
10. Kapitel
Vom Missbrauch der Regierung und ihrer Geneigtheit auszuarten
Gerade wie der Wille des einzelnen unaufhrlich gegen den allgemeinen Willen ankmpft, liegt auch die Regierung im unaufhrlichen Kampfe gegen die Oberherrlichkeit. Je leidenschaftlicher dieser Kampf wird, desto mehr wird die Verfassung geschdigt, da es hier keinen anderen Standeswillen gibt, der im Widerstande gegen den Frsten ihm die Spitze bieten knnte, so muss es frher oder spter dahin kommen, dass der Frst schlielich das Staatsoberhaupt unterdrckt und den Gesellschaftsvertrag bricht. Das ist der damit unzertrennlich verbundene Mangel, der von der Bildung des Staatskrpers an ihn unablssig zu zerstren strebt, wie Alter und Tod zuletzt den Krper des Menschen zerstren.
Gewhnlich sind es zwei Wege, auf denen eine Regierung entartet, und zwar Zusammenziehung oder Auflsung des Staates.
Die Regierung zieht sich zusammen, wenn sie von einer groen Anzahl auf eine kleinere, das heit von der Demokratie zur Aristokratie, und von der Aristokratie zum Knigtum bergeht. Das beruht auf ihrer natrlichen Geneigtheit dazu. Ginge sie von der kleineren Zahl zur greren zurck, so knnte man sagen, dass sie erschlaffte; aber dieser umgekehrte bergang ist unmglich.
In der Tat ndert die Regierung ihre Form nur, wenn die Abnutzung ihres Getriebes sie so geschwcht hat, dass sie sich in ihrer bisherigen nicht mehr zu erhalten vermag. Bei einer durch Ausdehnung herbeigefhrten weiteren Schwchung msste nun ihre Kraft vllig aufhren, und sie wrde noch weniger bestehen knnen. Je nachdem das Getriebe nachgegeben hat, muss es also wieder instand gesetzt und in Gang gebracht werden, sonst msste der Staat, den es erhlt, in Trmmer sinken. Die Auflsung des Staates kann auf zweierlei Art erfolgen.
Erstens, sobald der Frst den Staat nicht mehr nach den Gesetzen verwaltet und sich die oberherrliche Gewalt anmat. Dann geht eine sehr auffallende Vernderung vor sich, indem sich nicht die Regierung, sondern der Staat zusammenzieht; damit meine ich: der groe Staat lst sich auf, und es bildet sich in ihm ein neuer, der nur aus den Gliedern der Regierung besteht und fr das ganze brige Volk nichts als sein Herr und Tyrann ist. Reit die Regierung in dieser Weise die Oberherrlichkeit an sich, so ist der Gesellschaftsvertrag gebrochen, und alle einfachen Staatsbrger, die von Rechts wegen in ihre natrliche Freiheit zurcktreten, gehorchen nur aus Zwang und nicht aus Pflicht.
Derselbe Fall findet statt, sobald die Glieder der Regierung die Macht, die sie nur in der Gesamtheit ausben drfen, einzeln an sich reien; dies ist nicht minder eine Verletzung der Gesetze und ruft noch weit grere Verwirrung hervor. Nun hat man gleichsam ebenso viele Frsten wie obrigkeitliche Personen, und der Staat, der in der gleichen Weise wie die Regierung geteilt ist, geht unter oder ndert seine Gestalt.
Lst der Staat sich auf, so wird die durch Missbrauch der Gewalt an sich gerissene Regierung mit dem gemeinsamen Namen Anarchie bezeichnet. Will man einen Unterschied aufstellen, so artet die Demokratie in Ochlokratie, die Aristokratie in Oligarchie aus; ich knnte noch hinzusetzen, das Knigtum arte in Tyrannei aus, aber letzteres Wort ist doppelsinnig und verlangt erst eine Erklrung.
Im gewhnlichen Sinne ist ein Tyrann ein Knig, der gewaltttig und ohne Rcksicht auf Gerechtigkeit und Gesetze regiert. Im engeren Sinne versteht man unter einem Tyrannen einen Privatmann, der sich die knigliche Gewalt anmat, ohne ein Recht darauf zu besitzen. So fassten die Griechen das Wort Tyrann auf; sie legten es ohne Unterschied allen guten wie schlechten Frsten bei, deren Gewalt nicht gesetzmig war. Mithin sind Tyrann und Usurpator vllig synonyme Wrter.
Um verschiedene Begriffe auch verschieden auszudrcken, nenne ich den Usurpator der kniglichen Gewalt einen Tyrannen und den Usurpator der oberherrlichen Gewalt einen Despoten. Tyrann ist also, wer sich den Gesetzen zuwider die Gewalt anmat, um nach den Gesetzen zu regieren; Despot, wer sich ber die Gesetze selbst hinwegsetzt. Folglich braucht ein Tyrann nicht Despot zu sein, whrend der Despot stets Tyrann ist.