a. Die allgemeinen Mchte des Handelns

α) Wie sehr wir auch bei der Betrachtung des Handelns auf der Stufe der Bestimmtheit und Differenz des Ideals stehen, so mu dennoch im wahrhaft Schnen jede Seite des Gegensatzes, zu welchem die Konflikte sich aufschlieen, noch den Stempel des Ideals an sich tragen und darf deshalb der Vernnftigkeit und Berechtigung nicht entbehren. Interessen idealer Art mssen sich bekmpfen, so da Macht auftritt gegen Macht. Diese Interessen sind die wesentlichen Bedrfnisse der menschlichen Brust, die in sich selbst notwendigen Zwecke des Handelns, in sich berechtigt und vernnftig, und dadurch eben die allgemeinen, ewigen Mchte des geistigen Daseins: nicht das absolut Gttliche selber, aber die Shne der einen absoluten Idee und deshalb herrschend und gltig; Kinder des einen allgemein Wahren, obschon nur bestimmte, besondere Momente desselben. Durch ihre Bestimmtheit zwar knnen sie in Gegensatz geraten, doch ihrer Differenz unerachtet mssen sie in sich selber Wesentlichkeit haben, um als das bestimmte Ideal zu erscheinen. Dies sind die groen Motive der Kunst, die ewigen religisen und sittlichen Verhltnisse: Familie, Vaterland, Staat, Kirche, Ruhm, Freundschaft, Stand, Wrde, in der Welt des Romantischen besonders die Ehre und Liebe usf. In dem Grade ihrer Gltigkeit sind diese Mchte verschieden, alle aber in sich selbst vernnftig. Zugleich sind es die Mchte des menschlichen Gemts, welche der Mensch, weil er Mensch ist, anzuerkennen, in sich walten zu lassen und zu bettigen hat. Jedoch drfen sie nicht nur als Rechte einer positiven Gesetzgebung auftreten. Denn teils widerstrebt schon die Form positiver Gesetzgebung, wie wir sahen, dem Begriff und der Gestalt des Ideals, teils kann der Inhalt positiver Rechte das an und fr sich Ungerechte ausmachen, wie sehr es auch die Form des Gesetzes angenommen hat. Jene Verhltnisse aber sind nicht das nur uerlich Feststehende, sondern die an und fr sich substantiellen Gewalten, welche eben, weil sie den wahrhaften Gehalt des Gttlichen und Menschlichen in sich enthalten, nun auch das Treibende im Handeln und das letztlich stets sich Vollbringende bleiben.
Von dieser Art z. B. sind die Interessen und Zwecke, welche sich in der Antigone des Sophokles bekmpfen. Kreon, der Knig, hat als Oberhaupt der Stadt das strenge Gebot erlassen, der Sohn des dipus, der als Feind des Vaterlandes gegen Theben herangezogen war, solle die Ehre des Begrbnisses nicht haben. In diesem Befehl liegt eine wesentliche Berechtigung, die Sorge fr das Wohl der ganzen Stadt. Aber Antigone ist von einer gleich sittlichen Macht beseelt, von der heiligen Liebe zum Bruder, den sie nicht unbegraben den Vgeln zur Beute kann liegenlassen. Die Pflicht des Begrbnisses nicht zu erfllen, wre gegen die Familienpiett, und deshalb verletzt sie Kreons Gebot.
β) Nun knnen zwar die Kollisionen in der mannigfachsten Weise eingeleitet werden; aber die Notwendigkeit der Reaktion mu nicht durch etwas Bizarres oder Widriges veranlat sein, sondern durch etwas in sich selbst Vernnftiges und Berechtigtes. So ist z. B. die Kollision in dem bekannten deutschen Gedichte Hartmanus von der Aue, Der arme Heinrich, abstoend. Der Held ist von der Miselsucht, einer unheilbaren Krankheit, befallen und wendet sich hilfesuchend an die Mnche von Salerno. Sie fordern, ein Mensch msse sich freiwillig fr ihn opfern, da ihm nur aus einem Menschenherzen das ntige Heilmittel knne bereitet werden. Ein armes Mdchen, das den Ritter liebt, entschliet sich willig zum Tode und zieht mit ihm nach Italien. Dies ist durchaus barbarisch, und die stille Liebe und rhrende Ergebenheit des Mdchens kann deshalb ihre volle Wirkung nicht tun. Bei den Alten kommt zwar auch das Unrecht der Menschenopfer als Kollision vor - wie in der Geschichte der Iphigenie z. B., die erst geopfert werden und dann selber den Bruder opfern soll; einerseits hngt aber dieser Konflikt hier mit anderen in sich berechtigten Verhltnissen zusammen, andererseits liegt das Vernnftige, wie schon oben bemerkt ist, darin, da sowohl Iphigenie als auch Orestes gerettet und die Gewalt jener rechtlosen Kollision gebrochen wird - was freilich auch in dem erwhnten Gedichte Hartmanns von der Aue der Fall ist, insofern Heinrich, als er selber das Opfer zuletzt nicht annehmen will, durch Gottes Hilfe von seiner Krankheit befreit und nun das Mdchen fr seine treue Liebe belohnt wird.
An jene obengenannten affirmativen Mchte schlieen sich sogleich andere entgegengesetzte an, die Mchte nmlich des Negativen, Schlechten und Bsen berhaupt. Das blo Negative jedoch darf in der idealen Darstellung einer Handlung als der wesentliche Grund fr die notwendige Reaktion seine Stelle nicht finden. Die Realitt des Negativen kann zwar dem Negativen und dessen Wesen und Natur entsprechen; wenn aber der innere Begriff und Zweck bereits in sich selber nichtig ist, so lt die schon innere Hlichkeit noch weniger in seiner ueren Realitt eine echte Schnheit zu. Die Sophistik der Leidenschaft kann zwar durch Geschicklichkeit, Strke und Energie des Charakters den Versuch machen, positive Seiten in das Negative hineinzubringen; wir behalten aber dennoch nur die Anschauung eines bertnchten Grabes. Denn das nur Negative ist berhaupt in sich matt und platt und lt uns deshalb entweder leer oder stt uns zurck, mag es nun als Beweggrund einer Handlung oder blo als Mittel gebraucht werden, um die Reaktion eines anderen herbeizufhren. Das Grausame, Unglckliche, die Herbigkeit der Gewalt und Hrte der bermacht lassen sich noch in der Vorstellung zusammenhalten und ertragen, wenn sie durch gehaltvolle Gre des Charakters und Zwecks gehoben und getragen sind; das Bse als solches aber, Neid, Feigheit und Niedertrchtigkeit sind und bleiben nur widrig. Der Teufel fr sich ist deshalb eine schlechte, sthetisch unbrauchbare Figur; denn er ist nichts als die Lge in sich selbst und deshalb eine hchst prosaische Person. Ebenso sind zwar die Furien des Hasses und so viele sptere Allegorien hnlicher Art wohl Mchte, aber ohne affirmative Selbstndigkeit und Halt und fr die ideale Darstellung ungnstig, obschon auch in dieser Beziehung fr die besonderen Knste und die Art und Weise, in welcher sie ihren Gegenstand unmittelbar vor die Anschauung bringen oder nicht, ein groer Unterschied des Erlaubten und Verbotenen festzustellen ist. Das Bse jedoch ist im allgemeinen in sich kahl und gehaltlos, weil aus demselben nichts als selber nur Negatives, Zerstrung und Unglck herauskommt, whrend uns die echte Kunst den Anblick einer Harmonie in sich darbieten soll. Vornehmlich ist die Niedertrchtigkeit verchtlich, weil sie aus dem Neid und Ha gegen das Edle entspringt und sich nicht scheut, auch in sich Berechtigtes zum Mittel fr die eigene schlechte oder schndliche Leidenschaft zu verkehren. Die groen Dichter und Knstler des Altertums geben uns deshalb nicht den Anblick der Bosheit und Verworfenheit; Shakespeare dagegen fhrt uns in Lear z. B. das Bse in seiner ganzen Grlichkeit vor. Der alte Lear teilt das Reich unter seine Tchter und ist dabei so tricht, ihren falschen schmeichelnden Worten zu trauen und die stumme, treue Cordelia zu verkennen. Das ist schon tricht und verrckt, und so bringt ihn denn die schmhlichste Undankbarkeit und Nichtswrdigkeit der lteren Tchter und ihrer Mnner zur wirklichen Verrcktheit. In einer anderen Weise wieder spreizen und blasen sich hufig die Helden der franzsischen Tragdie gewaltig zu den grten und edelsten Motiven auf und machen groes Geprnge mit ihrer Ehre und Wrde, vernichten aber ebensosehr wieder durch das, was sie wirklich sind und vollbringen, die Vorstellung dieser Motive. Vorzglich jedoch ist in neuester Zeit die innere haltlose Zerrissenheit, welche alle widrigsten Dissonanzen durchgeht, Mode geworden und hat einen Humor der Abscheulichkeit und eine Fratzenhaftigkeit der Ironie zuwege gebracht, in der sich [Ernst] Theodor [Amadeus] Hoffmann z. B. wohlgefiel.