c. Das substantielle Interesse bei Aufstellung der formellen Charaktere


So zeigen denn also diese formellen Charaktere berhaupt einesteils nur die unendliche Willenskraft der besonderen Subjektivitt, die, wie sie ist, sich geltend macht und in ihrem Willen fortstrmt, oder sie stellen anderenteils ein in sich totales, unbeschrnktes Gemt dar, das, an irgendeiner bestimmten Seite seines Innern berhrt, nun die Weite und Tiefe seiner ganzen Individualitt auf diesen einen Punkt konzentriert, doch, als nach auen hin unentwickelt in Kollision geraten, sich nicht zu finden und besonnen zu helfen imstande ist. Ein dritter Punkt, dessen wir jetzt noch zu erwhnen haben, besteht darin, da, wenn uns jene ganz einseitigen und ihren Zwecken nach beschrnkten, ihrem Bewutsein nach aber entwickelten Charaktere nicht nur formell, sondern auch substantiell interessieren sollen, wir in ihnen zugleich die Anschauung erhalten mssen, als ob diese Beschrnktheit ihrer Subjektivitt selbst nur ein Schicksal, d. i. eine Verwicklung ihrer partikulren Bestimmtheit mit einem tieferen Inneren sei. Diese Tiefe und diesen Reichtum des Geistes lt uns nun Shakespeare in der Tat an ihnen erkennen. Er zeigt sie als Menschen von freier Vorstellungskraft und genialem Geiste, indem ihre Reflexion ber dem steht und sie ber das hinaushebt, was sie ihrem Zustande und ihrem bestimmten Zwecke nach sind, so da sie gleichsam nur durch das Unglck der Umstnde, durch die Kollision ihrer Lage zu dem gedrngt werden, was sie vollbringen. Doch ist dies nicht so zu nehmen, als ob bei Macbeth z. B. das, was er wagt, nur auf die Schuld der bsen Hexen zu schieben wre; die Hexen sind vielmehr nur der poetische Widerschein seines eigenen starren Wollens. Was die Shakespeareschen Figuren durchfhren, ihr besonderer Zweck, hat in ihrer eigenen Individualitt seinen Ursprung und die Wurzel seiner Kraft. In ein und derselben Individualitt aber bewahren sie zugleich die Hoheit, welche das, was sie als wirklich, d. i. nach ihren Zwecken, Interessen, Handlungen sind, wegwischt, sie erweitert und sie in sich selber erhht. Ebenso bleiben die gemeinen Charaktere Shakespeares, Stephano, Trinculo, Pistol und der absolute Held unter allen diesen, Falstaff, in ihrer Gemeinheit versunken, aber sie geben sich zugleich als Intelligenzen kund, deren Genie alles in sich befassen, eine ganze freie Existenz haben, berhaupt das sein knnte, was groe Menschen sind. Wogegen in franzsischen Trauerspielen auch die Grten und Besten oft genug sich, bei Lichte besehen, rein nur als ausgespreizte bse Bestien erweisen, in denen nur Geist ist, um sich sophistisch zu rechtfertigen. Bei Shakespeare finden wir keine Rechtfertigung, keine Verdammnis, sondern nur Betrachtung ber das allgemeine Schicksal, auf dessen Standpunkt der Notwendigkeit sich die Individuen ohne Klage und Reue stellen und von ihm aus alles und sich selber, gleichsam auerhalb ihrer selbst, versinken sehen.

In allen diesen Beziehungen ist das Bereich solcher individueller Charaktere ein unendlich reiches Feld, das aber leicht in die Gefahr bringt, in Hohlheit und Plattheit zu verfallen, so da es nur wenige Meister gegeben hat, die das Wahrhafte aufzufassen genug Poesie und Einsicht besaen.


 © textlog.de 2004 06.09.2026 14:11:54
Seite zuletzt aktualisiert: 14.09.2004 
bibliothek
text
  Home  Impressum  Copyright