
c. Zuflligkeit der Liebe
Die Liebe hat nach allen diesen Seiten allerdings eine hohe Qualitt in ihr, insofern sie nicht nur Geschlechterneigung berhaupt bleibt, sondern ein in sich reiches, schnes, edles Gemt sich hingibt und fr die Einheit mit dem anderen lebendig, ttig, tapfer, aufopferungsvoll usw. ist. Zugleich aber hat die romantische Liebe auch ihre Schranke. Was nmlich ihrem Inhalt abgeht, ist die an und fr sich seiende Allgemeinheit. Sie ist nur die persnliche Empfindung des einzelnen Subjekts, die sich nicht mit den ewigen Interessen und dem objektiven Gehalt des menschlichen Daseins, mit Familie, politischen Zwecken, Vaterland, Pflichten des Berufs, des Standes, der Freiheit, der Religiositt, sondern nur mit dem eigenen Selbst erfllt zeigt, das die Empfindung, widergespiegelt von einem anderen Selbst, zurckempfangen will. Dieser Inhalt der selber noch wieder formellen Innigkeit entspricht nicht wahrhaft der Totalitt, welche ein in sich konkretes Individuum sein mu. In der Familie, der Ehe, der Pflicht, dem Staat ist die subjektive Empfindung als solche und die aus derselben herflieende Vereinigung gerade mit diesem und keinem anderen Individuum nicht die Hauptsache, um welche es sich handeln darf. In der romantischen Liebe aber dreht sich alles nur darum, da dieser gerade diese, diese diesen liebt. Warum es just nur dieser oder diese Einzelne ist, das findet seinen einzigen Grund in der subjektiven Partikularitt, in dem Zufall der Willkr. Jedwedem kommt seine Geliebte sowie dem Mdchen ihr Geliebter, obschon sie andere sehr gewhnlich finden knnen, als die Schnste, als der Herrlichste vor, und sonst keiner und keine in der Welt. Aber eben indem alle, oder doch viele, diese Ausschlieung machen und nicht Aphrodite selbst, die einzige, geliebt wird, sondern vielmehr jedem die Seine die Aphrodite und leicht noch mehr ist, so zeigt sich, da es viele sind, welche als dasselbe gelten; wie denn auch in der Tat jeder wei, da es viele hbsche oder gute, vortreffliche Mdchen in der Welt gibt, die alle - oder doch die meisten - auch ihre Liebhaber, Anbeter und Mnner finden, denen sie als schn, tugendreich, liebenswrdig usf. erscheinen. Nur jedesmal einer und nur eben dieser absolut den Vorzug zu geben, ist daher eine bloe Privatsache des subjektiven Herzens und der Besonderheit oder Absonderlichkeit des Subjekts, und die unendliche Hartnckigkeit, notwendig nur gerade in dieser sein Leben, sein hchstes Bewutsein zu finden, erweist sich als eine unendliche Willkr der Notwendigkeit. Es ist in dieser Stellung allerdings die hhere Freiheit der Subjektivitt und deren absoluter Wahl anerkannt - die Freiheit, nicht blo wie die Phdra des Euripides einem Pathos, einer Gottheit unterworfen zu sein; aber um des schlechthin einzelnen Willens, aus dem sie hervorgeht, [willen] erscheint die Wahl zugleich als ein Eigensinn und eine Halsstarrigkeit der Partikularitt.
Dadurch behalten die Kollisionen der Liebe, besonders wenn dieselbe substantiellen Interessen kmpfend gegenbergestellt wird, immer eine Seite der Zuflligkeit und Berechtigungslosigkeit, weil es die Subjektivitt als solche ist, welche sich mit ihren nicht an und fr sich gltigen Forderungen dem entgegensetzt, was um seiner eigenen Wesentlichkeit willen auf Anerkennung Anspruch zu machen hat. Die Individuen in der hohen Tragdie der Alten, Agamemnon, Klytmnestra, Orest, dipus, Antigone, Kreon usf., haben zwar gleichfalls einen individuellen Zweck; aber das Substantielle, das Pathos, das sie als Inhalt ihrer Handlung treibt, ist von absoluter Berechtigung und ebendeshalb auch in sich selbst von allgemeinem Interesse. Das Los, das sie ihrer Tat wegen betrifft, ist daher auch nicht rhrend, weil es ein unglckliches Schicksal, sondern weil es ein Unglck ist, das zugleich absolut ehrt, indem das Pathos, welches nicht ruht, bis es Befriedigung erlangt hat, einen fr sich notwendigen Inhalt hat. Wenn die Schuld der Klytmnestra in diesem konkreten Falle nicht gestraft, wenn die Verletzung, welche Antigone als Schwester erfhrt, nicht aufgehoben wird, so ist dies ein Unrecht an sich. Diese Leiden aber der Liebe, diese zerscheiternden Hoffnungen, dies Verliebtsein berhaupt, diese unendlichen Schmerzen, die ein Liebender empfindet, diese unendliche Glckseligkeit und Seligkeit, die er sich vorstellt, sind kein an sich selbst allgemeines Interesse, sondern etwas, was nur ihn selber angeht. Jeder Mensch zwar hat ein Herz fr die Liebe und das Recht, dadurch glcklich zu werden; wenn er aber hier, gerade in diesem Falle, unter den und den Umstnden, in betreff gerade auf dieses Mdchen, sein Ziel nicht erreicht, so ist damit kein Unrecht geschehen. Denn es ist nichts in sich Notwendiges, da er sich gerade auf dieses Mdchen kaprizioniere, und wir sollen uns daher fr die hchste Zuflligkeit, fr die Willkr der Subjektivitt, die keine Ausdehnung und Allgemeinheit hat, interessieren. Dies bleibt die Seite der Klte, die bei aller Hitze der Leidenschaft in ihrer Darstellung uns durchdringt.