a) Anhnger Kants


1. Kants Wirkung auf seine Fachgenossen. Die Kritik der reinen Vernunft hat Zeit gebraucht, bis sie ihre Wirkung voll zu entfalten vermochte. Zunchst wirkte sie nur verblffend. Die zeitgenssischen offiziellen Vertreter der Philosophie in Deutschland, grtenteils gelehrte Eklektiker oder seichte Popularphilosophen, wuten nichts aus dem ihnen unverstndlichen Werke zu machen. Erst die Prolegomena bewirkten einen Umschwung zum Besseren. Einer der ersten, freilich auch unselbstndigsten Anhnger Kants war sein Kollege, der Mathematik-Professor und Hofprediger Johannes Schultz in Knigsberg, mit seinen Erluterungen ber des Herrn Professor Kants Kritik der reinen Vernunft (1784, neu herausgegeben von Hafferberg, Jena 1897). Wichtiger wurde die von Schtz 1785 begrndete Jenaische Allgemeine Literaturzeitung, die sich immer mehr zu einem Organe der neuen Schule entwickelte, fr die Ausbreitung der kritischen Lehre. Am durchschlagendsten auf das groe Publikum wirkten Reinholds Briefe ber die Kantische Philosophie (s. S. 261). Nachdem dann 1788 und 1790 die beiden anderen kritischen Hauptwerke erschienen waren, erfolgte eine beraus rasche und umfassende Ausbreitung auf allen, selbst den katholischen und sddeutschen, Universitten. An seiner Geburtssttte wurde der Kritizismus, auer von Johannes Schultz, durch Kraus, Prschke und einige jngere Dozenten verbreitet, in Berlin durch Erhard, Kiesewetter und Maimon (S. 261 f.), in Halle durch Jakob, Hoffbauer und Tieftrunk, in Marburg durch Bering und Tennemann, in Leipzig durch Born, Krug und Heydenreich, in Klagenfurt durch v. Herbert usw. Sogar in dem reaktionren Gttingen, der Stadt der zitierenden Wiederkuer (Rosenkranz), verfate Buhle eine sechsbndige Geschichte der Philosophie nach Kantischen Grundstzen und las der bekannte Dichter Brger ber Kantische Philosophie. Ja, selbst in der Stadt der Phaken, in Wien hielt Ben David eine Zeitlang Vorlesungen ber die Kritik der reinen Vernunft; der Lothringer Villers machte sie in Frankreich bekannt.

Schon 1793 konnten Materialien zur Geschichte (!) der kritischen Philosophie in zwei Bnden erscheinen. Und bald beschrnkte sich Kants Wirkung nicht mehr auf die Philosophie, sondern traf auch fast alle anderen Wissenschaften: Mathematik, Naturwissenschaft, Rechtslehre, Politik, Sprachwissenschaft und besonders Theologie (vgl. H. Cohen, Von Kants Einflu auf die deutsche Kultur 1883). Ihr geistvollster, wenn auch selbstndiger Jnger und Apostel wurde der Dichter

2. Friedrich Schiller. Von seinem Freunde Krner in Dresden und von Reinhold in Jena zuerst auf Kant hingewiesen, folgt seine Dichternatur anfangs nur widerstrebend der systematischen Strenge des kritischen Philosophen, um sich ihr von 1791 ab immer mehr hinzugeben, bis er schlielich in seinem Briefe vom 28. Oktober 1794 an den kurz zuvor zum Freunde gewonnenen Goethe zum offenen Bekenntnis seines Kantischen Glaubens gelangt. Und wenn er sich in seinen letzten Jahren auch wieder mehr von der Philosophie zum dichterischen Schaffen zurckwendet: an den Grundprinzipien der Kantischen Philosophie, die er nach Goethes Zeugnis mit Freuden in sich aufgenommen hatte, hat er doch stets festgehalten.

In einem Briefe an Krner vom 18. Februar 1793 bezeichnet Schiller als die beiden Grundgedanken der Kantischen Philosophie 1. den theoretischen: Die Natur steht unter dem Verstandesgesetze, 2. den praktischen: Bestimme dich aus dir selbst! Die Natur ist ihm das Gesetz der Notwendigkeit, die Sittlichkeit das Gesetz der Freiheit; die Schnheit, aus dem Spiele beider entspringend, stellt die Freiheit in der Erscheinung dar. Doch hat Schiller die theoretische Seite des Kritizismus nicht weiter ausgebildet. Ihm lag mehr die Ethik und vor allem die sthetik am Herzen. Was die erstere betrifft, so steht es keineswegs einfach so, dass der Dichter, wie es in den Geschichten der Literatur und der Philosophie noch hufig zu lesen ist, Kants ethischen Rigorismus sthetisch gemildert hat Schiller hat vielmehr Kants ethische Strenge in ihrer methodischen Notwendigkeit durchaus verstanden und deshalb auch ausdrcklich anerkannt, ja gefordert. Er verlangt, wie Kant, reinliche Scheidung zwischen Ethik und sthetik; das reine, strenge Streben nach dem hohen Schnen fhrt, wie er noch 1798 an Goethe schreibt, den Rigorismus im Moralischen mit sich Eine sthetische, d.i. Gefhlsmoral, wrde die Sittlichkeit in ihren Quellen vergiften; alle Glckseligkeitssysteme entspringen blo einem Ideal der Begierde, das von der Tierheit in uns aufgeworfen wird. Aber er hat freilich, seiner dichterischen Natur entsprechend, die sthetische Ergnzung, die mit dem strengsten transzendentalen Standpunkt vollkommen vereinbar ist, jedoch bei Kant erst im Keime vorlag, weiter als dieser ausgefhrt. Das Rein-Moralische erscheint vom sthetischen Gesichtspunkte aus als das Sittlich- Erhabene und erweitert sich sodann zum Sittlich-Schnen. Es gibt kein moralisches, wohl aber ein sthetisches bertreffen der Pflicht.

Das Hauptinteresse des Dichters galt naturgem der sthetik. Auch die sthetik Schillers ruht auf dem Grunde der Kantischen; sie bildet nur deren psychologische Weiterfhrung und Ergnzung aus der eigenen Denkweise heraus. Auch ihm bedeutet das sthetische eine neue Welt neben der des Erkennens und der Sittlichkeit, die aus dem freien Spiele der beiden letzteren im Gemte entspringt. Neben den physischen Zustand des Menschen, in dem er die Macht der Natur erleidet, und den moralischen, in dem er ihr berlegen ist, setzt Schiller den sthetischen, in welchem er sich ihrer entledigt, indem er die beiden ersteren in ein freies Spiel zueinander versetzt. So berspannt das sthetische Gefhl die Gegenstze: Natur - Sittlichkeit, Leiden - Ttigkeit, Zustand - Person, Welt - reiner Geist, Wechsel - Beharrlichkeit (Gesetz), Stoff - Form und bringt sie zur Harmonie. Der Stofftrieb bindet den Menschen an die Schranken des Endlichen und der Zeit; der Formtrieb erhebt ihn zum Unendlichen, Ewigen; der Spieltrieb verbindet beide und macht so erst den vollen Menschen. Der Mensch ist nur da ganz Mensch, wo er spielt. Indem er den Stoff durch die Form, d.h. die Einheit unseres Wesens, vertilgt oder vielmehr gestaltet, wird aus dem Leben schlechtweg der sthetische Schein der lebenden Gestalt. Nicht blo das Sittliche, auch das Schne ist ein Imperativ, d.h. im Menschen erst zu schaffen. Daher ist sthetische Erziehung vonnten. Diese ist einerseits Propdeutik zur Sittlichkeit des Individuums wie der Gesellschaft, anderseits deren Vollendung. Denn das Ideal der Menschheit vollendet sich erst in der Schnheit. Dies die wichtigsten Umrisse der Schillerschen sthetik. Bezglich der einzelnen Ausfhrungen und Begriffe (des Schnen, Erhabenen, Naiven, Sentimentalischen usw.) mssen wir auf die sthetischen Schriften des Dichterphilosophen selber*) und die oben angegebene Literatur verweisen.

3. Durch Schiller ist auch Goethe, der bis dahin namentlich aus Spinoza sowie aus Herders Ideen seine philosophische Nahrung gezogen hatte, zur kritischen Philosophie gefhrt worden. Seit seinem Freundschaftsbund mit Schiller (1794) befreundet er sich immer mehr mit Kants System, wenigstens der sthetik, zum Teil auch der Ethik. Schon 1790 hatte er sich durch die Grundgedanken der Kritik der Urteilskraft lebhaft angeregt und sie seinem bisherigen Schaffen, Tun und Denken ganz analog gefunden. Nun wuchs er durch das Verhltnis zu Schiller immer mehr mit ihr zusammen. Und, wenn auch seine anschauende Knstlernatur dem Zergliedern, Trennen und Abstrahieren, welches der Philosoph notwendig betreiben mu, sich nie in dem Mae wie diejenige Schillers zu eigen geben konnte, wenn auch nach Schillers Tod der spezielle Kantianismus bei ihm wieder zurcktritt, so hat doch die kritische Philosophie, die ihn auf sich selbst aufmerksam machte, die Kunst und Natur nebeneinander stellt und beiden das Recht gibt, aus groen Prinzipien zwecklos zu handeln, bis an sein Lebensende einen nachhaltigen Einflu auf ihn gebt, wie er ihr oft mit dankbarer Verehrung bezeugt hat.

Auch Wilhelm von Humboldt, der berhmte Staatsmann und Sprachphilosoph, der Freund Schillers und Goethes, der Begrnder der Universitt Berlin, hat von seiner politischen Erstlingsschrift an, die einen folgerechten Individualismus predigt, bis zu seiner Abhandlung ber Goethes Hermann und Dorothea, in seinen Briefen an Schiller wie in seinen Grundstzen als Diplomat und Minister, unter dem Einflu Kantischer Prinzipien gestanden, sodass man ihn beinah in demselben Mae wie Schiller als Anhnger Kants betrachten kann, obschon seine Geschichtstheorie auch Anklnge an Schelling aufweist.

 

Literatur: Rosenkranz, Geschichte der Kantischen Philosophie (Bd. XII der Kant-Ausgabe von Rosenkranz und Schubert). B. Erdmann, Kants Kritizismus in der 1. und 2. Auflage der Kr. d. r. V. 1878. Eine kurze zusammenfassende Schilderung der Wirkungen Kants bietet die Einleitung zu meiner Ausgabe der Kr. d. r. V., S. XI bis XX. - ber Schillers und Goethes Verhltnis zu Kant vgl. auer den zu 42 zitierten Schriften von Cohen (insbes. Kap. IV) und Khnemann, die ausfhrliche Darstellung von K. Vorlnder, Kant - Schiller - Goethe, Leipzig 1907, wo man auch die wichtigere Literatur ber dieses Thema findet. - Eine Sammlung von philosophischen uerungen Goethes gibt M. Heynacher, Goethes Philosophie aus seinen Werken. (Phil. Bibl. 109) 1905. - Eine knappe Auswahl philosophischer Abschnitte aus Wilh. von Humboldts (jetzt in der groen 12bndigen Akademieausgabe vorliegenden) Werken mit guter Einleitung gibt Joh. Schubert, W. von Humboldts ausgewhlte philosophische Schriften (Phil. Bibl. 123), 1910. Vgl. auch R. Haym, W. v. Humboldt, Lebensbild und Charakteristik (1856); E. Spranger, W. v. H. und die Humanittsidee, Berlin 1909.

 

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*) Es kommen namentlich in Betracht die Abhandlungen: ber Anmut und Wrde (1793), die Briefe ber die sthetische Erziehung des Menschen in ihrer frheren (1793) und spteren (1794) Gestalt, Vom Erhabenen (1793 und 1801), ber die notwendigen Grenzen usw. (1796), ber naive und sentimentalische Dichtung (1795/96), sowie die philosophischen Gedichte. Neue Ausgaben der philosophischen Schriften von E. Khnemann in der Philos. Bibl. (Auswahl, 2. Aufl. 1910) und von O. Walzel in Bd. 11 und 12 der Skular-Ausgabe von Schillers Werken (16 Bde., Cotta 1905).


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