1. Die franzsische Philosophie in der ersten Hlfte des 19. Jahrhunderts.


Ihre Entwicklung entspricht zum groen Teile den gleichzeitigen politischen Wandlungen Frankreichs. Der Philosophie der Revolutionszeit folgte schon unter dem Kaisertum, noch mehr unter der bourbonischen Restauration eine einschneidende Reaktion auf fast allen Gebieten des geistigen Lebens. Nachdem Chateaubriand bereits 1802 in seinem Le gnie du Christianisme der neuen romantischen Zeitstimmung Ausdruck verliehen hatte, predigten de Maistre (1753 - 1821), der Begrnder des modernen Ultramontanismus in Frankreich, und de Bonald (1754 - 1840), der Urheber des Traditionalismus, d.h. der legitimistisch-konservativen Gesellschaftstheorie: Vernunft und Wissenschaft haben sich unfhig erwiesen, den Menschen zu leiten; deshalb zurck zum Glauben, zur Autoritt, zum Papsttum! Auch Lamennais (1782 bis 1854) war ein Vertreter dieser Richtung (Versuch ber die Gleichgltigkeit in Sachen der Religion, Paris 1817 ff.), bis er durch seine khnen Paroles d'un croyant (1834) mit der offiziellen Kirche in Streit und in demokratisches Fahrwasser geriet. Sein philosophisches Hauptwerk aus dieser zweiten Periode ist Esquisse d'une philosophie (1841 - 46).

Dem liberalen Juliknigtum (1830 - 48) entspricht auf philosophischem Gebiete ein eklektischer Spiritualismus, der in Victor Cousin (1792 - 1867) seinen bezeichnendsten Ausdruck fand. Seine psychologischen Ansichten verdankte dieser mehr nachempfindende als schpferische Geist dem verdienten Neubegrnder der franzsischen Psychologie Maine de Biran (1766 - 1824), welcher, die Untersuchungen der Ideologen ( 24) vertiefend, durch Kant und Fichte angeregt, das unmittelbare Bewutsein der Selbstttigkeit und des Wollens zum Grundprinzip der Erkenntnis machte und darauf spter auch ein metaphysisches System grndete; sodann dessen Anhnger Ampre (1775 - 1836), dem berhmten Physiker, der namentlich die Methode der Beziehungen pflegte. Mit deren Lehre verband Cousin die von Royer-Collard (1763 - 1843), liberalem Abgeordneten unter der Restauration, in Frankreich eingefhrte Schottische Philosophie des gesunden Menschenverstandes, auerdem aber, namentlich in seinen Vorlesungen von 1828, den Schelling-Hegelschen absoluten Idealismus, den er jedoch spter zugunsten eines seichten theologisierenden Cartesianismus wieder aufgab. Mehr Verdienste als durch diesen so zusammengestckelten spiritualistischen Eklektizismus hat sich Cousin durch zahlreiche von ihm und seiner Schule ausgefhrte philosophiehistorische Arbeiten und bersetzungen erworben. In der Ethik trat er gegen den Eudmonismus und Materialismus auf. Von seinen zahlreichen Bchern gilt als das wichtigste Du Vrai, du Beau et du Bien (1837, 12. Aufl. 1872). Als Leiter des philosophischen Unterrichts an der Pariser Ecole normale, als glnzender Schnredner und Stilist war Cousin unter der Regierung Louis Philipps sozusagen der philosophische Diktator Frankreichs; nach dem Sturze des Brgerknigs zog er sich aus dem ffentlichen Leben zurck und widmete sich allgemein- literarischen Arbeiten. Philosophisch nahe steht ihm der mannhaftere Jouffroy (1796 - 1842), der vor allem die Selbstndigkeit der Psychologie gegenber der Physiologie einer-, der metaphysischen Spekulation anderseits verteidigte.


 © textlog.de 2004 06.09.2026 16:08:51
Seite zuletzt aktualisiert: 29.10.2006 
bibliothek
text
  Home  Impressum  Copyright