67. Der Darwinismus.


1. Der Entwicklungsgedanke berhaupt hat in der Philosophie von jeher Brgerrecht besessen. Wir sind ihm schon in so frhen Erscheinungen wie Heraklit und Empedokles bei den Griechen, Lukrez bei den Rmern begegnet, von Aristoteles ganz zu schweigen. In der Neuzeit sahen wir ihn zuerst bei Leibniz bedeutsam auftauchen. Indes erst in der zweiten Hlfte des 18. und zu Anfang des 19. Jahrhunderts gelangt er zu grerer Bedeutung. Nach Montesquieu wenden ihn Lessing, Herder und Kant auf die Geschichtsphilosophie, Kant-Laplace auf die Astronomie und Geophysik, Lyell auf die Geologie, die Assoziationspsychologen auf die seelischen Erscheinungen, Kaspar Friedrich Wolff und K. E. v. Br auf die Zoologie und Embryologie an. Im 19. Jahrhundert wurde er zudem von Schelling und namentlich Hegel auf philosophischem, von Goethe, Oken, Jean Lamarck, Geoffroy St. Hilaire u. a. auf allgemein naturwissenschaftlichem Gebiete vertreten. Aber zum Gemeingut der Wissenschaft wurde er doch erst in den letzten vier Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts, und zwar in erster Linie durch das Auftreten des Englnders

2. Charles Darwin (1809 - 82).

Nicht ohne Grund schrieb dieser, nachdem whrend seiner fnfjhrigen Forschungsreise auf dem Schiffe Beagle (zu deutsch: Sprhund) die erste Idee seiner groen Entdeckung in ihm aufgetaucht war, schon 1837 in sein Tagebuch: Meine Theorie wird zu einer ganzen Philosophie fhren. Darwins Hypothese hat uns eine unbersehbare Entwicklungsreihe alles Seienden nach rckwrts wie nach vorwrts ahnen lassen und zugleich in den kleinen Dingen um uns her die Krfte aufgezeigt, durch deren ununterbrochene stille Ttigkeit die gegenwrtigen Arten ihre jetzige Form erlangt haben. Der in dem Werke seines Landsmannes Malthus (1766 - 1834): ber das Bevlkerungsprinzip (1798) enthaltene Gedanke, dass die lebenden Wesen das Streben haben, sich rascher zu vermehren als die ihnen zu Gebote stehenden Lebensmittel, gab ihm 1838 einen weiteren Ansto zur Ausbildung seiner Theorie, die er Jedoch erst nach langem und sorgfltigem Ausreifen, nach mehr als 20 jhriger Erprobung durch die Tatsachen der Erfahrung, in seinem Werke: Entstehung der Arten durch natrliche Zuchtwahl (1859) verffentlichte. Danach entsteht infolge jener Tatsache ein Kampf ums Dasein (vgl. Hobbes' bellum omnium contra omnes), in welchem diejenigen Arten bezw. Individuen den Sieg davontragen, die sich infolge grerer Fhigkeit zur Variation ihren Lebensbedingungen am besten anzupassen wissen: darin besteht das Prinzip der natrlichen Auslese (Zuchtwahl), demzufolge jede wenn auch noch so kleine Variation, die dem Individuum ntzt, erhalten wird. In seiner vorsichtigen und kritischen Weise erkannte der gewissenhafte Forscher indes an, dass der erste Ursprung der Variation (Divergenz), wie der erste Ursprung des Lebens berhaupt, ungelste Rtsel fr uns sind. Erst zwlf Jahre spter bertrug er in seinem zweiten Hauptwerke: Die Abstammung des Menschen und die geschlechtliche Zuchtwahl seine bis dahin nur mit Bezug auf die Pflanzen- und Tierwelt aufgestellte Theorie auch auf das Menschengeschlecht, das sich aus niedrigeren Tierformen vermittelst des natrlichen Prinzips der geschlechtlichen Zuchtwahl entwickelt habe. Zwischen dem Menschen und den hheren Tieren existieren nur Unterschiede des Grades. Die krperliche und geistige Kluft zwischen dem Affen und dem niedrigsten Wirbeltier ist groer als die zwischen Affen und Menschen, so ungeheuer die letztere auch bleibt. Auch die hheren Tiere besitzen Erinnerungs- und Vergleichungsvermgen, Schnheitssinn, sympathische und soziale Instinkte. Die natrliche Auslese fhrt brigens nicht notwendig zu einer immer greren Vervollkommnung aller Lebewesen; der Regenwurm z.B. wrde gar keinen Nutzen von vollkommeneren Organen als seinen gegenwrtigen haben; darum bildet er sie nicht aus. Ja, es knnen sogar Rckschritte eintreten, indem gewisse Organe oder Eigenschaften durch Vereinfachung oder nderung der Lebensverhltnisse berflssig werden bezw. verkmmern. Die moralischen Gefhle des Menschen haben sich gleichfalls auf natrliche Weise entwickelt. Da die Erhaltung und Strkung der Gemeinschaft in der Regel ntzlich sein wird, so bildet die natrliche Auslese nicht blo die egoistischen, sondern auch die uneigenntzigen (sozialen) Gefhle immer mehr aus. - ber das Verhltnis des Geistigen zu den krperlichen Organen, an die es stets gebunden erscheint, hat Darwin sich nirgends nher ausgesprochen, dagegen in seinem Buche: Der Ausdruck der Gemtsbewegungen bei den Menschen und den Tieren (1873) viele interessante, wenngleich jetzt wissenschaftlich teilweise berholte Beitrge zur physiologischen Psychologie geliefert. In metaphysischer Hinsicht erklrte er sich, wenigstens in seinen spteren Jahren, als Agnostiker, der sich in allem, was ber die Erfahrung hinausgeht, des Urteils enthlt. Er steht sonach philosophisch im wesentlichen auf dem Boden des Positivismus.

3. Anhnger Darwins.

Die Darwinsche Theorie - auf die gleichzeitig mit ihrer ersten Verffentlichung auch Darwins jngerer Landsmann Alfred Wallace gekommen war - ist von ihrem Urheber nicht als Dogma, sondern als das, was sie in Wahrheit ist und bleiben wird, als fruchtbare Hypothese aufgestellt worden. Khner, aber auch unkritischer verfuhren die meisten der begeisterten Anhnger, die sich die neue Lehre bald erwarb: so der Englnder Huxley (1825 - 1895, Zeugnisse fr die Stellung des Menschen in der Natur 1864), der seine Weltanschauung zuerst als Agnostizismus bezeichnete, K. Vogt (in seinen 65 zitierten Vorlesungen von 1863) und namentlich der Zoologe Ernst Haeckel in Jena (geb. 1834), der weniger durch seine grundlegende Generelle Morphologie (2 Bnde 1866) und andere wissenschaftliche Arbeiten, als durch die populre Natrliche Schpfungsgeschichte (1868, 8. Aufl. 1889, 11. Aufl. 1909, in zwlf Sprachen bersetzt) und Anthropogenie (1874, 6. Aufl. 1910) weite Kreise fr den Darwinismus gewann. So gro auch die Verdienste Haeckels um die Verbreitung des Entwicklungsgedankens in der Naturwissenschaft sind, so berechtigt auch seine Ablehnung des Supranaturalismus vom Standpunkte der Wissenschaft erscheint, so hat er sich doch in der Philosophie, wie namentlich sein in mehr als 200000 Exemplaren verbreitetes, seit 1904 durch Die Lebenswunder ergnztes Buch Die Weltrtsel (1899, 11. Aufl. 1919) zeigt, starke Blen gegeben; vgl. E. Adickes, Kant contra Haeckel, Erkenntnistheorie gegen naturwissenschaftlichen Dogmatismus, 2. Aufl. 1906. Haeckels Monismus ist im Grunde ein dogmatischer, dabei zugleich poetisch und pantheistisch angehauchter, also inkonsequenter Materialismus. Die Atome fhlen Lust bei der Verdichtung, Unlust bei Spannung und Verdnnung der Stoffe. Ihr Fhlen und Streben steigert sich in der organischen Natur zu Empfindung und Wollen, ja auf der hchsten Stufe zum Bewutsein und zur Gedankenbildung. Haeckel sinkt mit solchen Vorstellungen auf den naiven, halb mythologischen Standpunkt der milesischen Naturphilosophie oder des Empedokles zurck. Philosophisch am wichtigsten und fruchtbarsten ist wohl seine von ihm als biogenetisches Grundgesetz bezeichnete Theorie, dass die Entwicklung der Einzelwesen eine abgekrzte Wiederholung der Stammesentwicklung ist.

Die Zahl der fr und wider den Darwinismus, insbesondere die Deszendenztheorie, eintretenden Schriften war namentlich in den 70er Jahren Legion; eine eigene Zeitschrift fr einheitliche Weltanschauung, Kosmos, redigiert von O. Caspari, G. Jger und Carus Sterne (Pseudonym fr Ernst Krause) vertrat von 1877 - 86 die neuen Grundstze. Einer der hervorragendsten neueren Vertreter, der jedoch in der Frage der Vererbung von Darwin abwich, war A. Weismann (in Freiburg, 1834 - 1914, Vortrge ber Deszendenztheorie 1902, 2. Aufl. 1907). Seitdem der Entwicklungsgedanke mehr oder weniger in smtliche Wissenschaften eingedrungen ist, ist der spezielle Darwinismus naturgem mehr zurckgetreten. Doch wurde noch 1902 eine neue Monatsschrift: Politisch- anthropologische Revue begrndet, die als ihr Ziel die folgerichtige Anwendung der natrlichen Entwicklungslehre im weitesten Sinne des Wortes auf die organische, soziale und geistige Entwicklung der Vlker bezeichnet. Ihr Herausgeber L. Woltmann, der bereits frher Die Darwinsche Theorie und der Sozialismus (1899) verffentlicht hatte, ist leider durch einen Unglcksfall (er ertrank beim Baden an der Riviera Januar 1907) der Wissenschaft zu frh entrissen worden. Vgl. ber ihn das seinem Andenken gewidmete ausfhrliche Gedenkheft der Politisch- anthropologischen Revue VI, I (April 1907).

Gegen Darwins Lehre von der natrlichen Auslese (Selektionstheorie) sind neuerdings auch von naturwissenschaftlicher Seite mancherlei sachliche Einwnde erhoben worden: von W. Roux (Halle, Entwicklungsmechanik s. S. 502) einerseits, andrerseits von O. Hertwig (Das Werden der Organismen, Jena 1916). In ihrem vollen Umfange wird sie wohl nur von wenigen Darwinisten mehr aufrecht erhalten. Dagegen ist das philosophisch Wichtigste an ihr, die Deszendenzlehre und vor allem der Entwicklungsgedanke, heute, darf man wohl sagen, Gemeingut der Biologie geworden.

Unabhngig von der darwinistischen Bewegung erfolgte die philosophische Ausbildung der Entwicklungslehre durch den Englnder Herbert Spencer.


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