
5. Ethische, rechtsphilosophische und sthetische
Gedanken
Die Ethik, die Leibniz nicht im Zusammenhange behandelt hat, ist bei ihm meist mit religisen Gesichtspunkten durchsetzt. Die Liebe zu Gott dem Allgtigen mu uns die grte Lust gewhren, deren wir berhaupt fhig sind, einen Vorgeschmack der knftigen Seligkeit. Sie verleiht uns zudem, durch das unbedingte Vertrauen auf die Gte des Schpfers, eine Seelenruhe, die von der gewaltsamen Selbstbeherrschung der Stoiker sehr verschieden ist. Da, wo sein sittliches Denken sich nicht von solchen religisen Gesichtspunkten beherrscht zeigt, beruft sich Leibniz auf den natrlichen sittlichen Instinkt; als Ziel gilt ihm die wahre, dauernde Glckseligkeit, die mit dem Gefhl des bestndigen Fortschreitens verbunden ist, also das Streben nach Vollkommenheit, der eigenen und derjenigen anderer. Denn lieben heit sich an fremdem Glcke freuen. Die Vollkommenheit aber erzeiget sich, wie er in einer seiner wenigen deutsch geschriebenen Abhandlungen (Von der Glckseligkeit) sagt, in der Kraft zu wirken; und je grer die Kraft, desto mehr zeigt sich dabei die Einheit in der Vielheit, womit wir wieder bei seinen tiefsten metaphysischen Prinzipien angekommen sind.
Leibniz' Rechtsphilosophie unterscheidet drei Stufen des natrlichen Rechtes. Die 1. niederste ist das strenge Recht (ius strictum), das nur auf die Erhaltung des Friedens in der Gesellschaft geht (Verletze niemanden!); hher steht 2. die Gerechtigkeit (aequitas, iustitia distributiva) mit ihrem Wahlspruch: Jedem das Seine! Am hchsten 3. die Rechtschaffenheit oder Frmmigkeit, die sich die eigene Vollkommenheit und die Wohlfahrt aller durch geistige Aufklrung und Ttigkeit zum Ziele setzt. Das wahrhaft Gute ist das Gemeinntzige. Mit seiner eigenen Harmonie und Menschenliebe trgt jeder seinen Teil zu der groen Weltharmonie bei.
Auf die Vorstellung der Harmonie und Vollkommenheit der Dinge endlich fhrt unser Philosoph an den wenigen Stellen, wo er sich ber sthetische Probleme geuert hat, auch das Schnheitsgefhl zurck. Es gehrt zur sinnlichen Erkenntnis. Aber gerade damit wurde fr das Gebiet der Kunst eine besondere, ihr eigentmliche, von der Verstandeserkenntnis verschiedene Vorstellungsweise in Anspruch genommen, die auch ihrerseits die Einheit in der Vielheit sucht (vgl. S. 75) und, selbst mit dem Instinkt verwandt, Erkenntnis und Moral miteinander verbindet. Leibniz selbst hatte noch keine groen Vorbilder knstlerischen Schaffens, mindestens in der Dichtkunst. Er preist als Meister derselben noch - Martin Opitz. Allein es war doch kein Zufall, dass der Kampf der Schweizer fr die Selbstndigkeit der dichterischen Empfindung philosophisch an Leibniz anknpft, und dass ein Leibnizianer (Baumgarten) die erste sthetik verfat hat.
So hat Leibniz, einer der vielseitigsten Menschen, die je gelebt haben, auf den mannigfaltigsten Gebieten Fundamente gelegt und Anregungen gegeben. Auch heute berufen sich sowohl die Erkenntniskritiker von der Farbe Cohens und Natorps (Cassirer) wie anderseits die Energetiker und Neuvitalisten wieder auf ihn. Gerade dasjenige freilich, was seinem Philosophieren den grten und dauerndsten Wert verleiht, seine systematische Arbeit an den Grundbegriffen der Mathematik und Naturwissenschaft und sein Versuch eines kritischen Systems der Erkenntnis, hat auf die Zeitgenossen wenig gewirkt: einerseits weil seine wichtigste erkenntnistheoretische Schrift erst ein halbes Jahrhundert nach seinem Tode bekannt wurde, anderseits, weil dieser Teil seiner Arbeit weniger an der Oberflche lag. Auf seine Zeit hat er weit mehr durch seine allgemeinen Tendenzen, insbesondere sein Streben, Vernunft und Offenbarungsglauben zu vershnen, Einflu gebt; durch sie ist er der Vater der deutschen Aufklrung geworden. Ehe wir indessen deren Verlauf, zunchst an Christian Wolff und anderen Schlern von Leibniz, weiter verfolgen, wollen wir sehen, wie sich inzwischen die Entwicklung der Aufklrung in anderer Form und auf anderen philosophischen Grundlagen in England und Frankreich vollzog.