3. Die Beschrnktheit des unmittelbaren einzelnen Daseins


Drittens nun aber steht das unmittelbar Einzelne der natrlichen und geistigen Welt nicht nur berhaupt in Abhngigkeit, sondern die absolute Selbstndigkeit fehlt ihm, weil es beschrnkt und, nher, weil es in sich selbst partikularisiert ist.

a) Jedes einzelne Tier gehrt einer bestimmten und dadurch beschrnkten und festen Art an, ber deren Grenze es nicht hinauszuschreiten vermag. Dem Geiste zwar schwebt ein allgemeines Bild der Lebendigkeit und deren Organisation vor Augen; in der wirklichen Natur aber schlgt sich dieser allgemeine Organismus zu einem Reich der Besonderheiten auseinander, von welchen jede ihren abgegrenzten Typus der Gestalt und ihre besondere Stufe der Ausbildung hat. Innerhalb dieser  unbersteiglichen Schranke ferner drckt sich nur jener Zufall der Bedingungen, uerlichkeiten und die Abhngigkeit von denselben in jedem einzelnen Individuum in selbst zuflliger, partikulrer Weise aus und verkmmert auch von dieser Seite her den Anblick der Selbstndigkeit und Freiheit, welche fr die echte Schnheit erforderlich ist.

b) Nun findet zwar der Geist den vollen Begriff natrlicher Lebendigkeit in seinem eigenen leiblichen Organismus vollstndig verwirklicht, so da in Vergleich mit diesem die Tierarten als unvollkommen, ja auf unteren Stufen als elende Lebendigkeiten erscheinen knnen; jedoch auch der menschliche Organismus zerspaltet sich, wenn auch in geringerem Grade, gleichfalls in Rassenunterschiede und deren Stufengang schner Gestaltungen. Auer diesen, allerdings allgemeineren Unterschieden tritt dann nher wieder die Zuflligkeit festgewordener Familieneigenheiten und deren Vermischung als bestimmter Habitus, Ausdruck, Benehmen hervor, und zu dieser Besonderheit, welche den Zug einer in sich unfreien Partikularitt hereinbringt, gesellen sich dann noch die Eigentmlichkeiten der Beschftigungsweise in endlichen Lebenskreisen, in Betrieb und Beruf, woran sich endlich die gesamten Singularitten des speziellen Charakters, Temperaments mit dem Gefolge sonstiger Verkmmerungen und Trbungen anschlieen. Armut, Sorge, Zorn, Klte und Gleichgltigkeit, die Wut der Leidenschaften, das Festhalten einseitiger Zwecke und die Vernderlichkeit und geistige Zersplitterung, die Abhngigkeit von der ueren Natur, die ganze Endlichkeit des menschlichen Daseins berhaupt spezifiziert sich zur Zuflligkeit ganz partikulrer Physiognomien und deren bleibendem Ausdruck. So gibt es verwitterte Physiognomien, in welchen alle Leidenschaften den Ausdruck ihrer zerstrenden Strme zurckgelassen haben; andere gewhren nur den Anblick der inneren Kahlheit und Flachheit; andere wieder sind so partikulr, da der allgemeine Typus der Formen fast ganz verschwunden ist. Die Zuflligkeit der Gestalten findet kein Ende. Kinder sind deshalb im ganzen am schnsten, weil in ihnen noch alle Partikularitten wie in einem still verschlossenen Keime schlummern, indem noch keine beschrnkte Leidenschaft ihre Brust durchwhlt und keines der mannigfaltigen menschlichen Interessen sich mit dem Ausdruck seiner Not den wandelnden Zgen fest eingegraben hat. In dieser Unschuld aber, obschon das Kind in seiner Lebhaftigkeit als die Mglichkeit von allem erscheint, fehlen dann auch ebensosehr die tieferen Zge des Geistes, der sich in sich zu bettigen und zu wesentlichen Richtungen und Zwecken aufzutun gedrungen ist.

c) Diese Mangelhaftigkeit des unmittelbaren, sowohl physischen als geistigen Daseins ist wesentlich als eine Endlichkeit zu fassen und nher als eine Endlichkeit, welche ihrem Begriff nicht entspricht und durch dieses Nichtentsprechen eben ihre Endlichkeit bekundet. Denn der Begriff und konkreter noch die Idee ist das in sich Unendliche und Freie. Das animalische Leben, obschon es als Leben Idee ist, stellt doch nicht die Unendlichkeit und Freiheit selber dar, welche nur zum Vorschein kommt, wenn der Begriff sich durch seine geme Realitt so ganz hindurchzieht, da er darin nur sich selbst hat und an ihr nichts anderes als sich selber hervortreten lt. Dann erst ist er die wahrhaft freie, unendliche Einzelheit. Das natrliche Leben jedoch bringt es nicht ber die Empfindung hinaus, die in sich bleibt, ohne die gesamte Realitt total zu durchdringen, und sich auerdem in sich unmittelbar bedingt, beschrnkt und abhngig findet, weil sie nicht frei durch sich, sondern durch anderes bestimmt ist. Das gleiche Los trifft die unmittelbare endliche Wirklichkeit des Geistes in seinem Wissen, Wollen, seinen Begebenheiten, Handlungen und Schicksalen.

Denn obschon auch hier sich wesentlichere Mittelpunkte bilden, so sind dies doch nur Mittelpunkte, welche ebensowenig als die  besonderen Einzelheiten an und fr sich selber Wahrheit haben, sondern dieselbe nur in der Beziehung aufeinander durch das Ganze darstellen. Dies Ganze als solches genommen entspricht wohl seinem Begriffe, ohne sich jedoch in seiner Totalitt zu manifestieren, so da es in dieser Weise nur ein Inneres bleibt und deshalb nur fr das Innere der denkenden Erkenntnis ist, statt als das volle Entsprechen selber in die uere Realitt sichtbar hinauszutreten und die tausend Einzelheiten aus ihrer Zerstreuung zurckzurufen, um sie zu einem Ausdruck und einer Gestalt zu konzentrieren.

Dies ist der Grund, weshalb der Geist auch in der Endlichkeit des Daseins und dessen Beschrnktheit und uerlichen Notwendigkeit den unmittelbaren Anblick und Genu seiner wahren Freiheit nicht wiederzufinden vermag und das Bedrfnis dieser Freiheit daher auf einem anderen, hheren Boden zu realisieren gentigt ist. Dieser Boden ist die Kunst und ihre Wirklichkeit das Ideal.

Die Notwendigkeit des Kunstschnen leitet sich also aus den Mngeln der unmittelbaren Wirklichkeit her, und die Aufgabe desselben mu dahin festgesetzt werden, da es den Beruf habe, die Erscheinung der Lebendigkeit und vornehmlich der geistigen Beseelung auch uerlich in ihrer Freiheit darzustellen und das uerliche seinem Begriffe gem zu machen. Dann erst ist das

Wahre aus seiner zeitlichen Umgebung, aus seinem Hinaussichverlaufen in die Reihe der Endlichkeiten herausgehoben und hat zugleich eine uere Erscheinung gewonnen, aus welcher nicht mehr die Drftigkeit der Natur und der Prosa hervorblickt, sondern ein der Wahrheit wrdiges Dasein, das nun auch seinerseits in freier Selbstndigkeit dasteht, indem es seine Bestimmung in sich selber hat und sie nicht durch anderes in sich hineingesetzt findet.


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Seite zuletzt aktualisiert: 14.09.2004 
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