a. Die Zuflligkeit der Zwecke und Kollisionen


Es ist hiermit das vorhanden, was in anderer Beziehung kann die Ent-gtterung der Natur genannt werden. Der Geist hat sich aus der uerlichkeit der Erscheinungen in sich zurckgezogen, welche, indem das Innere der Subjektivitt nicht mehr sich selber darin sieht, sich nun auch ihrerseits gleichgltig auerhalb des Subjekts fr sich gestalten. Seiner Wahrheit nach ist der Geist zwar in sich mit dem Absoluten vermittelt und vershnt; insofern wir aber hier auf dem Boden der selbstndigen Individualitt stehen, welche von sich, wie sie sich unmittelbar findet, ausgeht und so sich festhlt, so trifft dieselbe Entgtterung auch den handelnden Charakter, der deshalb mit seinen selber zuflligen Zwecken in eine zufllige Welt hinaustritt, mit welcher er sich nicht zu einem in sich kongruenten Ganzen in eins setzt. Diese Relativitt der Zwecke in einer relativen Umgebung, deren Bestimmtheit und Verwicklung nicht im Subjekt liegt, sondern sich uerlich und zufllig bestimmt und ebenso zufllige Kollisionen als seltsam durcheinandergeschlungene Verzweigungen herbeifhrt, macht das Abenteuerliche aus, das fr die Form der Begebnisse und Handlungen den Grundtypus des Romantischen abgibt.

Zur Handlung und Begebenheit im strengeren Sinne des Ideals und der klassischen Kunst gehrt ein in sich selbst wahrhafter, an und fr sich notwendiger Zweck, in dessen Gehalte nun auch das Bestimmende fr die uere Gestalt, fr die Art und Weise der Durchfhrung in der Wirklichkeit liegt. Dies ist bei den Taten und Begebenheiten der romantischen Kunst nicht der Fall. Denn wenn hier auch in sich selbst allgemeine und substantielle Zwecke in ihrer Realisation dargestellt werden, so haben diese Zwecke doch die Bestimmtheit der Handlung, das Ordnende und Gliedernde ihres inneren Verlaufs nicht an ihnen selber, sondern mssen diese Seite der Verwirklichung freigeben und sie deshalb der Zuflligkeit berlassen.

α) Die romantische Welt hatte nur ein absolutes Werk zu vollbringen, die Ausbreitung des Christentums, die Bettigung des Geistes der Gemeine. Mitten in einer feindlichen Welt, teils des unglubigen Altertums, teils der Barbarei und Roheit des Bewutseins ward dies Werk nun, wenn es aus dem Lehren zu Taten heraustrat, hauptschlich ein passives Werk der Duldung von Schmerz und Marter, der Aufopferung des eigenen zeitlichen Daseins fr das ewige Heil der Seele. Die weitere Tat, die sich auf den hnlichen Inhalt bezieht, ist im Mittelalter das Werk des christlichen Rittertums, die Vertreibung der Mauren, Araber, der Mohammedaner berhaupt aus den christlichen Lndern und dann vor allem in den Kreuzzgen die Eroberung des Heiligen Grabes. Dies war jedoch nicht ein Zweck, welcher den Menschen als Menschheit betraf, sondern den nur die Gesamtheit der einzelnen Individuen zu vollbringen hatte, so da diese nun auch ihrer Einzelheit nach beliebig herzustrmten. Nach dieser Seite hin knnen wir die Kreuzzge das Gesamtabenteuer des christlichen Mitte l alte rs nennen, ein Abenteuer, das in sich selbst gebrochen und phantastisch war: geistiger Art, doch ohne wahrhaft geistigen Zweck und in Beziehung auf Handlungen und Charaktere lgenhaft. Denn in Beziehung auf das religise Moment haben die Kreuzzge ein hchst leeres uerliches Ziel. Die Christenheit soll ihr Heil nur im Geiste haben, in Christus, der, auferstanden, zur Rechten Gottes erhoben ist und seine lebendige Wirklichkeit, seinen Aufenthalt im Geiste findet, nicht in seinem Grabe und in den sinnlichen, unmittelbar gegenwrtigen Orten seines einstigen zeitlichen Aufenthaltes. Der Drang und die religise Sehnsucht des Mittelalters ging aber nur auf den Ort, das uere Lokal der Leidensgeschichte und des Heiligen Grabes. Ebenso widersprechend war mit dem religisen Zweck unmittelbar der rein weltliche der Eroberung, des Gewinns verbunden, welcher in seiner uerlichkeit einen ganz anderen Charakter als der religise an sich trug. So wollte man Geistiges, Inneres gewinnen und bezweckte die blo uere Lokalitt, aus welcher der Geist verschwunden war; man strebte nach zeitlichem Gewinn und knpfte dies Weltliche an das Religise als solches. Diese Zwiespltigkeit macht hier das Gebrochene, Phantastische aus, in welchem die uerlichkeit das Innere und dieses umgekehrt das uere, statt beides in Harmonie zu bringen, verkehrt. Dadurch zeigt sich denn auch in der Ausfhrung Entgegengesetztes vershnungslos zusammengeknpft. Die Frmmigkeit schlgt zur Roheit und barbarischen Grausamkeit um, und dieselbe Roheit, welche alle Selbstsucht und Leidenschaft des Menschen hervorbrechen lt, wirft sich umgekehrt wieder in die ewige tiefe Rhrung und Zerknirschung des Geistes herber, um die es sich eigentlich handelte. Bei diesen widerstrebenden Elementen fehlt es denn auch den Taten und Begebnissen ein und desselben Zwecks an aller Einheit und Konsequenz der Leitung; die Gesamtheit zerstreut, zersplittert sich zu Abenteuern, Siegen, Niederlagen, bunten Zuflligkeiten, und der Ausgang entspricht den Mitteln und groen Anstalten nicht. Ja, der Zweck selbst hebt sich durch seine Ausfhrung auf. Denn die Kreuzzge wollten das Wort noch einmal wahr machen: Du lassest ihn nicht im Grabe ruhen, du leidest nicht, da dein Heiliger verwese. Aber gerade diese Sehnsucht, an solchen Orten und Rumen, sogar am Grabe, dem Ort des Todes, Christus, den Lebendigen, zu suchen und die Befriedigung des Geistes zu finden, ist selbst nur, wieviel Wesens auch Herr von Chateaubriand davon macht, eine Verwesung des Geistes, aus welcher die Christenheit auferstehen sollte, um in das frische, volle Leben der konkreten Wirklichkeit zurckzukehren.

Ein hnlicher Zweck, mystisch auf der einen, phantastisch auf der anderen Seite und in der Durchfhrung abenteuerlich, ist die Aufsuchung des Heiligen Grals.

β) Ein hheres Werk ist dasjenige, was jeder Mensch an sich selbst zu vollbringen hat, sein Leben, wodurch er sich sein ewiges Schicksal bestimmt. Diesen Gegenstand hat z. B. Dante in seiner Gttlichen Komdie nach katholischer Anschauung aufgefat, indem er uns durch Hlle, Fegefeuer und Himmel fhrt. Auch hier fehlt es, der strengen Anordnung des Ganzen unerachtet, weder an phantastischen Vorstellungen noch an Abenteuerlichkeiten, insofern dies Werk der Beseligung und Verdammnis nicht nur an und fr sich in seiner Allgemeinheit, sondern als an einer fast unbersehbaren Anzahl Einzelner, in ihrer Partiku-laritt vollbracht, zur Darstellung kommt, und sich auerdem der Dichter das Recht der Kirche anmat, die Schlssel des Himmelreichs in die Hand nimmt, seligspricht und verdammt und sich so zum Weltrichter macht, der die bekanntesten Individuen der alten und der christlichen Welt, Dichter, Brger, Krieger, Kardinale, Ppste, in die Hlle, ins Fegefeuer oder ins Paradies versetzt.

γ) Die anderen Stoffe, welche zu Handlungen und Begebenheiten fhren, sind sodann auf dem weltlichen Boden die unendlich mannigfaltigen Abenteuereien der Vorstellung, der ueren und inneren Zuflligkeit der Liebe, Ehre und Treue; hier sich des eigenen Ruhmes wegen herumzuschlagen, dort einer verfolgten Unschuld beizuspringen, zur Ehre seiner Dame die erstaunlichsten Taten zu vollbringen oder das unterdrckte Recht durch die Kraft seiner eigenen Faust und die Geschicklichkeit seines Arms - und sollte auch eine Kette von Spitzbuben die Unschuld sein, die befreit wird - herzustellen. In den meisten dieser Stoffe ist keine Lage, keine Situation, kein Konflikt vorhanden, wodurch das Handeln notwendig wrde, sondern das Gemt will hinaus und sucht sich die Abenteuer absichtlich auf. So haben hier die Handlungen der Liebe z. B. zum groen Teil ihrem spezielleren Inhalt nach keine andere Bestimmung in sich als die, Beweise der Festigkeit, Treue, Dauer der Liebe abzulegen, - zu zeigen, die umgebende Wirklichkeit mit dem ganzen Komplex ihrer Verhltnisse gelte nur als Material, die Liebe zu manifestieren. Dadurch ist die bestimmte Tat dieser Manifestation, da es nur auf den Beweis selbst ankommt, nicht durch sich selbst bestimmt, sondern dem Einfall, der Laune der Dame, der Willkr uerlicher Zuflligkeiten berlassen. Ganz ebenso ergeht es mit den Zwecken der Ehre und Tapferkeit. Sie gehren grtenteils dem von allem weiteren substantiellen Gehalt noch fernstehenden Subjekt an, das sich in jeden Inhalt, der zufllig vorliegt, hineinlegen und sich daran verletzt finden oder darin eine Gelegenheit, seinen Mut, seine Gewandtheit darzutun, suchen kann. Wie es hier kein Ma dafr gibt, was zum Inhalt gemacht werden msse, was nicht, so fehlt auch der Mastab fr das, was wirklich eine Verletzung der Ehre, was der wahre Gegenstand der Tapferkeit sein knne. Mit der Handhabung des Rechts, welche gleichfalls ein Zweck der Ritterlichkeit ist, verhlt es sich nicht anders. Recht und Gesetz nmlich erweist sich hier noch nicht als ein an und fr sich fester, nach dem Gesetz und dessen notwendigem Inhalt sich stets vollbringender Zustand und Zweck, sondern als ein selbst nur subjektiver Einfall, so da sowohl das Einschreiten als auch die Beurteilung dessen, was in diesem oder jenem Fall Recht oder Unrecht sei, dem ganz zuflligen Ermessen der Subjektivitt anheimgestellt bleibt.


 © textlog.de 2004 06.09.2026 12:02:20
Seite zuletzt aktualisiert: 14.09.2004 
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