndigen Rcher des Unrechts, der Unbilde und Bedrckung. Doch wie klein und vereinzelt einerseits mu diese Privatrache bei der Unzulnglichkeit der ntigen Mittel ausfallen, und auf der anderen Seite kann sie nur zu Verbrechen fhren, da sie das Unrecht in sich schliet, das sie zerstren will. Von seiten Karl Moors ist dies ein Unglck, ein Migriff, und wenn es auch tragisch ist, knnen doch nur Knaben von diesem Ruberideal bestochen werden. Ebenso qulen sich die Individuen in Kabale und Liebe unter drckenden, widerwrtigen Verhltnissen mit ihren kleinen Partikularitten und Leidenschaften herum, und erst in Fiesco und Don Carlos erscheinen die Hauptgestalten erhobener, indem sie sich einen substantielleren Gehalt, die Befreiung ihres Vaterlandes oder die Freiheit der religisen berzeugung, zu eigen machen und Helden aus Zwecken werden. In hherer Weise noch wirft sich Wallenstein an der Spitze seiner Armee zum Regulator der politischen Verhltnisse auf. Er kennt die Macht dieser Verhltnisse, von denen selbst sein eigenes Mittel, das Heer, abhngig ist, genau und gert deshalb selber lange Zeit in das Schwanken zwischen Willen und Pflicht. Kaum hat er sich entschlossen, als er die Mittel, deren er sich gewi glaubt, unter seinen Hnden zerlaufen, sein Werkzeug zerbrechen sieht. Denn was die Obristen und Generale letztlich bindet, ist nicht die Dankbarkeit fr das, was er ihnen Dankenswertes durch Anstellung und Befrderung erwiesen hat, nicht sein Feldherrnruhm, sondern ihre Pflicht gegen die allgemein anerkannte Macht und Regierung, ihr Eid, den sie dem Oberhaupte des Staats, dem Kaiser der sterreichischen Monarchie, geschworen haben. So findet er sich am Ende allein und wird nicht sowohl bekmpft und besiegt von einer entgegenstehenden ueren Macht, als vielmehr von allen Mitteln zur Ausfhrung seines Zwecks entblt; vom Heer aber verlassen, ist er verloren. Einen hnlichen, wenn auch umgekehrten Ausgangspunkt nimmt Goethe im Gtz. Die Zeit des Gtz und Franz von Sickingen ist die interessante Epoche, in welcher das Rittertum mit der adeligen Selbstndigkeit seiner Individuen durch eine neuentstehende objektive Ordnung und Gesetzlichkeit ihren Untergang findet. Diese Berhrung und Kollision der mittelalterlichen Heroenzeit und des gesetzlichen modernen Lebens zum ersten Thema gewhlt zu haben, bekundet Goethes groen Sinn. Denn Gtz, Sickingen sind noch Heroen, welche aus ihrer Persnlichkeit, ihrem Mut und rechtlichen, geraden Sinn heraus die Zustnde in ihrem engeren oder weiteren Kreise selbstndig regulieren wollen; aber die neue Ordnung der Dinge bringt Gtz selber in Unrecht und richtet ihn zugrunde. Denn nur das Rittertum und Lehnsverhltnis sind im Mittelalter der eigentliche Boden fr diese Art der Selbstndigkeit. - Hat sich nun aber die gesetzliche Ordnung in ihrer prosaischen Gestalt vollstndiger ausgebildet und ist sie das bermchtige geworden, so tritt die abenteuernde Selbstndigkeit ritterlicher Individuen auer Verhltnis und wird, wenn sie sich noch als das allein Gltige festhalten und im Sinne des Rittertums das Unrecht steuern, den Unterdrckten Hilfe leisten will, zu der Lcherlichkeit, in welcher uns Cervantes seinen Don Quijote vor Augen fhrt.

Mit der Berhrung jedoch eines solchen Gegensatzes unterschiedener Weltanschauungen und dem Handeln innerhalb dieser Kollision sind wir bereits an das angestreift, was wir oben schon im allgemeinen als nhere Bestimmtheit und Unterschiedenheit des allgemeinen Weltzustandes, als die Situation berhaupt, bezeichnet haben.


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Seite zuletzt aktualisiert: 14.09.2004 
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