
66. Spiritualismus und theologisierende Philosophie.
1. Der spekulative Theismus. Natrlich rief der pantheistische oder atheistische Radikalismus der Junghegelianer und der mit ihm sich verbindende Materialismus der Naturforscher die Verteidiger des Alten in die Schranken. Neben der immer bedeutungsloser werdenden Hegelschen Rechten bernahmen den Kampf in erster Linie eine Reihe Mnner, smtlich Professoren der Philosophie oder Theologie, die sich mehr an Schelling als an Hegel anschlossen und von der Annahme eines persnlichen Gottes als Grundvoraussetzung ausgingen. Sie suchten die Philosophie zu christianisieren, die Theologie spekulativ durchzubilden. Ihre Anschauungen bezeichneten sie als spekulativen Theismus. Ihren Sammelpunkt fanden sie in der 1837 von dem jngeren Fichte gegrndeten Zeitschrift fr Philosophie und spekulative Theologie, die 1847 den Titel Zeitschrift fr Philosophie und philosophisch Kritik annahm, unter dem sie noch gegenwrtig erscheint, bis 1901 unter der Redaktion von R. Falckenberg (Erlangen), 1901 - 07 von Busse, seitdem von Herm. Schwarz (Greifswald), nach ihrem heutigen Programm den idealistischen und metaphysikfreundlichen Bestrebungen jeder Schattierung dienend Die philosophischen Hauptvertreter der sogenannten Theistenschule waren, auer dem eben erwhnten I. H. Fichte (1796 - 1879) in Tbingen, Christian Hermann Weie (1801 - 66) in Leipzig, Ulrici (1806 - 1884) in Halle, langjhriger Mitredakteur der Fichteschen Zeitschrift, Chalybus (1796 - 1862) in Kiel, F. Harms (1819 - 1880) in Berlin. Auch der sthetiker Moritz Carrire (1817 bis 1895) in Mnchen stand ihr nahe. Der bedeutendste unter ihnen war wohl Weie, dessen System der sthetik besonders gerhmt wird, und der auch Lotzes Denken beeinflut hat; zu seinen Schlern zhlte u. a. der Leipziger Religionsphilosoph R. Seydel (1835 - 92).
2. Von katholischer Seite nherten sich dieser Richtung eine Reihe philosophisch gerichteter Geister, wie Bolzano (1781 - 1848) in Prag, der, 1820 wegen seines Rationalismus von seinen Oberen des Lehramtes entsetzt, die meisten seiner zahlreichen Schriften unter fremdem Namen herausgeben mute und neuerdings als Mathematiker (Paradoxien des Unendlichen, 1850) wie als Logiker (Wissenschaftslehre, 1837, neu herausgegeben von A. Hfler, Lpz. 1914/15) wieder mehr zur Geltung kommt*), whrend sein Gesinnungsgenosse Hermes (in Bonn, 1775 bis 1831) mehr der Geschichte der Theologie als der Philosophie angehrt; ferner der Mnchener Jurist Wilhelm Rosenkrantz (1821 - 1874, nicht zu verwechseln mit dem S. 364 genannten Hegelianer Karl Rosenkranz) und der auch als Sozialphilosoph und Fhrer des Altkatholizismus bekannte Johannes Huber (1830 - 1879) in Mnchen. Der sterreicher Anton Gnther (1783 - 1863) bildete, um seinen Theismus zu begrnden, einen eigentmlichen Dualismus zwischen Natur und Geist, Gott und Welt aus. Fr die Natur soll das Schelling-Hegelsche Entwicklungsprinzip gelten, nicht aber fr den nur zufllig im Menschen mit ihr verbundenen Geist. Die Welt ist die Objektivierung des gttlichen Weltgedankens. Aber dieser Spiritualismus, den Gnther in zahlreichen, meist sarkastisch und aphoristisch gehaltenen Schriften darlegte, war der rmischen Kirche nicht kirchlich genug. Nach mehrjhrigen Verhandlungen mit der Index-Kongregation mute der 74jhrige Greis seine Lehre als ketzerisch abschwren; er starb in Drftigkeit als Weltpriester zu Wien. Gleichwohl erwarb er sich eine zahlreiche und begeisterte Anhngerschaft unter den freier denkenden katholischen Gelehrten, die dann 1871 meist in das Lager des Altkatholizismus bergingen: darunter sein Herausgeber und Biograph P. Knoodt (1811 - 1889 in Bonn) und der altkatholische Bischof Th. Weber (1836 - 1906), dessen Standpunkt schon durch den Titel seines Hauptwerks (Metaphysik, eine wissenschaftliche Begrndung der Ontologie des positiven Christentums, Gotha 1888 - 91) gekennzeichnet wird.
3. Wir wollen bei dieser Gelegenheit gleich die seitdem eingetretene Rckkehr der katholischen Neuscholastik zu Thomas von Aquino (Neu-Thomismus) mit bercksichtigen. Whrend bis zum Vatikanischen Konzil die soeben charakterisierte freiere Richtung unter den katholischen Theologen und Philosophen Deutschlands vorherrschte, wurde sie mit dem Altkatholizismus aus der rmischen Kirche herausgedrngt. Den Zurckgebliebenen gab eine neue Direktive die Enzyklika Papst Leos XIII., vom 4. August 1879, die zur Wiederbelebung und weitesten Verbreitung der Lehre des Dr. angelicus aufforderte: sie sei am besten geeignet, die moderne Philosophie mit ihren Irrtmern zu widerlegen; ihr knnten dann die gesicherten Ergebnisse der neueren Wissenschaft eingegliedert werden. Diesem Appell haben denn auch die Dozenten der katholischen Lehranstalten mit lblicher Bereitwilligkeit Folge geleistet. Seit 1887 bezw. 1888 wirken allein drei deutsche Zeitschriften in diesem Sinne: das Jahrbuch fr Philosophie und spekulative Theologie, herausgegeben von Commer (Wien), der von Papst Pius X. wegen seiner Widerlegung des freier gerichteten Wrzburger Professors Schell (1850 - 1906, Der Katholizismus als Prinzip des Fortschritts 7. Aufl. 1899) ein ffentliches Lobschreiben erhielt; das Philosophische Jahrbuch von Gutberlet (Fulda), Chr. Schreiber und Pohle; endlich die populren Charakter tragenden St. Thomas-Bltter von C. M. Schneider. Von auswrtigen sei als die bedeutendste die seit 1893 in Belgien erscheinende Revue noscolastique (Mitarbeiter u. a. der Mechelner Erzbischof D. Mercier) erwhnt. O. Willmann Professor in Prag, jetzt a. D. in Salzburg), der greise Fhrer dieser Richtung, ist schon S. 341 und I. S. 311 genannt worden. Von selbstndigem philosophischen Denken kann natrlich, wo eine kirchliche Autoritt die unberschreitbare Schranke bildet, nur in bedingter Weise die Rede sein. Doch haben mehrere katholische Gelehrte, wie namentlich Clemens Bumker (geb. 1853, jetzt in Mnchen) und der schlielich bayrischer Ministerprsident und deutscher Reichskanzler gewordene G. v. Hertling (1843 - 1918), tchtige Arbeiten zur Geschichte der Scholastik geliefert; auf dem Gebiete der Moralphilosophie haben sich die Jesuiten Chr. Pesch (geb. 1853) und V. Cathrein (geb. 1845, Moralphilosophie, 2 Bde., 1300 Seiten, 5. Aufl. 1911) auerdem Jos. Mausbach (Mnster, Die katholische Moral und ihre Gegner, 4. Aufl. 1913) in weiteren Kreisen bekannt gemacht, whrend J. Geyser (Mnster) ein Lehrbuch der allgemeinen Psychologie (2. Aufl. 1913) und Grundlage der Logik (1909) schrieb. Gegen das konsequentere System des Jesuitismus vermag der Reformkatholizismus oder, wie man gegenwrtig sagt, der Modernismus auch heute noch nicht aufzukommen.
4. Zu den Vertretern des Spiritualismus ist schlielich auch Adolf Trendelenburg (1802 - 72, von 1833 bis an seinen Tod Professor in Berlin, lange in einflureicher Stellung) zu zhlen, der gegenber Hegels Dialektik und Herbarts Realismus an Aristoteles' organische Weltanschauung wieder anknpfte. Als organisches Weltprinzip nimmt Trendelenburg eine zweckerfllte konstruktive Bewegung an, von der sowohl die uere Welt des Seins als ihr Gegenbild, die innere Welt des Denkens, geleitet werde. Auer diesem spekulativen Prinzip, das er namentlich in seinem Hauptwerk: Logische Untersuchungen (Berlin 1842, 3. Aufl. 1870) aufstellt, hat er hauptschlich das Naturrecht auf dem Grunde der Ethik (Leipzig 1860) bearbeitet. Wichtiger als durch seine Metaphysik ist Trendelenburg durch Anregung von zahlreichen historischen Untersuchungen, besonders auf dem Gebiete der alten Philosophie, geworden. Sein Schulbuch Elementa logices Aristoteleae (1836) war frher ein viel verbreitetes (9. Aufl. 1892) Unterrichtsmittel. - Auch Franz Brentano und seine in sterreich verbreitete Schule (siehe S. 492 f.) ist ihm verwandt.
Es fehlt auch heute nicht an spiritualistischen oder, wie sie sich in der Regel lieber nennen, idealistischen Lehren oder gar Systemen. Doch hat keines von ihnen eine grere Bedeutung erlangt.
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*) ber ihn orientiert eine neuere Schrift von H. Bergmann, Das philosophische Werk Bernhard Bolzanos, Halle 1909.