
c. Die Liebe als das romantische Ideal
Stellten wir nun als Begriff des Ideals die Vershnung des Inneren mit seiner Realitt auf, so knnen wir die Liebe als das Ideal der romantischen Kunst in ihrem religisen Kreise bezeichnen. Sie ist die geistige Schnheit als solche. Das klassische Ideal zeigte auch die Vermittlung und Vershnung des Geistes mit seinem Anderen. Hier aber war das Andere des Geistes das von ihm durchdrungene uere, sein leiblicher Organismus. In der Liebe dagegen ist das Andere des Geistigen nicht das Natrliche, sondern selber ein geistiges Bewutsein, ein anderes Subjekt und der Geist dadurch in seinem Eigentum, in seinem eigensten Elemente fr sich selber realisiert. So ist die Liebe in dieser affirmativen Befriedigung und in sich beruhigten seligen Realitt ideale, aber schlechthin geistige Schnheit, welche sich ihrer Innerlichkeit wegen auch nur in der Innigkeit und als die Innigkeit des Gemts ausdrcken kann. Denn der Geist, der im Geist sich prsent und seiner unmittelbar gewi ist und damit zum Material und Boden seines Daseins selbst das Geistige hat, ist in sich, innig, und nher die Innigkeit der Liebe.
α) Gott ist die Liebe, und daher [ist] auch sein tiefstes Wesen in dieser der Kunst gemen Form in Christus aufzufassen und darzustellen. Christus ist aber die gttliche Liebe, als deren Objekt sich auf der einen Seite Gott selber, seinem erscheinungslosen Wesen nach, auf der anderen Seite die zu erlsende Menschheit kundgibt, und so kann denn in ihm weniger das Aufgehen eines Subjekts in ein bestimmtes anderes Subjekt zum Vorschein kommen, sondern die Idee der Liebe in ihrer Allgemeinheit, das Absolute, der Geist der Wahrheit im Elemente und in der Form der Empfindung. - Mit der Allgemeinheit ihres Gegenstandes verallgemeinert sich auch der Ausdruck der Liebe, in welchem sodann die subjektive Konzentration des Herzens und Gemts nicht zur Hauptsache wird; wie sich auch bei den Griechen in dem alten titanischen Eros und der Venus Urania, obschon in durchaus anderer Beziehung, die allgemeine Idee und nicht die subjektive Seite individueller Gestalt und Empfindung geltend macht. Nur wenn Christus in Darstellungen der romantischen Kunst mehr als zugleich einzelnes, in sich vertieftes Subjekt gefat ist, tut sich auch der Ausdruck der Liebe in der Form subjektiver Innigkeit, wennzwar immer von der Allgemeinheit ihres Inhalts gehoben und getragen, hervor.
β) Am zugnglichsten aber fr die Kunst ist in diesem Kreise die Liebe der Maria, die Mutterliebe, der gelungenste Gegenstand der religisen romantischen Phantasie. Am meisten real, menschlich, ist sie doch ganz geistig, ohne Interesse und Bedrftigkeit der Begierde, nicht sinnlich und doch gegenwrtig: die absolut befriedigte selige Innigkeit. - Sie ist eine Liebe ohne Verlangen, aber nicht Freundschaft; denn Freundschaft, wenn sie auch noch so gemtreich ist, fordert doch einen Gehalt, eine wesentliche Sache als zusammenschlieenden Zweck. Die Mutterliebe dagegen hat ohne alle Gleichheit des Zwecks und der Interessen einen unmittelbaren Halt in dem natrlichen Zusammenhange. Hier aber ist die Liebe der Mutter auf diese Naturseite ebensowenig beschrnkt. Maria hat in dem Kinde, das sie unter ihrem Herzen getragen, das sie mit Schmerzen geboren, das vollkommene Wissen und Empfinden ihrer selbst; und dasselbe Kind, das Blut ihres Blutes, steht ebenso wieder hoch ber ihr, und dennoch gehrt dies Hhere ihr an und ist das Objekt, in dem sie sich selbst vergit und erhlt. Die Naturinnigkeit der Mutterliebe ist durchaus vergeistigt, sie hat das Gttliche zu ihrem eigentlichen Gehalt, aber dies Geistige bleibt leise und unbewut, von natrlicher Einheit und menschlicher Empfindung wunderbar durchzogen. Es ist die selige Mutterliebe, und nur der einen Mutter, die ursprnglich in diesem Glcke ist. Zwar ist auch diese Liebe nicht ohne Schmerz, aber der Schmerz ist nur die Trauer des Verlustes, die Klage ber den leidenden, sterbenden, gestorbenen Sohn und wird nicht, wie wir auf einer spteren Stufe sehen werden, zur Ungerechtigkeit und Marter von auen oder zum unendlichen Kampf der Snde, zum Qulen und Peinigen durch sich selbst. Solche Innigkeit ist hier die geistige Schnheit, das Ideal, die menschliche Identifikation des Menschen mit Gott, dem Geist, der Wahrheit: ein reines Vergessen, ein volles Aufgeben seiner selbst, das in diesem Vergessen dennoch von Hause aus eins ist mit dem, in den es sich versenkt, und dieses Einssein nun in seliger Befriedigung fhlt.
In so schner Weise tritt die Mutterliebe, dies Bild gleichsam des Geistes, in der romantischen Kunst an die Stelle des Geistes selber, weil der Geist sich nur in der Form der Empfindung fr die Kunst fabar macht und die Empfindung der Einheit des Einzelnen mit Gott am ursprnglichsten, realsten, lebendigsten nur in der Mutterliebe der Madonna vorhanden ist. Sie mu notwendig in die Kunst eintreten, wenn in der Darstellung dieses Kreises nicht das Ideale, die affirmative, befriedigte Vershnung fehlen soll. Es hat deshalb auch eine Zeit gegeben, in welcher die Mutterliebe der gebenedeiten Jungfrau berhaupt zu dem Hchsten und Heiligsten gehrt hat und als dies Hchste verehrt und dargestellt worden ist. Wenn aber der Geist sich in seinem eigenen Elemente, abgetrennt von aller Naturgrundlage der Empfindung, zum Bewutsein seiner bringt, so kann auch nur die von solcher Grundlage freie geistige Vermittlung als der freie Weg zur Wahrheit betrachtet werden, und so ist denn auch im Protestantismus, diesem Mariendienste der Kunst und des Glaubens gegenber, der Heilige Geist und die innere Vermittlung des Geistes die hhere Wahrheit geworden.
γ) Drittens endlich zeigt sich die affirmative Vershnung des Geistes als Empfindung in den Jngern Christi, den Weibern und Freunden, die ihm folgen. Dies sind zum grten Teil Charaktere, welche die Hrte der Idee des Christentums an des gttlichen Freundes Hand durch die Freundschaft, Lehre, die Predigten Christi ohne die uere und innere Qual der Konversion in sich durchgemacht, sie vollfhrt, sich derselben und ihrer selbst bemchtigt haben und tiefsinnig, krftig in derselben bleiben. Ihnen geht zwar jene unmittelbare Einheit und Innigkeit der Mutterliebe ab, aber als das Verbindende ist doch noch die Gegenwart Christi, die Gewohnheit des Zusammenlebens und der unmittelbare Zug des Geistes brig.