6. Kapitel

Die Diktatur


 

Die Unbeugsamkeit der Gesetze, die es ihnen unmglich macht, sich den Ereignissen anzubequemen, kann sie in gewissen Fllen verderblich machen, und durch sie bei einem Wendepunkte den Untergang des Staates verursachen. Die Ordnung und Langsamkeit der Formen verlangen einen Zeitraum, den die Umstnde bisweilen verweigern. Es knnen sich tausenderlei Flle darbieten, fr die der Gesetzgeber nicht Frsorge getroffen hat, und gerade das Bewusstsein, dass man nicht alles vorhersehen kann, ist die allerntigste Voraussicht.

Man darf deshalb nicht die Absicht hegen, die Staatseinrichtungen derart zu befestigen, dass man sich die Macht raubt, ihre Wirkung aufzuheben. Selbst Sparta setzte seine Gesetze zeitweise auer Kraft.

Allein nur die grten Gefahren knnen der einer ffentlichen Ruhestrung gleichkommen, und man darf deshalb die heilige Macht der Gesetze nie aufhalten, als wenn das Wohl des Vaterlandes es erfordert. In solchen seltenen und handgreiflichen Fllen sorgt man nun fr die ffentliche Sicherheit durch einen besonderen Beschluss, der ihre Erhaltung dem Wrdigsten bertrgt. Dieser Auftrag kann je nach der Art der Gefahr auf zweierlei Weise erteilt werden.

Gengt zur Abhilfe eine Vermehrung der Regierungsttigkeit, so pflegt man sie in einem oder zwei Gliedern der Regierung zu vereinen, auf diese Weise schdigt man nicht das Ansehen der Gesetze, sondern ndert nur die Form ihrer Verwaltung. Ist dagegen die Gefahr derart, dass die Gesetzmaschine ein Hindernis sein wrde, sich vor ihr zu schtzen, dann ernennt man ein hchstes Oberhaupt, das allen Gesetzen Schweigen gebietet und fr einen Augenblick die oberherrliche Gewalt aufhebt. In solchem Falle ist der allgemeine Wille nicht zweifelhaft, und die Hauptabsicht des Volkes geht offenbar darauf aus, dass der Staat nicht zugrunde geht. Die vorbergehende Aufhebung der gesetzgebenden Gewalt ist also keineswegs mit ihrer Abschaffung gleichbedeutend; die Obrigkeit, die ihr Schweigen gebietet, kann ihr nicht Sprache verleihen; sie beherrscht sie, ohne sie vertreten zu knnen; sie vermag alles, nur keine Gesetze zu geben.

Das erste Verfahren wandte der rmische Senat an, wenn er den Konsuln unter einer feierlichen Formel den Auftrag gab, fr das Heil der Republik zu sorgen. Das zweite fand statt, wenn einer der beiden Konsuln einen Diktator ernannte, ein Gebrauch, zu dem Alba den Rmern das Beispiel gegeben hatte.

Im Anfang der Republik nahm man sehr hufig zur Diktatur seine Zuflucht, weil der Staat noch nicht eine so feste Grundlage besa, dass er sich durch die bloe Kraft seiner Verfassung htte erhalten knnen.

Da die Sitten zu damaliger Zeit viele Vorsichtsmaregeln, bis zu einer anderen sehr notwendig gewesen wren, berflssig machten, so frchtete man weder, dass ein Diktator seine Gewalt nicht brauchen wrde, noch dass er sich versucht fhlen knnte, sie ber die Zeit hinaus zu behalten. Im Gegenteil schien eine so groe Macht dem damit Bekleideten zur Last zu fallen, so schnell suchte er sich ihrer wieder zu entledigen; es hatte den Anschein, als wre es fr ihn ein zu mhseliges und gefhrliches Amt gewesen, die Stelle der Gesetze einzunehmen.

Auch tadle ich den allzu hufigen Gebrauch dieser hchsten obrigkeitlichen Wrde in den ersten Zeiten nicht sowohl wegen der Gefahr ihres Missbrauchs, als wegen der Gefahr ihrer dadurch hervorgerufenen Erniedrigung. Denn wenn man sie zur Abhaltung von Wahlen, Einweihungen und zu allerlei bloen Frmlichkeiten fortwhrend verschwendete, so war zu befrchten, dass sie im Falle wirklicher Not weniger Scheu erwecken wrde und man sich daran gewhnen mchte, ein Amt, das man nur zu leeren Feierlichkeiten verwandte, auch nur als einen leeren Titel zu betrachten.

Gegen das Ende der Republik gingen die jetzt vorsichtiger gewordenen Rmer mit der Diktatur ebenso sparsam um wie vorher verschwenderisch. Es lie sich leicht einsehen, dass ihre Befrchtung unbegrndet war, dass gerade die Schwche der Hauptstadt ihre Sicherheit gegen die in ihr weilenden Obrigkeiten ausmachte, dass ein Diktator in gewissen Fllen die ffentliche Freiheit verteidigen, aber nie antasten konnte, und dass die Ketten Roms nicht in Rom selbst, sondern in seinen Heeren geschmiedet wurden. Der geringe Widerstand, den Marius dem Sulla und Pompejus dem Csar leistete, bewies klar, was man von der rechtmigen Macht im Innern gegen Gewalt von auen erwarten konnte.

Dieser Irrtum war die Quelle groer Fehler. So war es zum Beispiel ein Missgriff, dass bei der katilinarischen Verschwrung kein Diktator ernannt wurde; denn da nur das Innere der Stadt und hchstens eine oder die andere Provinz dabei im Spiele war, so htte ein Diktator durch die schrankenlose Gewalt, die die Gesetze ihm einrumten, die Verschwrung leicht beseitigt, whrend sie ohne die Ernennung eines solchen nur durch ein Zusammentreffen glcklicher Zuflle, auf die menschliche Klugheit nie htte rechnen knnen, erstickt wurde. Statt dessen begngte sich der Senat, den Konsuln seine ganze Gewalt zu bertragen, woher es kam, dass Cicero, um mit Erfolg zu handeln, gezwungen war, diese Gewalt in einem Hauptpunkte zu berschreiten, und dass man ihn, wenn man seine Handlungsweise auch unter den ersten Aufwallungen der Freude billigte, in der Folge wegen des gegen die Gesetze vergossenen Brgerblutes mit Recht zur Rechenschaft zog, ein Vorwurf, den man gegen einen Diktator nicht htte erheben knnen. Aber die Beredsamkeit des Konsuls riss alles mit fort, und da er selbst, obgleich ein Rmer, seinen eigenen Ruhm mehr liebte als sein Vaterland, so suchte er zur Rettung des Staates, nicht sowohl das gerechteste und sicherste Mittel, als vielmehr ein solches, das ihm die meiste Aussicht zu gewhren schien, allen Ruhm in dieser Sache allein davonzutragen. Auch wurde er mit gutem Grunde als Befreier Roms geehrt und mit ebenso gutem Grunde als bertreter der Gesetze bestraft. So glnzend seine Zurckberufung auch war, so kann sie eigentlich doch nur als eine Begnadigung betrachtet werden.

Auf welche Weise dieses Amt brigens verliehen werden mge, so kommt stets viel darauf an, seine Dauer auf einen sehr kurzen Zeitraum zu beschrnken, der nie verlngert werden darf. Die entscheidenden Wendepunkte, die seine Einfhrung erforderlich machen, enden binnen kurzem mit dem Untergange oder der Rettung des Staates, und ber das dringende Bedrfnis hinaus wird die Diktatur tyrannisch oder unntz. Obgleich die Diktatoren in Rom nur auf sechs Monate ernannt wurden, legten die meisten ihr Amt schon vorher nieder. Wre der Zeitraum lnger gewesen, so wren sie vielleicht in Versuchung geraten, ihn noch weiter auszudehnen, wie es die Dezemvirn mit ihrer einjhrigen Amtsdauer machten. Der Diktator hatte nur Zeit, die ihm gestellte Aufgabe zu erfllen; es fehlte ihm aber die Zeit, an andere Entwrfe zu denken.

 


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Seite zuletzt aktualisiert: 14.11.2004 
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