
2. Wilhelm Wundt
a) Leben und Schriften. Wilhelm Wundt, 1832 im Badischen geboren, 1865-72 Professor der Physiologie in Heidelberg, ging dann wie Fechner und Lotze zur Philosophie ber, die er 1874 in Zrich lehrte und seit 1875 an der Leipziger Universitt vertritt. Sein philosophischer Entwicklungsgang, ergibt sich aus der folgenden chronologischen bersicht seiner wichtigeren philosophischen Schriften: Beitrge zur Theorie der Sinneswahrnehmung 1862; Vorlesungen ber die Menschen- und Tierseele 1863 (6. Aufl. 1919); Die physikalischen Axiome und ihre Beziehungen zum Kausalprinzip 1866, 2. Aufl. als Prinzipien der mechanischen Naturlehre, 1910, Grundzge der physiologischen Psychologie 1873 (6. Aufl. 3 Bde., 1908-11); Logik 1880 bis 1883 (3. Aufl. 3 Bde., 1906-08, Bd. I 4. Aufl. 1919); Ethik 1886 (4. Aufl. 3 Bde., 1912 f.); System der Philosophie 1889 (3. Aufl. 1907); Grundri der Psychologie 1896 (13. Aufl. 1918); Einleitung in die Philosophie 1900 6. Aufl. 1914); Vlkerpsychologie, Bd. I. und II: Die Sprache (3. Aufl. 1911 f.), Bd. III: Die Kunst (2. Aufl. 1908), Bd. IV bis VI: Mythus und Religion (1905-09, 2. Aufl. 1914 f.), Bd. VII: Die Sitte, Bd. IX: Das Recht (1918). Auerdem Kleine Schriften (2 Bde. 1910/11), Essays (1885, 4. Aufl. 1912) und Sinnliche und bersinnliche Welt, als populre Wiedergabe seines Systems (1914).
Mit Fechner, Lotze und Hartmann ist Wundt das Streben nach einem Ausgleich zwischen Spekulation und Erfahrung gemein. Noch bestimmter als jene stellt er die Forderung auf, dass die Philosophie den Tatbestand der empirischen Einzelwissenschaften rckhaltslos als die Basis anerkenne, von der sie auszugehen habe Freilich soll sie nicht, wie der radikale Positivismus will, bei der bloen Erfahrung stehen bleiben; das begriffliche Erkennen werde vielmehr durch seine eigene Konsequenz ber die Erfahrung hinausgetrieben (s. unten). Wundts grtes, von allen Seiten anerkanntes Verdienst besteht in seiner Begrndung einer physiologischen oder, wie er spter deutlicher sich ausgedrckt hat, experimentellen Psychologie. Zu ihrer Frderung rief er Ende der 70er Jahre das erste derartige Laboratorium ins Leben, und gab er von 1883-1902 die Zeitschrift Philosophische Studien heraus, an deren Stelle seit 1905 die Psychologischen Studien getreten sind.
Von 1880 an begann er dann auch die brigen philosophischen Disziplinen zu bearbeiten.
b) Die experimentelle Psychologie. Sobald man die Seele als bloe Naturerscheinung, mithin die Psychologie als Naturwissenschaft auffat, mu man auch die experimentelle Methode auf sie anwenden knnen. Wundts allmhlich auf drei starke Bnde angewachsenes Hauptwerk (Grundzge der physiologischen Psychologie) will vor allen Dingen ein Lehrbuch der Methode sein, will ein neues, erst im Entstehen begriffenes Wissenschaftsgebiet abgrenzen, nmlich die Untersuchung derjenigen Lebensvorgnge, die der ueren (physiologischen) und der inneren (psychologischen) Beobachtung zugleich zugnglich sind und doch von keiner von beiden allein vollstndig erfat werden knnen. Der Name Seele ist dabei nur ein Ausdruck fr die gesamte, in bestndigem Flusse befindliche innere Erfahrung; er bezeichnet nur den stetigen Zusammenhang psychischen Geschehens, nicht ein besonderes Sein oder gar ein besonderes Ding, wie der in Wahrheit materialistische Spiritualismus meint. Psychologie ist diejenige Wissenschaft, welche ber die Wechselbeziehungen der subjektiven und objektiven Faktoren der unmittelbaren Erfahrung und ber die Entstehung der einzelnen Inhalte der letzteren und ihres Zusammenhangs Rechenschaft gibt.
Im Interesse der Geschlossenheit der Naturkausalitt wie auf Grund der vlligen Unvergleichbarkeit der physischen und der psychischen Kausalerklrungen nimmt Wundt einen psychophysischen Parallelismus an; aber nur als empirisches Postulat, das eigentlich nur das Zugleichsein der krperlichen und der seelischen Vorgnge ausspricht. Ein Teil der letzteren ist in erster Linie von den leiblichen, ein anderer vorzugsweise von den geistigen Eigenschaften des psychophysischen Individuums abhngig. Die Physiologie kann uns weder ber die Art der Verbindung noch ber die Wertunterschiede der verschiedenen psychischen Gebilde, z.B. der Vorstellungen, unterrichten. Insofern der Willensvorgang in seiner Zusammengesetztheit aus Gefhlen, Empfindungen und Vorstellungen fr alle Bewutseinsvorgnge typisch ist, will Wundt seine Psychologie als voluntaristisch gelten lassen. Nicht blo die Raumvorstellung, sondern alle psychischen Gebilde sind nach ihm das Produkt einer schpferischen Synthese, whrend die Naturkrper stets nur Summen vorhandener Atome, niemals Neuschpfungen darstellen.
c) Logik und Ethik. Schon die Rede Wundts bei Antritt seiner Leipziger Professur (1875) hatte die Psychologie als Vermittlerin zwischen Natur- und Geisteswissenschaften bezeichnet. Seit dem Anfang der 80er Jahre beginnt er auch den letzteren sein Interesse zuzuwenden. Seine Logik will nicht sowohl eine formale Schullogik als eine Methodenlehre der Wissenschaften bieten, also sozusagen das Werk John Stuart Mills in zeitgemer Form fortsetzen. Das dreibndige Werk enthlt in der Wundt eigentmlichen Breite zunchst eine allgemeine Logik und Erkenntnistheorie, dann eine ausfhrliche enzyklopdische Methodologie der exakten und der Geisteswissenschaften (Mathematik, Naturwissenschaft, Psychologie, Geschichte, Gesellschaftswissenschaft, Philosophie), denen allen er sorgfltig bis in ihre feinsten Verstelungen nachgeht, ohne eigentlich neue, groe Grundgedanken zu uern.
Wie auf den brigen Gebieten, so will Wundt auch in seiner Ethik zwischen Empirismus und (Kantischem) Apriorismus vermitteln. Die Sittengebote sind weder starr unvernderlich noch zufllige Wirkungen wechselnder Umstnde, sondern gesetzmige Erzeugnisse der universellen geistigen Entwicklung, von der die menschliche nur einen Teil bildet. Er verfolgt daher 1. die Tatsachen des sittlichen Lebens, 2. die Entwicklung der sittlichen Weltanschauungen, 3. die Prinzipien der Sittlichkeit; eine Wrdigung der sittlichen Lebensgebiete macht den Beschlu. Als Selbstzweck erscheint ihm allein das universelle geistige Leben in seiner fortschreitenden Entwicklung, das in keine bestimmte Formel zu fassen ist und keinen Abschlu hat. Nicht die Einzel-, sondern die Vlkerpsychologie ist die Vorhalle zur Ethik. Eine Heterogonie der Zwecke entsteht dadurch, dass die Wirkungen der Willensbettigungen ber die ursprnglichen Willensmotive hinausreichen und so neue Motive mit abermals neuen Wirkungen hervorrufen. Die Beweggrnde des sittlichen Handelns entspringen stets aus den Gefhlen, besonders den Ehrfurchts- und Neigungsgefhlen. Das instinktartige Handeln kann sich jedoch zu freiem und bewutem Handeln nach Vernunftgrnden erheben.
d) Metaphysik. Bis gegen Ende der 80er Jahre hatten Freunde und Gegner unseren Philosophen als reinen Empiriker betrachtet, zumal da doch auch seine Ethik sich im wesentlichen als psychologische Zergliederung der Erscheinungen des sittlichen Lebens gab. Man sah sich daher auf beiden Seiten einigermaen enttuscht, als in seinem System der Philosophie (1889) eine Metaphysik zum Vorschein kam, die der aufmerksame Beobachter freilich schon in seinen frheren Schriften keimen sah. Die wissenschaftliche Philosophie, sagt Wundt, hat zwar von den Einzelwissenschaften als ihrer unerschtterlichen Grundlage auszugehen, aber ihre besondere Aufgabe ist es, die durch jene vermittelten allgemeinen Erkenntnisse zu einem widerspruchslosen System zu vereinigen, ja noch mehr, sie zu einer die Forderungen des Verstandes und die Bedrfnisse des Gemts befriedigenden Welt- und Lebensanschauung zusammenzufassen.*)
In hnlicher Weise, wie bei Kant, wird zwischen Verstand und Vernunft unterschieden. Der Verstand will die Welt begreifen, die Vernunft, als dessen hhere Stufe, sie ergrnden, d.h. in ihrer Gesamtheit erfassen. Der bergang von der einen (Erfahrungs-) zur anderen (metaphysischen) Erkenntnis ist ein unvermeidlicher und stetiger. Der Metaphysik fllt das Gebiet der bleibenden Hypothesen, d.h. derjenigen Voraussetzungen zu, die sich als die fr unsere jeweilige Erkenntnisstufe angemessenen, dem Einheitsbedrfnis der Vernunft am besten entsprechenden Annahmen erweisen lassen Diese transzendenten Begriffsbildungen nennt Wundt (mit Kant) Ideen und unterscheidet, hnlich wie dieser: kosmologische, psychologische und ontologische Ideen. Die kosmologischen Ideen (von der Unbegrenztheit des Raumes, der Zeit, der Materie und der - Kausalitt der Erscheinungen) wollen die gesamte uere Erfahrung zu einer einheitlich zusammenhngenden machen, die psychologischen (Einheit der individuellen Seele und des geistigen Kosmos) die innere. Der Zusammenhang der letzteren ist ausschlielich bedingt durch unseren Willen, dem schlechterdings einzigen, was der Mensch voll und ganz sein eigen nennen kann, zunchst in der Form des Einzelwillens, dann aber immer umfassenderer Willensgemeinschaften, bis wir schlielich zu der Idee eines menschlichen Gesamtwillens gelangen, der ber alle beschrnkten Willenssphren hinausreichend, die gesamte Menschheit in der bewuten Vollbringung bestimmter Willenszwecke vereinigt, brigens nicht Ausgangs-, sondern Zielpunkt (praktisches Ideal) der Gesamtentwicklung ist.
Unsere Zuversicht auf dessen Erfllung grndet sich auf den bisherigen Verlauf der menschlichen Entwicklung und fhrt uns zu der bersittlichen, religisen Idee eines unendlichen vollkommenen Wesens. Die Gottesidee ist nach Wundt weder durch die Offenbarung noch durch sogenannte Vernunftbeweise zu begrnden, sondern nur als die Idee eines hchsten Weltwillens, dessen Entfaltung sich in der Entwicklung der Welt, an der auch die Einzelwillen selbstndig teilnehmen, darstellt (Pantheismus): eine abstrakt- philosophische Vernunftidee, die sich dem religisen Gemt des geistig-sinnlichen Menschen in den konkreten Glaubensvorstellungen der positiven Religionen verkrpert. Diese Vorstellungen und Kultformen knnen nur die Bedeutung von Symbolen haben, wie auch die Lehre von der persnlichen Fortdauer nach dem Tode nur der Ausflu eines egoistischen Glcksbedrfnisses ist. Unvergnglich ist unser Geist nur als ein Glied und eine Kraft in dem universellen Werdeprozesse des Geistes berhaupt.
Die Gottesidee ist mit der ontologischen Frage nach dem letzten Einheitsgrunde von uerer und innerer Erfahrung, Natur und Geist verbunden. Ein weder geistiges noch materielles Sein ist bloe Einbildung. Da aber alles Leben an krperliche Vorgnge gebunden ist und jede Vorstellung von Objekten auf einer Wirkung beruht, die das Wollen erfhrt, so entscheidet sich Wundt fr die erstere Lsung. Er fat die Welt als eine geistige Einheit oder vielmehr, seinen psychologischen Ideen gem, als eine Gesamtheit von Willenseinheiten, d. i. substanzerzeugenden Ttigkeiten auf. Schon die Elementarorganismen sind Trger eines Bewutseins niederster Form, die sich bei der hheren (tierisch-menschlichen) Entwicklung in stets steigendem Mae einem Zentralbewutsein unterordnen. So entsteht eine Stufenordnung von Willensindividuen: ein an Leibniz erinnernder Gedanke, der nicht blo naturphilosophisch und psychologisch fruchtbar ist, sondern auch die Natur- mit der Geistes- und geschichtlichen Entwicklung verbindet, die Natur zur Vorstufe des Geistes macht.
Von diesem Gesichtspunkt aus stellt sich Wundts Metaphysik als ein eigenartiger, von Leibniz' individuellem, Schelling-Hegels berzeitlich-transzendentem, Spencers naturalistischem unterschiedener voluntaristischer Evolutionismus dar.
Wundts eigentliche Bedeutung fr die philosophische Entwicklung beruht gleichwohl in erster Linie auf seinen psychophysiologischen Forschungen. Aus seinem Institut fr experimentelle Psychologie sind zahlreiche Schler hervorgegangen, welche jetzt auf deutschen und auslndischen Kathedern lehrten oder lehren und jene Methode weiter auszubilden bestrebt sind, dabei zum Teil von ihrem Urheber abweichend. Wir nennen Mnsterberg (1863 bis 1917, Grundzge der Psychologie, 1. Bd. 1900, Psychologie des Wirtschaftslebens, Lpz. 1912, Grundzge der Psychotechnik 1914, 2. Aufl. herausgeg. von Dessoir 1918), Th. Ziehen (geb. 1862, Leitfaden der physiologischen Psychologie, 9. Aufl. 1911), O. Klpe (vgl. 76, Grundri der Psychologie 1893), Strring, Meumann (Herausg. des Archivs fr d. ges. Psychol., gest. 1915); W. Hellpach (Karlsruhe), F. Krger (Halle) und G. F. Lipps (Zrich, Grundri der Psychologik 1914). Auerdem begrndeten H. Ebbinghaus und A. Knig eine Zeitschrift fr Psychologie und Physiologie der Sinnesorgane.
Literatur: E. Knig, W. Wundt als Psychologe und als Philosoph (Klass. d. Philos. XIII), 3. Auflage 1909. R. Eisler, Wundts Philosophie und Psychologie. Lpz. 1902.
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*) Vgl. auch die von Wundt verfate, allerdings mehr historisch gehaltene Skizze Metaphysik in Teubners Kultur der Gegenwart I 6, 103-137.