b. Die handelnden Individuen

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Bei den Gtteridealen, wie wir sie soeben betrachtet haben, fllt es der Kunst nicht schwer, sich die geforderte Idealitt zu bewahren. Sobald es jedoch an das konkrete Handeln gehen soll, tritt fr die Darstellung eine eigentmliche Schwierigkeit ein. Die Gtter nmlich und allgemeinen Mchte berhaupt sind zwar das Bewegende und Treibende, doch in der Wirklichkeit ist ihnen das eigentliche, individuelle Handeln nicht zuzuteilen, sondern das Handeln kommt dem Menschen zu. Dadurch erhalten wir zwei geschiedene Seiten. Auf der einen stehen jene allgemeinen Mchte in ihrer auf sich beruhenden und deshalb abstrakteren Substantialitt; auf der anderen die menschlichen Individuen, denen das Beschlieen und der letzte Entschlu zur Handlung sowie das wirkliche Vollbringen angehrt. Der Wahrheit nach sind die ewigen herrschenden Gewalten dem Selbst des Menschen immanent, sie machen die substantielle Seite seines Charakters aus; insofern sie aber in ihrer Gttlichkeit selber als Individuen und damit als ausschlieend aufgefat werden, treten sie sogleich in ein uerliches Verhltnis zum Subjekt. Dies bringt hier die wesentliche Schwierigkeit hervor. Denn in diesem Verhltnis der Gtter und Menschen liegt unmittelbar ein Widerspruch. Einerseits ist der Inhalt der Gtter das Eigentum, die individuelle Leidenschaft, der Beschlu und der Wille des Menschen; auf der anderen Seite aber werden die Gtter als an und fr sich seiende, von dem einzelnen Subjekt nicht nur unabhngige, sondern als die dasselbe antreibenden und bestimmenden Gewalten aufgefat und herausgehoben, so da die gleichen Bestimmungen einmal in selbstndiger gttlicher Individualitt, das andere Mal als das Eigenste der menschlichen Brust dargestellt werden. Hierdurch erscheint sowohl die freie Selbstndigkeit der Gtter als auch die Freiheit der handelnden Individuen gefhrdet. Hauptschlich, wenn den Gttern die befehlende Macht zugeteilt wird, leidet darunter die menschliche Selbstndigkeit, welche wir doch fr das Ideale der Kunst als durchaus wesentliche Forderung aufgestellt haben. Es ist dies dasselbe Verhltnis, das auch in christlich-religisen Vorstellungen in Frage kommt. So heit es z. B., der Geist Gottes fhre zu Gott. Dann aber kann das menschliche Innere als der blo passive Boden erscheinen, auf den der Geist Gottes einwirkt, und der menschliche Wille ist in seiner Freiheit vernichtet, indem der gttliche Ratschlu dieser Wirkung fr ihn gleichsam eine Art Fatum bleibt, bei welchem er nicht mit seinem eigenen Selbst dabei ist.
α) Wird nun dies Verhltnis so gestellt, da der handelnde Mensch dem Gott uerlich als dem Substantiellen gegenbersteht, so bleibt die Beziehung beider ganz prosaisch. Denn der Gott befiehlt, und der Mensch hat nur zu gehorchen. Von der uerlichkeit der Gtter und Menschen gegeneinander haben selbst groe Dichter sich nicht freizuhalten vermocht. Bei Sophokles beharrt Philoktet z. B., nachdem er den Trug des Odysseus zuschanden gemacht hat, bei seinem Entschlu, nicht mit nach dem Lager der Griechen zu kommen, bis endlich Herakles als Deus ex machina auftritt und ihm befiehlt, dem Wunsche des Neoptolemos nachzugeben. Der Inhalt dieser Erscheinung ist zwar motiviert genug, und sie selber wird erwartet; die Wendung selber aber bleibt immer fremd und uerlich, und in seinen edelsten Tragdien gebraucht Sophokles diese Art der Darstellung nicht, durch welche, wenn sie noch einen Schritt weitergeht, die Gtter zu toten Maschinen und die Individuen zu bloen Instrumenten einer ihnen fremden Willkr werden.
In der hnlichen Weise kommen besonders im Epischen Einwirkungen der Gtter vor, welche der menschlichen Freiheit uerlich erscheinen. Hermes z. B. geleitet den Priamos zum Achill; Apollo schlgt den Patroklos zwischen die Schultern und macht seinem Leben ein Ende. Ebenso werden hufig mythologische Zge so benutzt, da sie als ein uerliches Sein an den Individuen hervortreten. Achill z. B. ist von seiner Mutter in den Styx getaucht und dadurch bis zu den Fersen unverwundbar und unberwindlich. Stellen wir uns dies in verstndiger Weise vor, so verschwindet alle Tapferkeit, und das ganze Heldenwesen Achills wird aus einem geistigen Charakterzuge zu einer blo physischen Qualitt. Dem Epischen aber kann eine solche Darstellungsart weit eher erlaubt bleiben als dem Dramatischen, da im Epischen die Seite der Innerlichkeit in betreff auf die Absicht beim Durchfhren der Zwecke zurcktritt und der uerlichkeit berhaupt einen breiteren Spielraum lt. Jene blo verstndige Reflexion, welche dem Dichter die Absurditt aufbrdet, da seine Helden keine Helden seien, mu deshalb mit hchster Vorsicht auftreten, denn auch in solchen Zgen lt sich, wie wir sogleich noch sehen werden, das poetische Verhltnis der Gtter und Menschen bewahren. Dagegen macht sich das Prosaische sogleich geltend, wenn auerdem die Mchte, welche als selbstndig hingestellt werden, in sich substanzlos sind und nur der phantastischen Willkr und Bizarrerie einer falschen Originalitt angehren.
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