b. Die bestimmte Situation in ihrer Harmlosigkeit

Das zweite jedoch, da die Situation berhaupt in der Bestimmtheit liegt, ist das Heraustreten aus dieser Stille und seligen Ruhe oder aus der alleinigen Strenge und Gewalt der Selbstndigkeit in sich. Die situationslosen und dadurch nach innen und auen unbewegten Gestalten haben sich in Bewegung zu setzen und ihre bloe Einfachheit aufzugeben.

Das nchste Fortschreiten aber zu speziellerer Manifestation in einer besonderen uerung ist die zwar bestimmte, doch noch nicht wesentlich in sich differente und kollisionsvolle Situation.

Diese erste individualisierte uerung bleibt daher von der Art, da sie keine weitere Folge hat, indem sie sich in keinen feindlichen Gegensatz gegen anderes setzt und somit keine Reaktion hervorrufen kann, sondern in ihrer Unbefangenheit durch sich selbst schon fertig und vollendet ist. Hierher gehren diejenigen Situationen, welche im ganzen als ein Spiel zu betrachten sind, insofern in ihnen etwas vor sich geht oder getan wird, womit es eigentlich kein Ernst ist. Denn der Ernst des Tuns und Handelns kommt berhaupt erst durch Gegenstze und Widersprche hervor, die zur Aufhebung und Besiegung der einen oder ndern Seite hindrngen. Deshalb sind diese Situationen auch weder selber Handlungen, noch geben sie den anregenden Anla fr Handlungen ab, sondern sind teils bestimmte, aber in sich ganz einfache Zustnde, teils ein Tun ohne in sich selbst wesentlichen und ernsten Zweck, der aus Konflikten hervorginge oder zu Konflikten fhren knnte.

α) Das Nchste in dieser Beziehung ist der bergang aus der Ruhe der Situationslosigkeit zur Bewegung und uerung, sei es als rein mechanische Bewegung, sei es als erste Regung und Befriedigung irgendeines inneren Bedrfnisses. Wenn die gypter z. B. in ihren Skulpturgestalten die Gtter mit geschlossenen Beinen, unbewegtem Haupt und festanliegenden Armen darstellten, so lsen die Griechen dagegen die Arme und Beine vom Krper los und geben dem Krper eine schreitende und berhaupt in sich mannigfaltige, bewegte Stellung. Ausruhen, Sitzen, ruhiges Hinausschauen sind dergleichen einfache Zustnde, in welchen die Griechen z. B. ihre Gtter auffassen; Zustnde, welche die selbstndige Gttergestalt wohl in eine Bestimmtheit hineinversetzen, doch in eine Bestimmtheit, die nicht in weitere Beziehungen und Gegenstze eingeht, sondern in sich geschlossen bleibt und fr sich selbst ihr Gewhren hat. Situationen dieser einfachsten Art gehren vornehmlich der Skulptur an, und die Alten vor allem sind unerschpflich in Erfindung solcher unbefangenen Zustnde gewesen. Auch hierin bekunden sie ihren groen Sinn; denn durch die Unbedeutendheit gerade der bestimmten Situation hebt [er] die Hhe und Selbstndigkeit ihrer Ideale um so mehr hervor und bringt durch das Harmlose und Unwichtige des Tuns und Lassens die selige, ruhige Stille und Unwandelbarkeit des ewigen Gtter um so nher zur Anschauung. Die Situation weist dann auf den besonderen Charakter eines Gottes oder Heros nur berhaupt hin, ohne ihn in Bezug mit anderen Gttern oder gar in feindliche Berhrung und Zwiespalt zu versetzen.

β) Weiter schon geht die Situation zur Bestimmtheit fort, wenn sie irgendeinen besonderen Zweck in seiner in sich fertigen Ausfhrung, ein Tun, das in Verhltnis zum ueren steht, andeutet und den in sich selbstndigen Gehalt innerhalb solcher Bestimmtheit ausdrckt. Auch dies sind uerungen, durch welche die Ruhe und heitere Seligkeit der Gestalten nicht getrbt wird, sondern die selber nur als eine Folge und bestimmte Weise dieser Heiterkeit erscheinen. Auch in solchen Erfindungen waren die Griechen hchst sinnvoll und reich. Zur Unbefangenheit der Situationen gehrt hier, da sie nicht ein Tun enthalten, welches blo als der Anfang einer Tat erscheint, so da daraus noch weitere Verwicklungen und Gegenstze entspringen mten, sondern da sich die ganze Bestimmtheit in diesem Tun als abgeschlossen zeigt. So fat man z. B. die Situation des Apoll von Belvedere so auf, da Apollo siegesgewi, nachdem er den Python mit dem Pfeile gettet, in seiner Hoheit zrnend vorschreitet. Diese Situation hat schon nicht mehr die grandiose Einfachheit der frheren griechischen Skulptur, welche die Ruhe und Kindlichkeit der Gtter durch unbedeutendere uerungen kenntlich machte: Venus z. B., dem Bade entsteigend, ihrer Macht bewut, ruhig hinausblickend; Faune und Satyrn in spielenden Situationen, welche als Situationen nichts Weiteres sollen und wollen; der Satyr z. B., der den jungen Bacchus im Arme hlt und das Kind lchelnd mit unendlicher Se und Anmut betrachtet; Amor in den mannigfaltigsten hnlichen unbefangenen Ttigkeiten - das sind alles Beispiele dieser Art der Situation. Wird das Tun dagegen konkreter, so ist solche verwickeitere Situation, fr die Skulpturdarstellung der griechischen Gtter als selbstndiger Mchte wenigstens, unzweckmiger, weil dann die reine Allgemeinheit des individuellen Gottes durch die gehufte Partikularitt seines bestimmten Tuns nicht so hindurchzuscheinen vermag. Der Merkur z. B. von Pigalle, welcher als ein Geschenk Ludwigs XV. in Sanssouci aufgestellt ist, befestigt sich soeben die Flgelsohlen. Dies ist ein durchaus harmloses Geschft. Der Merkur von Thorwaldsen dagegen hat eine fr die Skulptur fast allzu komplizierte Situation: er pat nmlich, soeben seine Flte fortlegend, dem Marsyas auf; listig blickt er auf ihn hin, lauernd, da er ihn tten knne, indem er heimtckisch nach dem versteckten Dolche greift. Umgekehrt ist zwar, um noch eines neueren Kunstwerks zu erwhnen, die Sandalenbinderin von Rudolf Schadow in der hnlichen einfachen Beschftigung Merkurs begriffen, hier aber behlt die Harmlosigkeit nicht mehr das gleiche Interesse, das mit ihr verknpft ist, wenn sich ein Gott in solcher Unbefangenheit darstellt. Wenn ein Mdchen sich die Sandalen bindet oder spinnt, so zeigt sich darin nichts als eben dies Binden und Spinnen, das fr sich bedeutungslos und unwichtig ist.

γ) Hierin nun drittens liegt, da die bestimmte Situation berhaupt kann als ein blo uerer, bestimmterer oder unbestimmterer Anla behandelt werden, welcher nur die Gelegenheit zu anderweitigen, enger oder loser damit verknpften uerungen gibt. Viele lyrische Gedichte z. B. haben solche gelegentliche Situation. Eine besondere Stimmung und Empfindung ist eine Situation, die dichterisch gewut und gefat werden kann und auch in Beziehung auf uere Umstnde, Festlichkeiten, Siege usf. zu diesem oder jenem umfassenderen oder beschrnkteren Aussprechen und Gestalten von Gefhlen und Vorstellungen treibt. Im hchsten Sinne des Worts sind z. B. Pindars Preisgesnge solche Gelegenheitsgedichte. Auch Goethe hat viele lyrische Situationen dieser Art zum Stoff genommen; ja in der weiteren Bedeutung knnte man selbst seinem Werther den Namen eines Gelegenheitsgedichts beilegen, denn durch den Werther hat Goethe seine eigene innere Zerrissenheit und Qual des Herzens, die Begebnisse seiner eigenen Brust zum Kunstwerk herausgearbeitet, wie der lyrische Dichter berhaupt seinem Herzen Luft macht und das ausspricht, wovon er selbst als Subjekt affiziert ist. Dadurch lst sich das zunchst nur im Innern Festhaftende los und wird zum ueren Objekt, von dem der Mensch sich befreit hat - wie die Trnen erleichtern, in denen der Schmerz sich ausweint. Goethe hat sich, wie er selber sagt, durch die Abfassung des Werther von der Not und Bedrngnis des Innern, welche er schildert, befreit. Doch die hier dargestellte Situation gehrt noch nicht in diese Stufe hinein, da sie die tiefsten Gegenstze in sich fat und sich entwickeln lt.

In solcher lyrischen Situation nun kann einerseits allerdings irgendein objektiver Zustand, eine Ttigkeit in Beziehung auf die uere Welt sich kundgeben, andererseits aber ebensosehr das Gemt als solches in seiner inneren Stimmung sich von allem sonstigen ueren Zusammenhang in sich zurckziehen und von der Innerlichkeit seiner Zustnde und Empfindungen den Ausgangspunkt nehmen.


 © textlog.de 2004 06.09.2026 12:02:25
Seite zuletzt aktualisiert: 14.09.2004 
bibliothek
text
  Home  Impressum  Copyright