
49. Fichtes Lehre in ihrer spteren Gestalt:
Religions- und Geschichtsphilosophie, Nationalerziehung. Aufnahme seiner Lehre.
Fichte hat seinen eigenen Standpunkt nicht festgehalten. Das titanische Kraftgefhl, mit dem er sein Sollen dem Seienden gegenbergestellt, schwcht sich allmhlich ab. Um die Wende des Jahrhunderts beginnt er - vielleicht durch die Schriften Schellings mit beeinflut, obwohl er dies nicht Wort haben wollte - die Welt des Seienden, u. a. auch Naturwissenschaft, zu studieren und seinen bisherigen radikalen Idealismus durch realistische Zutaten zu mildem. Dazu kommt seine bersiedelung aus dem Jenaer in das Berliner Milieu, wo sein Verkehr mit den Romantikern und das strker pulsierende Leben der Gegenwart neue Stimmungen, Anschauungen und Gefhle in seiner strmischen Individualitt hervorruft. Die mit der Bestimmung des Menschen (1801) einsetzenden Schriften dieses Jahrzehnts (1801 bis 1810) tragen fast smtlich keinen systematischen Charakter, sondern wenden sich an ein greres Publikum und sind daher populrer gehalten. An Schelling (s. u.) erinnert er auch darin, dass er nun immer strker zwischen dem selbstbewuten Einzel-Ich und dem unendlichen oder absoluten Ich unterscheidet, welches
Subjekt und Objekt zugleich ist. Seine Philosophie bekommt eine religise Wendung. Wir betrachten daher jetzt
1. Seine Religionsphilosophie im Zusammenhange. In der Jenaer Zeit *) war ihm Gott mit der sittlichen Weltordnung, Frmmigkeit mit sittlichem Handeln identisch gewesen. Jede andere, auch die theistische Vorstellungsweise, wurde als anthropomorph verworfen, insbesondere der religise Eudmonismus als entnervende Religion des Genusses gebrandmarkt, an deren Stelle die wahre Religion des freudigen Rechttuns zu treten habe. Der ihm vorgeworfene Atheismus bestehe darin, dass er seinen Verstand gern behalten mchte und Gott nicht zum bloen Geber der Glckseligkeit, damit zum Gtzen erniedrigen wolle. Seine Anklger, die dies lehrten, mithin die Religion auf unser sinnliches Wesen grnden wollten, seien die wahren Atheisten. Das Wesen der Kirche sah er, wie Kant, in einer ethischen Vereinigung zur Befrderung des Endzwecks, die fr den Anfang freilich eines Notsymbols, d. i. der Formulierung einer grundlegenden, gemeinsamen berzeugung, etwa der: Es gibt ein bersinnliches, bedrfe; der Protestant gehe vom Symbole aus, der Papist betrachte es als letztes Ziel.
Diese rein moralische Religion gengt in der spteren Periode seinem metaphysischen Drange und seinem Ringen nach innerer Harmonie nicht mehr. Hinter dem Ich, das er frher als einziges, letztes Prinzip aufgestellt, taucht jetzt ein neues Absolutes, die Gottheit, auf, vor der die einzelne Persnlichkeit verschwindet. Dies Absolute offenbart sich zwar in der sittlichen Weltordnung wie in der objektiven Wirklichkeit; aber sein eigentliches Wesen ist nicht mehr die Ttigkeit, sondern das bloe Sein. Nichts ist denn Gott, und Gott ist nichts denn Leben. Selige Hingabe an Gott ist die hchste Aufgabe des Menschen; denn Religion ist kein Tun, sondern ein Gefhl: Leben, Liebe, Seligkeit. Diese neue Religionslehre erreicht ihren prgnantesten Ausdruck in der Anweisung zum seligen Leben (1806). Hauptgegner ist jetzt nicht mehr die Orthodoxie, sondern die vulgre Aufklrung. Das wahre selige Leben besteht in der Liebe, d. i. dem von der Sehnsucht nach dem Ewigen (Gott) erfllten Sein. Alles andere Leben ist bloes Scheinleben, das in dem Trachten nach dem Vergnglichen (der Welt) aufgeht, daher nie befriedigt wird und unselig bleibt. hnlich den frommen Viktorinern des Mittelalters, unterscheidet er jetzt eine fnffache Weltansicht: 1. als die niedrigste die sinnliche Auffassung der herrschenden Zeitphilosophie, 2. die rein moralische des kategorischen Imperativs, 3. die hhere oder eigentliche Moralitt, welche die Menschheit zum Abbild des innerengttlichen Wesens zu machen strebt (Spuren davon finden sich bei den Dichtern, Plato, Jacobi!), 4. den religisen Glauben: Gott ist und auer ihm nichts, wir selbst sind sein unmittelbares Leben, du schaust ihn im Leben der ihm Ergebenen; nur um der Vollstndigkeit willen wird endlich 5. der Standpunkt der Wissenschaft, nmlich der einen, absoluten und in sich vollendeten (sc. Fichteschen) hinzugefgt, die alles aus dem Einen genetisch ableitet und den Glauben in Schauen verwandelt. Von diesem religisen Gesichtspunkt aus, der fr Fichte mit dem Christentum des Evangelisten Johannes zusammenfllt, hat er dann in seiner letzten Periode die gesamte Wissenschaftslehre darzustellen gesucht, ist aber darin durch den Tod unterbrochen worden; man vergleiche die Entwrfe dazu (von 1801, 1804, 1810) in den Nachgelassenen Werken. brigens hlt Fichte, gerade weil er die Religion mit seiner brigen Philosophie verbinden will, auch auf dieser Stufe daran fest, dass das wahrhaft religise Leben sich im moralischen Handeln zeigen msse, dass aus der Liebe der kategorische Imperativ entspringt
Mit der neuen Wendung seiner Philosophie ist eine eigentmliche, ebenfalls religis gefrbte
2. Geschichtsphilosophie und Erziehungslehre verbunden, von denen erstere besonders in seinen Grundzgen des gegenwrtigen Zeitalters (1806, als Vorlesungen 1804/05) und der Staatslehre (Sommer 1813) zum Ausdruck kommt. Fichte unterscheidet fnf Entwicklungsstufen der Menschheit: 1. den Stand der Unschuld oder des Vernunftinstinktes, 2. den der anhebenden Snde und des Zwanges der Autoritt, 3. den der vollendeten Sndhaftigkeit, Willkr und Selbstsucht, 4. den der beginnenden Vernnftigkeit oder der Vernunftwissenschaft, endlich 5. den der vollendeten Rechtfertigung und Heiligung unter der freien Herrschaft der Vernunft (Vernunftkunst). Wir (d.h. Fichtes Zeit) stehen im bergang von 3. zu 4. Wir stecken im gegenwrtigen Zeitalter noch in dem Notstaat der Aufklrung (deren Urtyp Nicolai er einige Jahre vorher in einer besonderen Satire gegeielt hatte), mit ihrem flachen Eudmonismus, ihrer platten, ideenlosen Verstandesherrschaft und ihrer gedankenlosen Schreib-, Druck- und Lesesucht, der auf der anderen Seite nur Schwrmerei und unechte Spekulation (Anspielung auf Schelling!) gegenbersteht. Aber ein Gutes hat die Abwertung aller Autoritt wenigstens zuwege gebracht, nmlich die Fhigkeit des Selbstdenkens. Damit ist angebahnt das Zeitalter der beginnenden Vernnftigkeit, das uns schlielich zu dem Vernunftstaat fhren wird; denn der Zweck des Erdenlebens der Menschheit ist, dass sie in demselben alle ihre Verhltnisse mit Freiheit nach der Vernunft einrichte Ihr den Weg zu weisen, ist die Aufgabe des Lehrers, des Gelehrten, des Knstlers und schlielich des Priesters und Sehers.
Ein solcher Prediger und Prophet wurde Fichte selbst zwei Jahre spter, zur Zeit der tiefsten Demtigung Preuens unter der Hand des korsischen Eroberers. In den Reden an die deutsche Nation erweitert er den Plan zu einer neuen zu Berlin zu errichtenden hheren Lehranstalt, den seine Denkschrift von 1807 entwickelt hatte, zu dem Plane einer vlligen Erneuerung der Nationalerziehung berhaupt.**) Nicht die Einzelvorschlge, die namentlich an Pestalozzi anknpfen, bilden das Charakteristische derselben, sondern ihr Geist. Es ist der alte Fichtesche Geist der freien Selbstttigkeit - der einzigen, die der Zgling mit Liebe ergreifen wird -, der Bildung zur reinen Sittlichkeit und damit zur wahren Religion. Die letztere soll nicht in das Gebiet des sittlichen Handelns hineinreden, sondern sie macht blo den Menschen sich selber vollkommen klar und verstndlich, beantwortet die hchste Frage, die er aufwerfen kann, lset ihm den letzten Widerspruch auf und bringt so vollkommene Einigkeit mit sich selbst und durchgefhrte Klarheit in seinen Verstand Nur ist an die Stelle des frheren Weltbrgertums ein starker Nationalstolz, ein bei seiner feurigen Kraftnatur oft berschwenglich sich uernder Preis der Deutschheit getreten, die ihm mit Ursprnglichkeit schlechtweg zusammenfllt: als Rckschlag gegen die damalige Fremdlnderei und nationale Erschlaffung erklrlich, wenn nicht berechtigt.
In seiner Staatslehre oder Lehre von dem Verhltnis des Urstaats zum Vernunftreiche (1813) hat er seinen nunmehrigen Standpunkt nochmals zusammengefat: Nur Gott ist, auer ihm nur seine Erscheinung. In der Erscheinung aber ist das einzige wahrhaft Reale, weil schpferische, die Freiheit. Sie soll aus der Notverfassung des bloen Rechtsstaats ein Vernunftreich gestalten, ein Reich Gottes auf Erden Die Welt-, d. i. Freiheitsgeschichte, besteht in der fortschreitenden Erziehung des Menschengeschlechts.
3. Aufnahme der Fichteschen Philosophie. Die Wissenschaftslehre mit ihrem apodiktischen Anspruch, die alleinige philosophische Wahrheit darzustellen, rief naturgem starken Widerspruch hervor. Ganz abgesehen von der Menge derer, die sich an Einzelheiten, wie seine vielgebrauchten Termini Ich und Nicht-Ich, hefteten und sie bespttelten oder seinen Atheismus angriffen, traten ihr nicht blo die Aufklrer (besonders Nicolai), sondern auch Kant (vgl. 47, 1) und die Kantianer scharf entgegen; in geringerem Mae auch die Halbkantianer und Glaubensphilosophen, von denen die letzteren natrlich mit seiner spteren Wendung sehr einverstanden waren. Aber neben zahlreichen Gegnern fand Fichte auch begeisterte Anhnger. So ging nicht blo Reinholds Schler Forberg, dessen S. 270 erwhnte Schrift den Anla zu dem Atheismusstreit gab, sondern auch Reinhold selbst, dieser freilich nur fr kurze Zeit (vgl. S. 261), zu ihm ber; Niethammer begrndete mit ihm zusammen das Philosophische Journal; einer seiner treuesten Anhnger war der gleich Reinhold aus dem Kloster entwichene J. B. Schad, der sich jedoch spter Schelling nherte. Auch der junge Friedrich Schlegel hing ihm eine Zeitlang an; er erklrte Fichtes Wissenschaftslehre, Goethes Wilhelm Meister und die Franzsische Revolution fr die drei grten Tendenzen des Jahrhunderts und suchte eine Synthese von Fichte und Goethe herzustellen, bildete in der Folge aber die Fichtesche Ich-Lehre in einen Kultus der Genialitt um; wir werden ihm an spterer Stelle noch einmal begegnen. Ein halbes Jahrhundert spter sollte Max Stirner ( 75, 1) Fichtes Ich-Lehre in eigentmlicher Wendung zu einem extremen Individualismus (Anarchismus) umbilden, der zu der Fichteschen Ethik den grtmglichen Gegensatz darstellt. Und das leidenschaftlich- strmische Pathos des Ethikers Fichte hat auf Stirners Gegenpart Ferdinand Lassalle mchtig eingewirkt.
Von neueren Denkern stehen Fichte wohl R. Eucken (in Jena, geb. 1846), der feinsinnige Verfasser einer Reihe vielgelesener allgemein-philosophischer Werke (s. 76), und Julius Bergmann (in Marburg, 1840-1904, Hauptschrift: System des objektiven Idealismus, 1903) am nchsten. Auch Lipps, Mnsterberg, Rickert und Windelband sind von ihm nicht unbeeinflut. Unter dem Eindrucke des Kriegsausbruchs bildete sich eine Fichte-Gesellschaft von 1914.
Die tiefgreifendste Wirkung Fichtes beruht jedoch darin, dass er die ganze folgende spekulative Periode der deutschen Philosophie eingeleitet, ihr gewissermaen das Programm gemacht hat. Dahin gehrt zunchst der unmittelbar von ihm ausgehende F. W. J. Schelling.
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*) Vgl. besonders die in 46 genannten Schriften von 1798 und 1798. ber seine religionsphilosophische Entwicklung in den 90er Jahren vgl. auch H. Scholz in Kantstudien 1918, S. 393 ff.
**) Die Idee derselben tritt schon in den 1806-1807 niedergeschriebenen, aber erst in den. Nachgelassenen Werken (III, 221 bis 274) verffentlichten drei Dialogen ber den Patriotismus und sein Gegenteil hervor: Nationalerziehung auf dem Grunde der Lehre Pestalozzis.