
b. Das Talent und Genie
Diese produktive Ttigkeit nun der Phantasie, durch welche der Knstler das an und fr sich Vernnftige in sich selbst als sein eigenstes Werk zur realen Gestalt herausarbeitet, ist es, die Genie, Talent usf. genannt wird.
α) Welche Seiten zum Genie gehren, haben wir daher soeben bereits betrachtet. Das Genie ist die allgemeine Fhigkeit zur wahren Produktion des Kunstwerks sowie die Energie der Ausbildung und Bettigung derselben. Ebensosehr aber ist diese Befhigung und Energie zugleich nur als subjektive, denn geistig produzieren kann nur ein selbstbewutes Subjekt, das sich ein solches Hervorbringen zum Zwecke setzt. Nher jedoch pflegt man noch einen bestimmten Unterschied zwischen Genius und Talent zu machen. Und in der Tat sind beide auch nicht unmittelbar identisch, obschon ihre Identitt zum vollkommenen knstlerischen Schaffen notwendig ist. Die Kunst nmlich, insofern sie berhaupt individualisiert und zur realen Erscheinung ihrer Produkte herauszutreten hat, fordert nun auch zu den besonderen Arten dieser Verwirklichung unterschiedene besondere Fhigkeiten. Eine solche kann man als Talent bezeichnen, wie der eine z. B. ein Talent zum vollendeten Violinspiel hat, der andere zum Gesang usf. Ein bloes Talent aber kann es nur in einer so ganz vereinzelten Seite der Kunst zu etwas Tchtigem bringen und fordert, um in sich selber vollendet zu sein, dennoch immer wieder die allgemeine Kunstbefhigung und Beseelung, welche der Genius allein verleiht. Talent ohne Genie daher kommt nicht weit ber die uere Fertigkeit hinaus.
β) Talent und Genie nun ferner, heit es gewhnlich, mten dem Menschen angeboren sein. Auch hierin liegt eine Seite, mit der es seine Richtigkeit hat, obschon sie in anderer Beziehung ebensosehr wieder falsch ist. Denn der Mensch als Mensch ist auch zur Religion z. B., zum Denken, zur Wissenschaft geboren, d. h. er hat als Mensch die Fhigkeit, ein Bewutsein von Gott zu erhalten und zur denkenden Erkenntnis zu kommen. Es braucht dazu nichts als der Geburt berhaupt und der Erziehung, Bildung, des Fleies.
Mit der Kunst verhlt es sich anders; sie fordert eine spezifische Anlage, in welche auch ein natrliches Moment als wesentlich hineinspielt. Wie die Schnheit selber die im Sinnlichen und Wirklichen realisierte Idee ist und das Kunstwerk das Geistige zur Unmittelbarkeit des Daseins fr Auge und Ohr herausstellt, so mu auch der Knstler nicht in der ausschlielich geistigen Form des Denkens, sondern innerhalb der Anschauung und Empfindung und nher in bezug auf ein sinnliches Material und im Elemente desselben gestalten. Dies knstlerische Schaffen schliet deshalb, wie die Kunst berhaupt, die Seite der Unmittelbarkeit und Natrlichkeit in sich, und diese Seite ist es, welche das Subjekt nicht in sich selbst hervorbringen kann, sondern als unmittelbar gegeben in sich vorfinden mu. Dies allein ist die Bedeutung, in welcher man sagen kann, das Genie und Talent msse angeboren sein.
In hnlicher Art sind auch die verschiedenen Knste mehr oder weniger nationeil und stehen mit der Naturseite eines Volks im Zusammenhange. Die Italiener z. B. haben Gesang und Melodie fast von Natur, bei den nordischen Vlkern dagegen ist die Musik und Oper, obgleich sie die Ausbildung derselben sich mit groem Erfolg haben angelegentlich sein lassen, ebensowenig als die Orangenbume vollstndig einheimisch geworden. Den Griechen ist die schnste Ausgestaltung der epischen Dichtkunst und vor allem die Vollendung der Skulptur eigen, wogegen die Rmer keine eigentlich selbstndige Kunst besaen, sondern sie erst von Griechenland her in ihren Boden verpflanzen muten. Am allgemeinsten verbreitet ist daher berhaupt die Poesie, weil in ihr das sinnliche Material und dessen Formierung die wenigsten Anforderungen macht. Innerhalb der Poesie ist wiederum das Volkslied am meisten nationeil und an Seiten der Natrlichkeit geknpft, weshalb das Volkslied auch den Zeiten geringer geistiger Ausbildung angehrt und am meisten die Unbefangenheit des Natrlichen bewahrt. Goethe hat in allen Formen und Gattungen der Poesie Kunstwerke produziert, das Innigste aber und Unabsichtlichste sind seine ersten Lieder. Zu ihnen gehrt die geringste Kultur. Die Neugriechen z. B. sind noch jetzt ein dichtendes, singendes Volk. Was heut oder gestern Tapferes geschehen, ein Todesfall, die besonderen Umstnde desselben, ein Begrbnis, jedes Abenteuer, eine einzelne Unterdrckung von seiten der Trken -alles und jedes wird bei ihnen sogleich zum Liede, und man hat viele Beispiele, da oft an dem Tage einer Schlacht schon Lieder auf den neuerrungenen Sieg gesungen wurden. Fauriel*) hat eine Sammlung neugriechischer Lieder herausgegeben, zum Teil aus dem Munde der Frauen, Ammen und Kindermdchen, die sich nicht genug verwundern konnten, da er ber ihre Lieder erstaunte. - In dieser Weise hngt die Kunst und ihre bestimmte Produktionsart mit der bestimmten Nationalitt der Vlker zusammen. So sind die Improvisatoren hauptschlich in Italien einheimisch und von bewunderungswrdigem Talent. Ein Italiener improvisiert noch heute fnfaktige Dramen, und dabei ist nichts Auswendiggelerntes, sondern alles entspringt aus der Kenntnis menschlicher Leidenschaften und Situationen und aus tiefer gegenwrtiger Begeisterung. Ein armer Improvisator, als er eine geraume Zeit gedichtet hatte und endlich umherging, um von den Umstehenden in einen schlechten Hut Geld einzusammeln, war noch so in Eifer und Feuer, da er zu deklamieren nicht aufhren konnte und mit den Armen und Hnden so lange fortgestikulierte und schwenkte, bis am Ende all sein zusammengebetteltes Geld verschttet war.
γ) Zum Genie nun drittens gehrt, weil es diese Seite der Natrlichkeit in sich fat, auch die Leichtigkeit der inneren Produktion und der ueren technischen Geschicklichkeit in Ansehung bestimmter Knste. Man spricht in dieser Beziehung z. B. bei einem Dichter viel von der Fessel des Versmaes und Reims oder bei einem Maler von den mannigfaltigen Schwierigkeiten, welche Zeichnung, Farbenkenntnis, Schatten und Licht der Erfindung und Ausfhrung in den Weg legten. Allerdings gehrt zu allen Knsten ein weitlufiges Studium, ein anhaltender Flei, eine vielfach ausgebildete Fertigkeit; je grer jedoch und reichhaltiger das Talent und Genie ist, desto weniger wei es von einer Mhseligkeit im Erwerben der fr die Produktion notwendigen Geschicklichkeiten. Denn der echte Knstler hat den natrlichen Trieb und das unmittelbare Bedrfnis, alles, was er in seiner Empfindung und Vorstellung hat, sogleich zu gestalten. Diese Gestaltungsweise ist seine Art der Empfindung und Anschauung, welche er mhelos als das eigentliche ihm angemessene Organ in sich findet. Ein Musiker z. B. kann das Tiefste, was sich in ihm regt und bewegt, nur in Melodien kundgeben, und was er empfindet, wird ihm unmittelbar zur Melodie, wie es dem Maler zu Gestalt und Farbe und dem Dichter zur Poesie der Vorstellung wird, die ihre Gebilde in wohllautende Worte kleidet. Und diese Gestaltungsgabe besitzt er nicht nur als theoretische Vorstellung, Einbildungskraft und Empfindung, sondern ebenso unmittelbar auch als praktische Empfindung, d. h. als Gabe wirklicher Ausfhrung. Beides ist im echten Knstler verbunden. Was in seiner Phantasie lebt, kommt ihm dadurch gleichsam in die Finger, wie es uns in den Mund kommt, herauszusagen, was wir denken, oder wie unsere innersten Gedanken, Vorstellungen und Empfindungen unmittelbar an uns selber in Stellung und Gebrden erscheinen. Der echte Genius ist seit jeher mit den Auenseiten der technischen Ausfhrung leicht zustande gekommen und hat auch selbst das rmste und scheinbar ungefgigste Material so weit bezwungen, da es die inneren Gestalten der Phantasie in sich aufzunehmen und darzustellen gentigt wurde. Was in dieser Weise unmittelbar in ihm liegt, mu der Knstler zwar zur vollstndigen Fertigkeit durchben, die Mglichkeit unmittelbarer Ausfhrung jedoch mu ebensosehr als Naturgabe in ihm sein; sonst bringt es die blo eingelernte Fertigkeit nie zu einem lebendigen Kunstwerk. Beide Seiten, die innere Produktion und deren Realisierung, gehen dem Begriff der Kunst gem durchweg Hand in Hand.
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*) Claude Charles Fauriel, 1772-1844, franzsischer Philologe