c. Der Charakter

 

β) Bei dieser Totalitt als solcher nun aber kann die Kunst noch nicht stehenbleiben. Denn wir haben es mit dem Ideal in seiner Bestimmtheit zu tun, wodurch sich die nhere Forderung der Besonderheit und Individualitt des Charakters herzudrngt. Die Handlung besonders in ihrem Konflikt und ihrer Reaktion macht den Anspruch auf Beschrnkung und Bestimmtheit der Gestalt. Deshalb sind auch die dramatischen Helden grtenteils einfacher in sich als die epischen. Die festere Bestimmtheit nun kommt durch das besondere Pathos hervor, das sich zum wesentlichen, hervorstechenden Charakterzuge macht und zu bestimmten Zwecken, Entschlssen und Handlungen fhrt. Wird jedoch die Beschrnkung wieder so weit getrieben, da ein Individuum nur zur bloen, in sich abstrakten Form eines bestimmten Pathos, wie Liebe, Ehre usf., ausgeleert ist, so geht darber alle Lebendigkeit und Subjektivitt verloren und die Darstellung wird - wie bei den Franzosen - hufig nach dieser Seite hin kahl und arm. Es mu deshalb in der Besonderheit des Charakters wohl eine Hauptseite als die herrschende erscheinen, innerhalb der Bestimmtheit aber die volle Lebendigkeit und Flle bewahrt bleiben, so da dem Individuum der Raum gelassen ist, sich nach vielen Seiten hinzuwenden, in mannigfache Situationen einzugehen und den Reichtum eines in sich gebildeten Inneren in vielfacher uerung zu entfalten. Von dieser Lebendigkeit, des in sich einfachen Pathos ungeachtet, sind die Sophokleischen tragischen Gestalten. Man kann sie in ihrer plastischen Abgeschlossenheit den Bildern der Skulptur vergleichen. Denn auch die Skulptur vermag der Bestimmtheit zum Trotz dennoch eine Vielseitigkeit des Charakters auszudrcken. Sie stellt zwar im Gegensatz der hinaustobenden Leidenschaft, welche sich mit ganzer Kraft nur auf einen Punkt wirft, in ihrer Stille und Stummheit die krftige Neutralitt dar, die alle Mchte ruhig in sich verschliet; aber diese ungetrbte Einheit bleibt dennoch nicht bei abstrakter Bestimmtheit stehen, sondern lt in ihrer Schnheit zugleich die Geburtssttte von allem als die unmittelbare Mglichkeit ahnen, in die verschiedenartigsten Verhltnisse herberzutreten. Wir sehen in den echten Gestalten der Skulptur eine ruhige Tiefe, die das Vermgen in sich fat, aus sich heraus alle Mchte zu verwirklichen. Mehr noch als von der Skulptur mu von der Malerei, Musik und Poesie die innere Mannigfaltigkeit des Charakters gefordert werden und ist von den echten Knstlern auch jederzeit geleistet worden. Romeo z. B. in Shakespeares Romeo und Julia hat zu seinem Hauptpathos die Liebe; dennoch sehen wir ihn in den verschiedenartigsten Verhltnissen zu seinen Eltern, zu Freunden, seinem Pagen, in Ehrenstreitigkeiten und Zweikampf mit Tybalt, in Ehrfurcht und Vertrauen zum Mnch und selbst am Rande des Grabes im Zwiegesprch mit dem Apotheker, von dem er sich das tdliche Gift kauft, und immer wrdig und edel und von tiefer Empfindung. Ebenso umfat Julia eine Totalitt der Verhltnisse zum Vater, zu der Mutter, der Amme, dem Grafen Paris, dem Pater. Und dennoch ist sie gleich tief in sich als in jede dieser Situationen hineingegraben, und ihr ganzer Charakter wird nur von einer Empfindung, von der Leidenschaft einer Liebe durchdrungen und getragen, die so tief und weit ist als die unbegrenzte See, so da Julia mit Recht sagen darf: Je mehr ich gebe, je mehr auch hab ich: beides ist unendlich. Wenn es daher auch nur ein Pathos ist, das sich darstellt, so mu es dennoch als Reichtum seiner in sich selbst sich entwickeln. Dies ist selber im Lyrischen der Fall, wo doch das Pathos nicht zur Handlung in konkreten Verhltnissen werden kann. Auch hier nmlich mu es sich als innerer Zustand eines vollen gebildeten Gemts dartun, das sich nach allen Seiten der Umstnde und Situationen herauszukehren vermag. Lebendige Beredsamkeit, eine Phantasie, welche an alles anknpft, Vergangenes zur Gegenwart bringt, die ganze uere Umgebung zum symbolischen Ausdruck des Innern zu benutzen wei, tiefe objektive Gedanken nicht scheut und in Exposition derselben einen weitreichenden, umfassenden, klaren, wrdigen, edlen Geist bekundet - dieser Reichtum des Charakters, der seine innere Welt ausspricht, ist auch in der Lyrik an seiner rechten Stelle. Von seiten des Verstandes her betrachtet, kann freilich solche Vielseitigkeit innerhalb einer herrschenden Bestimmtheit als inkonsequent erscheinen. Achill z. B. in seinem edlen Heldencharakter, dessen jugendliche Kraft der Schnheit den Grundzug ausmacht, hat in betreff auf den Vater und Freund ein weiches Herz; wie ist es nun mglich, liee sich fragen, da er Hektor in grausamer Rachsucht um die Mauern schleift? In hnlicher Inkonsequenz sind Shakespeares Rpel fast durchweg geistreich und voll genialen Humors. Da kann man sagen: wie kommen so geistreiche Individuen dazu, sich mit solcher Tlpelhaftigkeit zu benehmen? Der Verstand nmlich will sich abstrakt nur eine Seite des Charakters herausheben und zur alleinigen Regel des ganzen Menschen stempeln. Was gegen solche Herrschaft einer Einseitigkeit streitet, kommt dem Verstande als bloe Inkonsequenz vor. Fr die Vernnftigkeit des in sich Totalen und dadurch Lebendigen aber ist diese Inkonsequenz gerade das Konsequente und Rechte. Denn der Mensch ist dies: den Widerspruch des Vielen nicht nur in sich zu tragen, sondern zu ertragen und darin sich selbst gleich und getreu zu bleiben.

γ) Deshalb aber mu der Charakter seine Besonderheit mit seiner Subjektivitt zusammenschlieen, er mu eine bestimmte Gestalt sein und in dieser Bestimmtheit die Kraft und Festigkeit eines sich selbst getreu bleibenden Pathos haben. Ist der Mensch nicht in dieser Weise eins in sich, so fallen die verschiedenen Seiten der Mannigfaltigkeit sinnlos und gedankenlos auseinander. Mit sich in Einheit zu sein macht in der Kunst gerade das Unendliche und Gttliche der Individualitt aus. Nach dieser Seite hin gibt die Festigkeit und Entschiedenheit eine wichtige Bestimmung fr die ideale Darstellung des Charakters ab. Sie kommt, wie schon oben berhrt ist, dadurch hervor, da sich die Allgemeinheit der Mchte mit der Besonderheit des Individuums durchdringt und in dieser Einigung zur in sich einheitsvollen, sich auf sich beziehenden Subjektivitt und Einzelheit wird.

Bei dieser Forderung jedoch mssen wir uns gegen viele Erscheinungen besonders der neueren Kunst wenden.

In Corneilles Cid z.B. ist die Kollision der Liebe und Ehre eine glnzende Partie. Solch in sich selbst unterschiedenes Pathos kann allerdings zu Konflikten fhren; wenn es aber als innerer Widerstreit in ein und denselben Charakter hineinverlegt wird, so gibt dies zwar Gelegenheit zu brillanter Rhetorik und effektvollen Monologen, doch die Entzweiung ein und desselben Gemts, das aus der Abstraktion der Ehre in die der Liebe und umgekehrt hinber- und herbergeworfen wird, ist der gediegenen Entschlossenheit und Einheit des Charakters in sich zuwider.

Ebenso widerspricht es der individuellen Entschiedenheit, wenn sich eine Hauptperson, in welcher die Macht eines Pathos webt und wirkt, von einer untergeordneten Figur bestimmen und berreden lt und nun auch die Schuld von sich ab auf andere schieben kann, wie sich die Phdra z. B. bei Racine von der Oenone bereden lt. Ein echter Charakter handelt aus sich selbst und lt nicht einen Fremden in sich hinein vorstellen und Entschlsse fassen.

Hat er aber aus sich gehandelt, so will er auch die Schuld seiner Tat auf sich haben und dafr einstehen.

 


 © textlog.de 2004 06.09.2026 13:55:21
Seite zuletzt aktualisiert: 14.09.2004 
bibliothek
text
  Home  Impressum  Copyright