22. Reprsentation durch Interessenvertreter


22. 5. Reprsentation durch Interessenvertreter soll diejenige Art der Reprsentantenkrperschaften heien, bei welcher die Bestellung der Reprsentanten nicht frei und ohne Rcksicht auf die berufliche oder stndische oder klassenmige Zugehrigkeit erfolgt, sondern nach Berufen, stndischer oder Klassen-Lage gegliedert Reprsentanten durch je ihresgleichen bestellt werden, und zu einer wie jetzt meist gesagt wird: berufsstndischen Vertretung zusammentreten.

Eine solche Reprsentation kann Grundverschiedenes bedeuten

1. je nach der Art der zugelassenen Berufe, Stnde, Klassen,

2. je nachdem Abstimmung oder Kompromi das Mittel der Erledigung von Streit ist,

3. im ersteren Fall: je nach der Art der ziffernmigen Anteilnahme der einzelnen Kategorien.

Sie kann hochrevolutionren sowohl wie hochkonservativen Charakters sein. Sie ist in jedem Fall das Produkt der Entstehung von groen Klassenparteien.

Normalerweise verbindet sich mit der Absicht der Schaffung dieser Art von Reprsentation die Absicht: bestimmten Schichten das Wahlrecht zu entziehen. Entweder:

a) den durch ihre Zahl immer berwiegenden Massen durch die Art der Verteilung der Mandate auf die Berufe material,

b) den durch ihre konomische Machtstellung berwiegenden Schichten durch Beschrnkung des Wahlrechts auf die Nichtbesitzenden formal (sog. Rtestaat).

Geschwcht wird theoretisch wenigstens durch diese Art der Reprsentation der ausschlieliche Interessenten betrieb (der Parteien) der Politik, wennschon, nach allen bisherigen Erfahrungen, nicht beseitigt. Geschwcht kann, theoretisch die Bedeutung der finanziellen Wahlmittel werden, auch dies in zweifelhaftem Grade. Der Charakter der Reprsentativkrperschaften dieser Art neigt zur Fhrerlosigkeit. Denn als berufs mige Interessenvertreter werden nur solche Reprsentanten in Betracht kommen, welche ihre Zeit ganz in den Dienst der Interessenvertretung stellen knnen, bei den nicht bemittelten Schichten also: besoldete Sekretre der Interessentenverbnde.

 

1. Reprsentation mit dem Kompromi als Mittel der Streitschlichtung ist allen historisch lteren stndischen Krperschaften eigen. Es herrscht heute in den Arbeitsgemeinschaften und berall da, wo itio in partes und Verhandlung zwischen den gesondert beratenden und beschlieenden Einzelgremien die Ordnung ist. Da sich ein Zahlenausdruck fr die Wichtigkeit eines Berufs nicht finden lt, da vor allem die Interessen der Arbeiter massen und der (zunehmend wenigeren) Unternehmer, deren Stimmen, als besonders sachkundig, aber allerdings auch: besonders persnlich interessiert, irgendwie abgesehen von ihrer Zahl ins Gewicht fallen mu, oft weitestgehend antagonistisch sind, so ist ein formales Durchstimmen bei Zusammensetzung aus klassenmig oder stndisch sehr heterogenen Elementen ein mechanisiertes Unding: der Stimmzettel als ultima ratio ist das Charakteristikum streitender und ber Kompromisse verhandelnder Parteien, nicht aber: von Stnden.

2. Bei Stnden ist der Stimmzettel da adquat, wo die Krperschaft aus sozial ungefhr gleich geordneten Elementen: z.B. nur aus Arbeitern, besteht, wie in den Rten. Den Prototyp gibt da die Mercadanza der Zeit der Zunftkmpfe: zusammengesetzt aus Delegierten der einzelnen Znfte, abstimmend nach Mehrheit, aber faktisch unter dem Druck der Separationsgefahr bei berstimmen besonders mchtiger Znfte. Schon der Eintritt der Angestellten in die Rte zeitigt Probleme: regelmig hat man ihren Stimmenanteil mechanisch beschrnkt.

Vollends wo Vertreter von Bauern und Handwerkern eintreten sollen, kompliziert sich die Lage. Sie wird durch Stimmzettel gnzlich unentscheidbar, wo die sogenannten hheren Berufe und die Unternehmer mit einbezogen werden sollen. Parittische Zusammensetzung einer Arbeitsgemeinschaft mit Durch stimmen bedeutet: da gelbe Gewerkschafter den Unternehmern, liebedienerische Unternehmer den Arbeitern zum Siege verhelfen: also die klassenwrde losesten Elemente den Ausschlag geben.

Aber auch zwischen den Arbeitern in rein proletarischen Rten wrden ruhige Zeiten scharfe Antagonismen schaffen, die wahrscheinlich eine faktische Lahmlegung der Rte, jedenfalls aber alle Chancen fr eine geschickte Politik des Ausspielens der Interessenten gegeneinander bewirken wrden: dies ist der Grund, weshalb die Bureaukratie dem Gedanken so freundlich gesonnen ist. Vollends bestnde die gleiche Chance fr Bauernvertreter gegen Arbeitervertreter. Jedenfalls kommt jegliche nicht strikt revolutionre Zusammensetzung solcher Reprsentativkrperschaften letztlich nur auf eine neue Chance der Wahlkreisgeometrie in anderer Form hinaus.

3. Die Chancen der berufsstndischen Vertretungen sind nicht gering. In Zeiten der Stabilisierung der technisch-konomischen Entwicklung werden sie beraus gro sein. Dann wird das Parteileben aber ohnedies weitgehend abflauen. Solange diese Voraussetzung nicht besteht, ist selbstverstndlich kein Gedanke daran, da berufsstndische Reprsentativkrperschaften die Parteien eliminieren wrden. Von den Betriebsrten angefangen wo wir den Vorgang schon jetzt sehen bis zum Reichswirtschaftsrat werden im Gegenteil eine Unmasse neuer Pfrnden fr bewhrte Parteizugehrige geschaffen, die auch ausgentzt werden. Das Wirtschaftsleben wird politisiert, die Politik konomisiert. Zu all diesen Chancen kann man je nach dem letzten Wertstandpunkt grundverschieden stehen. Nur: die Tatsachen liegen so und nicht anders.

 

Sowohl die genuine parlamentarische Reprsentation mit voluntaristischem Interessentenbetrieb der Politik, wie die daraus entwickelte plebiszitre Parteiorganisation mit ihren Folgen, wie der moderne Gedanke rationaler Reprsentation durch Interessenvertreter sind dem Okzident eigentmlich und nur durch die dortige Stnde- und Klassen-Entwicklung erklrlich, welche schon im Mittelalter hier, und nur hier, die Vorlufer schuf. Stdte und Stnde (rex et regnum), Brger und Proletarier gab es nur hier.


 © textlog.de 2004 13.09.2026 06:42:12
Seite zuletzt aktualisiert: 23.10.2004 
bibliothek
text
  Home  Impressum  Copyright