4. Religionsphilosophie


Auf diesem Gebiete hat Schleiermacher den kritischen Grundgedanken: Scheidung der einzelnen Bewutseinsrichtungen, weiter gefhrt als der Begrnder des Kritizismus selbst. Er hat darauf hingewiesen, dass Religion weder in Metaphysik noch in Moral noch in Historie aufgeht, dass sie vielmehr auf dem Grunde des Gefhls ruht, nach eigenen Gesetzen sich entwickelt. So hat er ihr zum erstenmal eine philosophisch-kritische Begrndung gegeben. Mit diesem weitergebildeten. Kritizismus verbindet er zugleich eine Verinnerlichung der Lehre des heiligen, verstoenen Spinoza, dessen Manen er eine Locke opfern will. Der Weltgrund, den Schleiermacher meist mit Spinoza und Schelling Gott nennt (in der ersten Auflage der Reden noch Universum!), kann nicht von der Erkenntnis erfat werden, wie schon Kant gezeigt hat, wohl aber vom frommen Gefhl, das in der Mystik seinen, nur noch unklaren und unphilosophischen, Ausdruck gefunden hat. Wollen wir das Gefhl in seiner Reinheit erfassen, so mssen wir es in dem Augenblick ergreifen, ehe es sich in Gedanken und Handlungen umsetzt; wir werden dann finden: Religion (religises Gefhl) ist = schlechthinnige (absolute) Abhngigkeit vom Unendlichen.

Den krftigsten und freiesten Ausdruck finden die neuen Anschauungen in den Reden ber die Religion. Hier ist alles Dogmatische abgestreift, ins rein Religise bersetzt. Das Wunder z.B. bedeutet nur die unmittelbare Beziehung einer Erscheinung auf das Unendliche; jede, auch die aller natrlichste, Erscheinung kann fr den Religisen zum Wunder werden. Offenbarung kann jede neue und ursprngliche Anschauung des Universums heien; Unsterblichkeit ist: Eins sein mit dem Unendlichen mitten in der Endlichkeit; Religiositt: Sinn fr das Unendliche. Durch die Religion stellt der Mensch zugleich die ihm verloren gegangene Harmonie seines Wesens wieder her: also Schillers sthetik oder F. Schlegels Verbindung von Goethe und Fichte in religisem Gewnde. Die religisen Gefhle sollen nur wie eine heilige Musik alles Tun des Menschen begleiten; er soll alles mit Religion tun, nichts aus Religion Eine uere Gemeinschaft in Form einer Kirche erschien Schleiermacher damals noch nicht notwendig; denn die Religion ist im Innersten Grunde rein individuell. Ebenso schtzt er das Historische an ihr sehr gering. Nicht der hat Religion, der an eine heilige Schrift glaubt, sondern, welcher keiner bedarf und wohl selbst eine machen knnte. Ja, es gibt keine gesunde Empfindung, die nicht fromm wre.

In seinen spteren Schriften jedoch, namentlich der Glaubenslehre und der Christlichen Sittenlehre, suchte er diese freie Religiositt mit seinem persnlichen Christentum zu vereinigen. Hatten die Reden es noch als Miverstand und Mibrauch bezeichnet, wenn man die Religion handelnd auftreten lasse, so will die Christliche Sittenlehre ausdrcklich diejenige Handlungsweise darstellen, die durch die Herrschaft des religis bestimmten Selbstbewutseins entsteht. Das Ineinsbilden von Vernunft und Natur sieht er jetzt in der Person des urbildlichen und sndlosen Erlsers verkrpert, in dem die Menschheit das Einssein mit der Gottheit erreicht; das Christentum ist deshalb die schlechthin vollkommene Religion. Jedoch werden auch auf dieser Stufe seines Denkens alle Dogmen, welche sich nicht auf unmittelbare Gefhlserfahrungen zurckfhren lassen, verworfen oder doch fr bloe Symbole erklrt. Fat man die Worte und Bilder, in denen das an sich unaussprechliche Gefhl nach Ausdruck ringt, als buchstbliche Wahrheiten, so verfllt man in Mythologie. Aufgabe der Glaubenslehre ist es, diese bildlichen Ausdrcke auf die ihnen zugrunde liegenden Wahrheiten zurckzufhren. Der Naturzusammenhang kann durch die religisen Erfahrungen nicht aufgehoben oder unterbrochen werden. Kein Satz der Glaubenslehre verliert seine Bedeutung, wenn es keine persnliche Unsterblichkeit gibt! Und mit dem christlichen Glauben ist auch die christliche Ethik in bestndiger Entwicklung begriffen.


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Seite zuletzt aktualisiert: 27.10.2006 
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