a. Begriff der Ehre


Die romantische Ehre dagegen ist anderer Art. In ihr betrifft die Verletzung nicht den sachlichen realen Wert, Eigentum, Stand, Pflicht usf., sondern die Persnlichkeit als solche und deren Vorstellung von sich selbst, den Wert, den das Subjekt sich fr sich selber zuschreibt. Dieser Wert ist auf der jetzigen Stufe ebenso unendlich, als das Subjekt sich unendlich ist. In der Ehre hat daher der Mensch das nchste affirmative Bewutsein seiner unendlichen Subjektivitt, unabhngig von dem Inhalt derselben. Was nun das Individuum besitzt, was an ihm etwas Besonderes ausmacht, nach dessen Verlust es ebensogut als vorher bestehen knnte, in das wird durch die Ehre die absolute Geltung der ganzen Subjektivitt hineingelegt und darin fr sich und andere vorgestellt. Der Mastab der Ehre geht also nicht auf das, was das Subjekt wirklich ist, sondern auf das, was in dieser Vorstellung ist. Die Vorstellung aber macht jedes Besondere zu der Allgemeinheit, da meine ganze Subjektivitt in diesem Besonderen, die mein ist, liegt. Die Ehre ist nur Schein, pflegt man zu sagen. Allerdings ist dies der Fall; aber sie ist dem jetzigen Standpunkt gem nher als das Scheinen und Widerscheinen der Subjektivitt in sich selbst zu nehmen, das als Scheinen eines in sich Unendlichen selber unendlich ist. Durch diese Unendlichkeit eben wird der Schein der Ehre das eigentliche Dasein des Subjekts, seine hchste Wirklichkeit, und jede besondere Qualitt, in welche die Ehre hineinscheint und dieselbe zur ihrigen macht, ist durch dieses Scheinen selber schon zu einem unendlichen Wert erhoben. - Diese Art der Ehre macht eine Grundbestimmung in der romantischen Welt aus und hat die Voraussetzung, da der Mensch ebensosehr aus der blo religisen Vorstellung und Innerlichkeit heraus-, als auch in die lebendige Wirklichkeit hineingetreten sei und an dem Stoffe derselben jetzt nur sich selbst in seiner rein persnlichen Selbstndigkeit und absoluten Geltung zur Existenz bringe.

Die Ehre kann nun den mannigfaltigsten Inhalt haben. Denn alles, was ich bin, was ich tue, was mir von anderen angetan wird, gehrt auch meiner Ehre an. Ich kann mir deshalb das schlechthin Substantielle selbst, Treue gegen Frsten, gegen Vaterland, Beruf, Erfllung der Vaterpflichten, Treue in der Ehe, Rechtschaffenheit in Handel und Wandel, Gewissenhaftigkeit in wissenschaftlichen Forschungen usf. zur Ehre anrechnen. Fr den Gesichtspunkt der Ehre nun aber sind alle diese in sich selbst gltigen und wahrhaftigen Verhltnisse nicht durch sich selbst schon sanktioniert und anerkannt, sondern erst dadurch, da ich meine Subjektivitt hineinlege und sie hierdurch zur Ehrensache werden lasse. Der Mann von Ehre denkt daher bei allen Dingen immer zuerst an sich selbst; und nicht, ob etwas an und fr sich recht sei oder nicht, ist die Frage, sondern, ob es ihm gem sei, ob es seiner Ehre gezieme, sich damit zu befassen oder davonzubleiben. Und so kann er auch wohl die schlechtesten Dinge tun und ein Mann von Ehre sein. Er schafft sich ebenso willkrliche Zwecke, stellt sich in einem gewissen Charakter vor und macht sich dadurch bei sich und anderen zu dem verbindlich, wozu an sich keine Verbindlichkeit und Notwendigkeit statthat. Dann legt nicht die Sache, sondern die subjektive Vorstellung Schwierigkeiten und Verwicklungen in den Weg, da es zur Ehrensache wird, den einmal angenommenen Charakter zu behaupten. So hlt es z. B. Donna Diana als ihrer Ehre zuwider, die Liebe, welche sie fhlt, irgend zu gestehen, weil sie einmal dafr gegolten hat, der Liebe nicht Gehr zu geben. - Im allgemeinen bleibt deshalb der Inhalt der Ehre, da er nur durch das Subjekt und nicht nach seiner ihm selbst immanenten Wesentlichkeit gilt, der Zuflligkeit preisgegeben. Deshalb sehen wir in den romantischen Darstellungen einerseits das, was an und fr sich berechtigt ist, als Gesetz der Ehre ausgesprochen, indem das Individuum an das Bewutsein des Rechten zugleich das unendliche Selbstbewutsein seiner Persnlichkeit knpft. Da die Ehre etwas fordere oder verbiete, drckt dann aus, da die ganze Subjektivitt sich in den Inhalt dieser Forderung oder dieses Verbots hineinsetze, so da eine bertretung sich nicht durch irgendeine Transaktion bersehen, gutmachen oder ersetzen lasse und das Subjekt nun keinem anderen Inhalte Gehr geben knne. Umgekehrt aber kann die Ehre auch zu etwas ganz Formellem und Gehaltlosem werden, insofern sie nichts als mein trockenes Ich, das fr sich unendlich ist, enthlt oder gar einen ganz schlechten Inhalt als verpflichtend in sich aufnimmt. In diesem Falle bleibt die Ehre, besonders in dramatischen Darstellungen, ein durchweg kalter und toter Gegenstand, indem ihre Zwecke dann nicht einen wesentlichen Inhalt, sondern nur eine abstrakte Subjektivitt ausdrcken. Nun hat aber nur ein in sich substantieller Gehalt Notwendigkeit und lt sich in dieser seinem mannigfachen Zusammenhange nach explizieren und als notwendig ins Bewutsein bringen. Dieser Mangel an tieferem Inhalt tritt besonders hervor, wenn die Spitzfindigkeit der Reflexion an sich selbst Zuflliges und Unbedeutendes, das mit dem Subjekt in Berhrung steht, mit in den Umfang der Ehre hineinzieht. An Stoff fehlt es dann niemals, denn die Spitzfindigkeit analysiert mit groer Subtilitt der Unterscheidungsgabe, und da knnen viele Seiten, die fr sich genommen ganz gleichgltig sind, herausgefunden und zum Gegenstand der Ehre gemacht werden. Hauptschlich die Spanier haben diese Kasuistik der Reflexion ber Ehrenpunkte in ihrer dramatischen Poesie ausgebildet und als Rsonnement ihren Ehrenhelden in den Mund gelegt. So kann z. B. die Treue der Ehefrau bis in die allergeringfgigsten Umstnde hinein untersucht und schon der bloe Verdacht anderer, ja die bloe Mglichkeit eines solchen Verdachtes, selbst wenn der Mann wei, der Verdacht sei falsch, ein Gegenstand der Ehre werden. Fhrt dies zu Kollisionen, so liegt in der Durchfhrung derselben keine Befriedigung, weil wir nichts Substantielles vor uns haben und deshalb statt der Beruhigung eines notwendigen Widerstreites nur eine peinlich einengende Empfindung daraus entnehmen knnen. Auch in franzsischen Dramen ist es oft die trockene Ehre, ganz abstrakt fr sich, die als wesentliches Interesse gelten soll. Mehr aber noch ist Herrn Friedrich von Schlegels Alarcos dies in sich Eiskalte und Tote: der Held ermordet seine edle, liebende Frau - warum? - um der Ehre willen, und diese Ehre besteht darin, da er die Knigstochter, fr die er gar keine Leidenschaft hegt, heiraten und dadurch Tochtermann des Knigs werden kann. Das ist ein verchtliches Pathos und eine schlechte Vorstellung, die sich zu etwas Hohem und Unendlichem aufspreizt.


 © textlog.de 2004 06.09.2026 16:08:59
Seite zuletzt aktualisiert: 14.09.2004 
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