
36. Mittel und Ziele der Geldpolitik
36. Die typischen elementarsten Mittel der intervalutarischen lytrischen Politik (deren Einzelmanahmen sonst hier nicht errtert werden knnen) sind:
I. in Gebieten mit Gold-Hylodromie:
1. Deckung der nicht in bar gedeckten Umlaufsmittel prinzipiell durch Waren-Wechsel, d.h. Forderungen ber verkaufte Waren, aus welchen sichere Personen (bewhrte Unternehmer) haften, unter Beschrnkung der auf eigenes Risiko gehenden Geschfte der Notenbanken tunlichst auf diese und auf Warenpfandgeschfte, Depositenannahme- und, daran anschlieend, Girozahlungsgeschfte, endlich: Kassenfhrung fr den Staat;
2. Diskontpolitik der Notenbanken, d.h. Erhhung des Zinsabzugs fr angekaufte Wechsel im Fall der Chance, da die Auenzahlungen einen Bedarf nach Goldgeld ergeben, der den einheimischen Goldbestand, insbesondere den der Notenbank, mit Ausfuhr bedroht, um dadurch Auslandsgeldbesitzer zur Ausnutzung dieser Zinschance anzuregen und Inlandsinanspruchnahme zu erschweren.
II. in Gebieten mit nicht goldener Sperrgeldwhrung oder mit Papierwhrung:
1. Diskontpolitik wie bei Nr. I, 2, um zu starke
Kreditinanspruchnahme zu hemmen; auerdem:
2. Goldprmienpolitik, ein Mittel, welches auch in Goldwhrungsgebieten mit akzessorischem Silbersperrgeld hufig ist,
3. planvolle Goldankaufspolitik und planvolle Beeinflussung der Devisenkurse durch eigene Kufe oder Verkufe von Auslandswechseln.
Diese zunchst rein lytrisch orientierte Politik kann aber in eine materiale Wirtschaftsregulierung umschlagen.
Die Notenbanken knnen, durch ihre groe Machtstellung innerhalb der Kredit gebenden Banken, welche in sehr vielen Fllen ihrerseits auf den Kredit der Notenbank angewiesen sind, dazu beitragen, die Banken zu veranlassen: den Geldmarkt, d.h. die Bedingungen kurzfristigen (Zahlungs- und Betriebs-) Kredits einheitlich zu regulieren und von da aus zu einer planmigen Regulierung des Erwerbskredits, dadurch aber: der Richtung der Gtererzeugung, fortzuschreiten: die bisher am strksten einer Planwirtschaft sich annhernde Stufe kapitalistischer, formal voluntaristischer, materialer Ordnung des Wirtschaftens innerhalb des Gebiets des betreffenden politischen Verbandes.
Diese vor dem [ersten Welt-] Kriege typischen Maregeln bewegten sich alle auf dem Boden einer Geldpolitik, die primr von dem Streben nach Befestigung, also Stabilisierung, wenn aber eine nderung gewnscht wurde (bei Lndern mit Sperrgeld- oder Papierwhrung), am ehesten: langsamer Hebung, des intervalutarischen Kurses ausging, also letztlich an dem hylodromischen Geld des grten Handelsgebiets orientiert war. Aber es treten an die Geldbeschaffungsstellen auch mchtige Interessenten heran, welche durchaus entgegengesetzte Absichten verfolgen. Sie wnschen eine lytrische Politik, welche
1. den intervalutarischen Kurs des eigenen Geldes senkte, um Exportchancen fr Unternehmer zu schaffen, und welche
2. durch Vermehrung der Geldemissionen, also: Argyrodromie neben (und das htte bedeutet: statt) Chrysodromie und eventuell: planvolle Papiergeldemissionen, die Austauschrelation des Geldes gegen Inlandsgter senkt, was dasselbe ist: den Geld-(Nominal-)Preis der Inlandsgter steigert. Der Zweck war: Gewinnchancen fr die erwerbsmige Herstellung solcher Gter, deren Preishebung, berechnet in Inlandnominalen, als wahrscheinlich schnellste Folge der Vermehrung des Inlandgeldes und damit seiner Preissenkung in der intervalutarischen Relation angesehen wurde. Der beabsichtigte Vorgang wird als Inflation bezeichnet.
Es ist nun einerseits:
1. zwar (der Tragweite nach) nicht ganz unbestritten, aber sehr wahrscheinlich: da auch bei (jeder Art von) Hylodromie im Fall sehr starker Verbilligung und Vermehrung der Edelmetallproduktion (oder des billigen Beuteerwerbs von solchen) eine fhlbare Tendenz zu einer Preishebung wenigstens fr viele, vielleicht: in verschiedenem Ma fr alle, Produkte in den Gebieten mit Edelmetallwhrung entstand. Andererseits steht als unbezweifelte Tatsache fest:
2. da lytrische Verwaltungen in Gebieten mit (autogenischem) Papiergeld, in Zeiten schwerer finanzieller Not (insbesondere: Krieg) in aller Regel ihre Geldemissionen lediglich an ihren finanziellen Kriegsbedrfnissen orientieren. Ebenso steht freilich fest, da Lnder mit Hylodromie oder mit metallischem Sperrgeld in solchen Zeiten nicht nur was nicht notwendig zu einer dauernden Whrungsnderung fhrte die Einlsung ihrer notalen Umlaufsmittel sistierten, sondern ferner auch durch rein finanziell (wiederum: kriegsfinanziell) orientierte Papiergeldemissionen zur definitiven reinen Papierwhrung bergingen und [da] dann das akzessorisch gewordene Metallgeld infolge der Ignorierung seines Agio bei der Tarifierung im Verhltnis zum Papiernominale lediglich auermonetr verwertet werden konnte und also monetr verschwand. Endlich steht fest: da in Fllen eines solchen Wechsels zur reinen Papierwhrung und hemmungslosen Papiergeldemission der Zustand der Inflation mit allen Folgen tatschlich in kolossalem Umfang eintrat.
Beim Vergleich aller dieser Vorgnge (1 und 2) zeigt sich:
A. Solange freies Metall-Verkehrsgeld besteht, ist die Mglichkeit der Inflation eng begrenzt:
1. mechanisch dadurch: da das jeweilig fr monetre Zwecke erlangbare Quantum des betreffenden Edelmetalls, wenn auch in elastischer Art, so doch letztlich fest begrenzt ist,
2. konomisch (normalerweise) dadurch: da die Geldschaffung lediglich auf Initiative von privaten Interessenten erfolgt, also das Ausprgungsbegehren an Zahlungsbedrfnissen der marktorientierten Wirtschaft orientiert ist.
3. Inflation ist dann nur durch Verwandlung bisherigen Metall- Sperrgeldes (z.B. heute: Silbers in den Goldwhrungslndern) in freies Verkehrsgeld mglich, in dieser Form allerdings bei stark verbilligter und gesteigerter Produktion des Sperrgeldmetalls sehr weitgehend.
4. Inflation mit Umlaufsmitteln ist nur als sehr langfristige, allmhliche Steigerung des Umlaufs durch Kreditstundung denkbar, und zwar elastisch, aber letztlich doch fest durch die Rcksicht auf die Solvenz der Notenbank begrenzt. Akute Inflationschance liegt hier nur bei Insolvenzgefahr der Bank vor, also normalerweise wiederum: bei kriegsbedingter Papiergeldwhrung.
Sonderflle, wie die durch Kriegsexporte bedingte Inflation Schwedens mit Gold sind so besonders gelagert, da sie hier beiseite gelassen werden.
B. Wo einmal autogenische Papierwhrung besteht, ist die Chance vielleicht nicht immer der Inflation selbst, denn im Krieg gehen fast alle Lnder bald zur Papierwhrung ber, wohl aber meist der Entfaltung der Folgen der Inflation immerhin merklich grer. Der Druck finanzieller Schwierigkeiten und der infolge der Inflationspreise gestiegenen Gehaltsund Lohnforderungen und sonstigen Kosten begnstigt recht fhlbar die Tendenz der Finanzverwaltung, auch ohne absoluten Zwang der Not und trotz der Mglichkeit, sich durch starke Opfer ihnen zu entziehen, die Inflation weiter fortzusetzen. Der Unterschied ist wie die Verhltnisse der Entente einerseits, Deutschlands zweitens, sterreichs und Rulands drittens [in und nach dem ersten Weltkrieg] zeigten, gewi nur ein quantitativer, aber immerhin doch fhlbar.
Lytrische Politik kann also, insbesondere bei akzessorischem Metallsperrgeld oder bei Papierwhrung auch Inflationspolitik (sei es plurometallistische oder sei es papieroplatische) sein. Sie ist es in einem am intervalutarischen Kurs relativ so wenig interessierten Lande, wie Amerika, eine Zeitlang in ganz normalen Zeiten ohne alles und jedes Finanzmotiv wirklich gewesen. Sie ist es heute unter dem Druck der Not in nicht wenigen Lndern, welche die Kriegszahlungsmittelinflation ber sich ergehen lieen, nach dem Krieg geblieben. Die Theorie der Inflation ist hier nicht zu entwickeln. Stets bedeutet sie zunchst eine besondere Art der Schaffung von Kaufkraft bestimmter Interessenten. Es soll nur festgestellt werden: da die material planwirtschaftliche rationale Leitung der lytrischen Politik, die scheinbar bei Verwaltungsgeld, vor allem Papiergeld, weit leichter zu entwickeln wre, doch gerade besonders leicht (vom Standpunkt der Kursstabilisierung aus) irrationalen Interessen dient.
Denn formale verkehrswirtschaftliche Rationalitt der lytrischen Politik und damit: des Geldwesens knnte, entsprechend dem bisher durchgehend festgehaltenen Sinn, nur bedeuten: die Ausschaltung von solchen Interessen, welche entweder 1. nicht marktorientiert sind, wie die finanziellen, oder 2. nicht an tunlichster Erhaltung stabiler intervalutarischer Relationen als optimale Grundlage rationaler Kalkulation interessiert sind, sondern im Gegenteil an jener bestimmten Art der Schaffung von Kaufkraft jener Kategorien von Interessenten durch das Mittel der Inflation und ihrer Erhaltung auch ohne Zwang der Finanzen. Ob dieser letzte Vorgang zu begren oder zu tadeln ist, ist natrlich keine empirisch zu beantwortende Frage. Aber sein empirisches Vorkommen steht fest. Und darber hinaus: eine an materialen sozialen Idealen orientierte Anschauung kann sehr wohl gerade die Tatsache: da die Geldund Umlaufsmittelschaffung in der Verkehrswirtschaft Angelegenheit des nur nach Rentabilitt fragenden Interessentenbetriebs ist, nicht aber orientiert ist an der Frage nach dem richtigen Geldquantum und der richtigen Geldart, zum Anla der Kritik nehmen. Nur das Verwaltungsgeld kann man, wrde sie mit Recht argumentieren, beherrschen, nicht: das Verkehrsgeld. Also ist ersteres, vor allem aber: das billig in beliebigen Mengen und Arten zu schaffende Papiergeld, das spezifische Mittel, berhaupt Geld unter gleichviel welchen material rationalen Gesichtspunkten zu schaffen. Die Argumentation deren Wert gegenber der Tatsache, da Interessen der Einzelnen, nicht Ideen einer Wirtschaftsverwaltung, knftig wie heute die Welt beherrschen werden, natrlich seine Schranken hat, ist doch formal logisch schlssig. Damit aber ist der mgliche Widerstreit der (im hier festgehaltenen Sinn) formalen und der (gerade fr eine von jeder hylodromischen Rcksicht auf das Metall vllig gelste lytrische Verwaltung theoretisch konstruierbaren) materialen Rationalitt auch an diesem Punkt gegeben; und darauf allein kam es an.
Ersichtlich sind diese gesamten Auseinandersetzungen eine freilich nur in diesem Rahmen gehaltene und auch innerhalb seiner hchst summarische, alle Feinheiten ganz beiseite lassende Diskussion mit G. F. Knapps prachtvollem Buch: Staatliche Theorie des Geldes (1. Aufl. 1905, 2. Aufl. 1918 [3. Aufl. 1921, 4. Aufl. 1923]). Das Werk ist sofort, entgegen seiner Absicht, aber vielleicht nicht ganz ohne seine Schuld, fr Wertungen ausgeschlachtet und natrlich besonders von der papieroplatischen lytrischen Verwaltung sterreichs strmisch begrt worden. Die Ereignisse haben der Knappschen Theorie in keinem Punkte Unrecht gegeben, wohl aber gezeigt, was ohnehin feststand: da sie allerdings nach der Seite der materialen Geldgeltung unvollstndig ist. Dies soll nachfolgend etwas nher begrndet werden.