
60. II. Theoretische Philosophie.
In einem gewissen Widerspruch mit dieser seiner Theorie der unmittelbaren Anschauung, wie es denn berhaupt bei ihm an unausgeglichenen Widersprchen nicht fehlt, stellt unser Philosoph dennoch zunchst eine
3. Erkenntnislehre
auf. Anschlieend an seinen systematischen Grundsatz: Die Welt ist meine Vorstellung, sucht er die Welt mit den Mitteln der Erkenntnis zu erklren, indem er sie als dem Satze des zureichenden Grundes unterworfen darstellt. Zum Verstndnis seines Hauptwerkes als unerllich bezeichnet er das vorherige Studium seiner Dissertation von 1813, ber
a) Die vierfache Wurzel des Satzes vom zureichenden Grunde, welche in der sehr vernderten und betrchtlich vermehrten zweiten Auflage (von 1847) zu einer Theorie des gesamten Erkenntnisvermgens geworden ist. Der, selbst unerklrliche, Satz vom Grunde drckt in seiner Allgemeinheit nur aus, dass alle unsere Vorstellungen untereinander in einer gesetzmigen und der Form nach a priori bestimmbaren Verbindung stehen, vermge welcher nichts fr sich Bestehendes und Unabhngiges, auch nichts Einzelnes und Abgerissenes Objekt fr uns werden kann Da nun alle Objekte unsere Vorstellungen sind (Objekt sein = Vorstellung sein), wie Schopenhauer von Kant gelernt hat, so nimmt der Satz vom Grunde, den verschiedenen Klassen dieser Vorstellungen gem, eine verschiedene und zwar vierfache Gestalt an: 1. Bei den anschaulichen, vollstndigen, empirischen Vorstellungen des ueren und inneren Sinnes erscheint er als Grund des Werdens oder Gesetz der Kausalitt; die Formender letzteren sind mechanische Ursachen in der anorganischen Welt, Reize im organischen Leben und bewutes Tun der animalischen Wesen. 2. Bei den abstrakten Vorstellungen oder Begriffen und den aus ihnen hervorgehenden Urteilen als Grund des Erkennens oder als Gesetz der logischen, materialen, transzendentalen (= Kants synthetischen Urteilen a priori) und metalogischen (z.B. der Satz des Widerspruchs, des ausgeschlossenen Dritten u. .) Wahrheit dieser Urteile. 3. Bei dem formalen Teile der vollstndigen (vgl. 1) Vorstellungen oder reinen Anschauungen a priori als Grund des Seins im Rume (Geometrie) und der Zeit (Arithmetik) oder als Gesetz der Lage und der Folge. Endlich 4. fr das Subjekt des Wollens (das unmittelbare Objekt des inneren Sinnes) als Grund des Handelns oder Gesetz der Motivation, d. i. der von innen gesehenen Kausalitt.
Diese in der Dissertation vielfach, auch in der Sprache, noch an Kant sich anlehnenden Gedanken werden dann weiter und selbstndiger ausgefhrt in dem ersten Buche des Hauptwerkes, betitelt:
b) Die Welt als Vorstellung, unterworfen dem Satze vom Grunde: das Objekt der Erfahrung und Wissenschaft.
Schopenhauers Anfangssatz: Die Welt ist meine Vorstellung bedeutet zunchst nur den Bruch mit dem naiven Realismus, der die Dinge als uns gegenberstehende Wirklichkeiten betrachtet. Mit ausdrcklicher Beziehung auf Berkeleys Idealismus erklrt er; Alles in der Welt ist durch das Subjekt bedingt, ist nur fr das Subjekt da, kein Objekt ohne Subjekt. Auch mein eigener Leib z.B. ist nur ein Objekt wie andere Objekte, somit deren allgemeinen Formen: Raum, Zeit und Kausalitt und ihrem gemeinschaftlichen Ausdruck, dem Satze vom Grunde, unterworfen, welcher die allgemeine Art und Weise alles Objektseins bezeichnet. Anderseits ist freilich auch kein Subjekt ohne Objekt denkbar. Die bisherigen Philosophien gingen, abgesehen etwa von den Windbeuteleien der Identittsphilosophie, entweder einseitig blo vom Subjekt (Fichte) oder ebenso einseitig blo vom Objekt - sei es der Materie oder dem Substanzbegriff oder den Zahlen oder dem Willensakt eines auerweltlichen Wesens - aus. Am folgerichtigsten von den letzteren verfuhr noch der Materialismus, aber auch er ist eine enorme petitio principii, indem er sich wie Mnchhausen an seinem eigenen Zopfe aus dem Sumpfe ziehen will. Das Organon aller Wissenschaften, ihre oberste Voraussetzung ist, was Fichte gnzlich verga, der Satz vom Grunde in seiner vierfachen Gestalt: des Seins in der Mathematik, des Erkennens in der Logik, der Motivation in der Geschichte, der Kausalitt in der Naturwissenschaft. Daneben besitzt jede Wissenschaft als Problem ihr besonderes Objekt: die Mathematik Raum und Zeit, die Logik die Verbindungen der Begriffe, die Geschichte die geschehenen Taten der Menschen im groen und in Masse, die Naturwissenschaft die Materie. Man mu also weder vom Objekt noch vom Subjekt ausgehen, sondern von der Vorstellung, als deren erste wesentlichste Grundform dann allerdings sogleich das Zerfallen in Objekt und Subjekt bezeichnet wird.
Das Innerste Wesen der Welt freilich wird uns durch die Vorstellung nicht erklrt; es wird nur die gnzliche und durchgngige Relativitt der letzteren an den Tag gebracht. Die Welt wre nichtssagend und leer, ja ein Trugbild wie der indische Schleier der Maja (= Schein), wenn sie bloe Vorstellung und weiter nichts wre, wenn nicht ein Ding an sich hinter ihr sich verbrge. Dies Innerste Wesen, dies Ding an sich aber brauchen wir nicht weit zu suchen; es liegt in einer jedem lebenden Wesen unmittelbar gewissen Tatsache: dem Willen. Das zweite Buch des Hauptwerkes behandelt deshalb die
4. Objektivation des Willens (Naturphilosophie).
Der Denker ist nicht blo erkennendes Subjekt, er ist auch wollendes Individuum. Das Wort Wille allein gibt ihm den Schlssel zu seiner eigenen Erscheinung, offenbart ihm die Bedeutung, zeigt ihm das innere Getriebe seines Wesens, seines Tuns, seiner Bewegungen Die Objektivation meines Willens aber ist - mein Leib, z.B. Zhne, Schlund und Darm der objektivierte Hunger, die Genitalien der objektivierte Geschlechtstrieb usw. Wollen und Tun sind nur in der Reflexion verschieden, in Wirklichkeit eins. Schmerz und Wohlbehagen (Wollust) sind nicht etwa Vorstellungen, sondern unmittelbare Affektionen des Willens in seiner Erscheinung, dem Leibe. Existieren nun auerhalb meines eigenen Leibes ebensolche Willensobjektivationen in den uns bisher nur als Vorstellungen bekannten Objekten? Das im Ernste leugnen zu wollen, wre die Sache eines theoretischen Egoismus, der hchstens als skeptisches Sophisma geduldet werden knnte, sonst aber ins Tollhaus gehrt! Wir knnen vielmehr gar nicht anders als die uns umgebende Krperwelt nach der Analogie unseres eigenen Krpers beurteilen, also der gesamten Natur denselben Willen zuschreiben wie uns; Mikrokosmos und Makrokosmos fallen zusammen. Denn dass der Wille bei dem Menschen und dem Tiere in der Regel von Vorstellungen begleitet ist, berhrt sein Wesen nicht. In Schopenhauerschem Sinne heit Wille auch schon die Kraft, die den Stein zur Erde treibt oder den Magnet zum Nordpol wendet. Auch die Motive bestimmen nur Zeit, Ort und nhere Umstnde meines Willens, seinen empirischen Charakter (Kant!), seine Erscheinung. Der Wille an sich ist grundlos, weil dem Satze vom Grunde nicht unterworfen, ohne bestimmte Zwecke, ist unser intelligibeler Charakter, das eigentliche Ding an sich, ein endloses Streben. Alle Krfte der Natur umfassend, bezeichnet er das, was das Sein an sich jedes Dinges in der Welt und der alleinige Kern jeder Erscheinung ist Er offenbart sich ebenso ganz und ebensosehr in einer Eiche wie in Millionen. Daher denn auch die innere und uere Zweckmigkeit der Naturprodukte.
Die niedrigste Stufe der Objektivation des Willens stellen die allgemeinsten Krfte in der Natur wie Schwere, Undurchdringlichkeit, Flssigkeit, Elektrizitt, chemische Eigenschaften u. a. dar. Ihre uerungen in der Erscheinung zwar finden nach dem Gesetze von Ursache und Wirkung statt; sie selbst aber sind auerzeitliche und auerrumliche, ursprngliche und unerklrte Krfte (qualitates occultae) oder Ideen (im platonischen Sinne). Das Naturgesetz ist die Beziehung der Idee auf die Form ihrer Erscheinung Auf der untersten Stufe, in der unorganischen Natur, stellt sich der Wille noch ganz als blinder Drang, als ein finsteres, dumpfes Treiben dar, das nur auf mechanische Ursachen reagiert und noch keine Spur von individuellem Charakter zeigt. In der Pflanzenwelt und dem vegetativen Teile der tierischen Erscheinungen objektiviert er sich schon deutlicher und individueller, wenn auch noch vllig erkenntnislos (auf Reize reagierend). Endlich wird, indem das Individuum sich selbstndig Nahrung whlt, die Erkenntnis notwendig, und nun bricht mit einem Schlage die Welt als Vorstellung mit allen ihren Formen (Objekt und Subjekt, Zeit, Raum und Kausalitt) herein. Der Wille hat sich jetzt ein Licht angezndet, darber aber seine bisherige instinktive Unfehlbarkeit verloren, namentlich wenn zu dem Verstande (bei Schopenhauer stets = Vermgen der anschauenden Erkenntnis) die Vernunft hinzukommt, welche ber die Gegenwart hinaus auf die Zukunft sieht. So ist die Welt, in der wir leben und sind, durch und durch Wille und zugleich durch und durch Vorstellung.
Die kleine Schrift ber den Willen in der Natur (1836, 2. Aufl. 1854) ist eine Errterung der Besttigungen, welche diese Naturphilosophie Schopenhauers seit ihrem Auftreten durch die empirischen Wissenschaften erhalten hat Sie braucht deshalb uns, die wir nur die prinzipiellen Grundzge seines Philosophierens darlegen, nicht nher zu beschftigen.
Auch mit seiner Lehre vom Willen stellt sich Schopenhauer somit in Gegensatz zur Kantischen Philosophie, auf die er sich doch so oft beruft. Denn Wille ist ihm nicht, wie der sittliche Wille fr Kant, Aufgabe, Norm, ideales Gesetz, sondern Trieb, ursprngliche Kraft berhaupt.