53. Leben, Charakter und schriftstellerische Entwicklung.


1. Von Tbingen nach Jena. Geboren in Stuttgart am 27. August 1770 als Sohn eines wrttembergischen Rechnungsbeamten, behielt Georg Wilhelm Friedrich Hegel sein Leben lang die Gemtstiefe, aber auch die Schwerflligkeit und Bedchtigkeit des schwbischen Naturells. Daneben war ihm eine gewisse Trockenheit und Altklugheit eigen; schon auf der Universitt hie er der alte Mann, auch spter blieb er krperlich ungewandt und ein schlechter Redner. Von dem Studium der Theologie (im Tbinger Stift), dem sich der 18 jhrige Jngling, wie Fichte und Schelling, anfangs zugewandt, entfernte ihn innerlich bald die Begeisterung fr das Griechentum und den Pantheismus, die er mit seinen Freunden Schelling und Hlderlin teilte. Von Kants Werken zog ihn besonders dessen Kritik der Urteilskraft an; auch Schillers sthetische Briefe wirkten auf ihn ein. Nach bestandener theologischer Prfung war er - gleich Kant, Fichte, Schelling und Herbart - lngere Zeit Hauslehrer (1794 - 97 in Bern, 1797 - 1800 in Frankfurt). 1795 schrieb er ein erst neuerdings (s. o.) verffentlichtes Leben Jesu, von ziemlich freigeistigem, stark durch Kants Religion innerhalb etc. beeinflutem Standpunkt. Sein gleichzeitiges politisches Interesse bezeugt seine Kritik der neuesten inneren Verhltnisse Wirtembergs (1798), sowie eine solche der deutschen Reichsverfassung (1801, beide erst aus seinem Nachla verffentlicht). Gegen Ende 1800 fat er den Entschlu, selbst in die philosophische Bewegung Deutschlands einzugreifen und beginnt die Ausarbeitung eines selbstndigen Systems, in dem Schon die Keime seiner spteren Philosophie, wenngleich unausgebildet und in sprder, schwer verstndlicher Hlle, vorhanden sind, mit dem Kernsatz: Das Absolute ist Geist, und es ist dialektischer Art, d.h. in bestndiger Entwicklung begriffen.*) Januar 1801 lt er sich als Privatdozent in der damaligen Metropole der Philosophie Jena nieder, wo bald darauf (1803) von etwas ber 50 Dozenten nicht weniger als 14 Philosophen, darunter die Hlfte Privatdozenten waren. Dort schliet er sich anfangs an seinen Universittsfreund und Landsmann Schelling in hnlicher Weise an, wie dieser an Fichte, Fichte an Kant sich angelehnt hatte. Seine Dissertation De orbitis planetarum (1801), deren spekulative Aufstellungen zuflligerweise in demselben Jahre durch die Entdeckung des ersten Planetoiden widerlegt wurden, und seine Schrift Differenz des Fichteschen und Schellingschen Systems sind Verteidigungen von Schellings Identittssystem: obwohl Hegel, monistischer als dieser, bereits den Geist (Fichtes Ich) zum Absoluten macht. Gemeinsam mit dem jngeren Landsmann gibt er dann das Kritische Journal ( 50) heraus. In Schellings Geist schreibt er auch ber das Wesen der philosophischen Kritik gegen die Subjektivitt der Halbphilosophen, den gemeinen Verstand Krugs ( 44a, 1), den Skeptizismus Schulzes ( 45, 1), die Reflexionsphilosophie Kants, Jacobis und Fichtes, ferner ber die wissenschaftliche Behandlung des Naturrechts gegen Hobbes, Kant und Fichte. In diese Zeit (1802 - 03) fllt wahrscheinlich auch die Abfassung eines Entwurfs zum System der Sittlichkeit fr seine Vorlesungen, das nicht vom einzelnen, sondern vom Volke als sittlichem Organismus ausgeht und u. a. die sittliche Heilkraft des Krieges im Gegensatz zu Kants Ewigem Frieden preist.

2. Von Jena bis Berlin. Aber die kecken Einflle und blendenden Allgemeinheiten der Schellingschen Philosophie konnten Hegels nach strenger, nchterner Systembildung strebendem Geiste nicht zusagen. Als zudem Schelling 1803 Jena den Rcken kehrte und er fortan auf sich selbst angewiesen war, arbeitete er sein erstes selbstndiges groes Werk aus, die als Einleitung in sein System gedachte Phnomenologie des Geistes (1807), die in der Nacht vor der Schlacht bei Jena vollendet wurde. Die Ereignisse dieser Tage, die ihn im brigen innerlich wenig berhrten - in Napoleon hatte er den Weltgeist zu Pferde bewundert - trieben ihn von dort, wo er 1805 auerordentlicher Professor mit einem armseligen Gehalt geworden war, Frhjahr 1807 nach dem damals geistig aufblhenden Bayern, wo er zunchst eine Zeitlang die Bamberger Zeitung redigierte, dann aber durch seinen Freund Niethammer, Leiter des bayrischen hheren Schulwesens, die ihm sympathischere Stellung eines Rektors des Nrnberger Gymnasiums erhielt. In dieser Zeit (1808 - 16) bildete er sein System weiter aus; sein zweites Hauptwerk Wissenschaft der Logik erschien in 3 Bnden 1812 - 16. Der Unterricht in den hheren Gymnasialklassen kam seinem Stile zugute; derselbe wurde klarer und ebener, freilich auch schulmiger, ja scholastischer. 1816 gelang es ihm, in seine eigentliche Berufssphre zurckzukommen, indem er als Professor der Philosophie nach Heidelberg berufen wurde. Hier erschien die erste und einzige Gesamtdarstellung seines Systems, die Enzyklopdie der philosophischen Wissenschaften im Grundrisse (1817, 1827 in 2. stark vermehrter, 1830 in 3. Aufl., in den S. W. mit von anderen nachgeschriebenen, nicht unbedingt zuverlssigen Erluterungen und Zustzen versehen). Die Vorrede zu diesem Werke, die sich gegen den Aberwitz des romantischen, noch schrfer aber gegen die widrigere Dnkelhaftigkeit des skeptischen und kritischen Subjektivismus wandte, sowie die konservative Staatsgesinnung, die er in einem Aufsatz ber die Verhandlungen der wrttembergischen Stnde (1817) bekundete, lieen ihn der damaligen preuischen Restauration geeignet fr ein Lehramt an der Berliner Universitt erscheinen, an der er dann die letzten dreizehn Jahre seines Lebens gewirkt hat.

3. Glanzzeit und Ende. Mit dieser Periode (1818 - 31) beginnt seine eigentliche Ruhmeszeit. Von den Mchtigen begnstigt, von zahlreichen Schlern umgeben, im Glnze seiner steigenden Berhmtheit sich sonnend, wird er eine Art philosophischer Diktator Deutschlands, seine Philosophie zur Zeitphilosophie, sein System zur wissenschaftlichen Behausung des Geistes der preuischen Reaktion. Am deutlichsten tritt dies in seiner Rechtsphilosophie (1821) hervor, deren berchtigte Vorrede u. a. auch die Regierungen auf die Staatsgefhrlichkeit des seichten und subjektivistischen liberalen Zeitgeistes und seiner philosophischen Vertreter (wie Fries) hinweist. In Berlin entwickelte er mit dem ihm eigenen Riesenfleie eine ausgedehnte Kathederwirksamkeit in Vorlesungen ber alle philosophischen Fcher, von denen er einzelne, wie die Religionsphilosophie, hier erst vollstndig ausgefhrt hat. Den zahlreich aus ganz Deutschland und darber hinaus herbeistrmenden Jngern, die zu seinen Fen saen, imponierte die Geschlossenheit und strenge Ordnung des Systems, in das er den ganzen geistigen Inhalt der Zeit einzuschlieen suchte, whrend sein Vortrag so eintnig und unbeholfen wie frher blieb. Das Organ der sich bald ausbildenden Hegelschen Schule waren die 1827 gegrndeten Jahrbcher fr wissenschaftliche Kritik. Mitten in dieser Ttigkeit, auf der Hhe seines Ruhmes, Mittelpunkt der Verehrung einer zahlreichen Schlerschar, wurde Hegel 1831 von der in Berlin grassierenden Cholera ergriffen und starb 61 jhrig an Leibniz' Todestag, dem 14. November. Seine letzte Arbeit war eine von reaktionr-bureaukratischem Geiste eingegebene Kritik der neuen englischen Reformbill fr den Preuischen Staatsanzeiger gewesen. Er ruht neben dem ihm in vieler Beziehung so entgegengesetzten und doch in der Methode des Philosophierens (vom Absoluten aus) verwandten Fichte.

Die um die Mitte des Jahrhunderts sehr reiche Literatur ber Hegel verringerte sich mit der Abnahme des Interesses fr seine Philosophie bald sehr stark. Der abstrakte Charakter der Hegelschen Philosophie, ihre teils schematische teils noch mit sich selbst ringende, oft ins Mystisch-Dunkle sich verlierende Darstellung, sowie die Masse technischer Ausdrcke bewirken, dass Hegel heute nur noch von wenigen gelesen wird, die durch dieses Dornengestrpp zum fruchtbaren Kern vorzudringen vermgen. Erst in den letzten Jahren hat man sich wieder fr ihn zu erwrmen begonnen (s. 76). Am ansprechendsten sind wohl die Vorlesungen zur sthetik und zur Philosophie der Geschichte; in die Logik und Phnomenologie ist eine berflle von Gedanken gepret. Wir versuchen im folgenden zunchst Grundgedanken und Methode des Hegelschen Philosophierens mglichst deutlich zur Anschauung zu bringen, um sodann erst den theoretischen, darauf den praktischen Teil des Systems in knappen Umrissen darzustellen.

 

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*) Aus dieser Zeit stammt wohl auch das von Ehrenberg und Link (S. 305) als Erstes System verffentlichte Manuskript, in dem Logik und Metaphysik noch getrennt erscheinen.


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Seite zuletzt aktualisiert: 31.10.2006 
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