a) Naturphilosophie


1. Anfnge (1794-96).

Mit seinen ersten, 1794 und 1795 verfaten Schriften ber die Mglichkeit einer Form der Philosophie berhaupt und Vom Ich als Prinzip der Philosophie steht Schelling noch auf Fichteschem Boden. Das wahre Prinzip der Philosophie ist ihm das absolute ich, welches aus sich selbst heraus die gesamte Welt der Objekte erzeugt. Ebenso vertreten die Philosophischen Briefe ber Dogmatismus und Kritizismus (1796) noch die Ansicht, dass es nur zwei konsequente philosophische Standpunkte gebe: Spinoza und Kant-Fichte; zwischen ihnen msse man whlen. Aber bald gengte ihm die bloe Subjektivitts-Philosophie Fichtes nicht mehr. Dieser hatte allerdings die Natur als philosophisches Objekt nahezu unbeachtet gelassen, sie fast nur als Schranke oder hchstens als Mittel zum Zweck der menschlichen Persnlichkeit betrachtet. Und da auch Kant nur die metaphysischen Anfangsgrnde der Naturwissenschaft gegeben habe, so will Schelling als Ergnzer beider auftreten, die groe Lcke zwischen Kants Materie und dem lebendigen Organismus durch eine spekulative Physik, eine

2. Naturphilosophie (1797-99)

in groem Stile ausfllen. Die Zeit schien dazu aufzufordern. Gerade in den letzten Jahrzehnten des 18. Jahrhunderts hatten sich bedeutende Fortschritte auf verschiedenen Gebieten der Naturwissenschaft vollzogen. Galvani hatte die Entdeckung der tierischen Elektrizitt gemacht, Lavoisier, der Begrnder der modernen Chemie, an Stelle der alten phlogistischen Theorie die der Oxydation gesetzt und die Zusammensetzung von Luft und Wasser festgestellt, und der Schotte John Brown in seinen Elementa medicinae eine neue Theorie der Erregbarkeit, in der alles Leben wurzele, aufgestellt, die von der Bamberger medizinischen Schule weiter ausgebildet ward. Insbesondere aber hatte ein Landsmann Schellings, der von Kant und Herder angeregte schwbische Naturforscher Kielmeyer, in seinem Vortrage ber die Verhltnisse der organischen Krfte (1793) das Leben des Individuums wie der Natur als einen Entwicklungsproze mit den drei Stufen der Sensibilitt, Irritabilitt und Reproduktion aufgefat, die alle auf eine letzte Grundkraft hinwiesen.

Schellings beweglicher Geist wurde von diesen neuen Entdeckungen und Ideen lebhaft ergriffen. Wie hngen die organischen Erscheinungen unter sich und mit den anorganischen zusammen? Wie kann auch die Medizin zur Wissenschaft erhoben werden? Die mathematisch-mechanische Naturerklrung lie ihn wie Goethe unbefriedigt, wenn sie ihn nicht gar abstie. Alles in ihm strebte nach einer lebendigen Naturauffassung. Das wirklich fruchtbare, auch von Gegnern wie Fries anerkannte Grundprinzip von Schellings Naturphilosophie besteht nun darin, dass sie die gesamte Natur als einen groen Organismus ansieht, als ein zusammenhngendes System zu begreifen sucht. Er trgt so, wie bereits Kant, die Teleologie in die Natur hinein, aber nicht, wie dieser, mit methodischer Vorsicht als regulative Idee, sondern als konstitutives, metaphysisches Prinzip. Diese Physik ist wirklich eine spekulative. Wo in dem damaligen Stande der Naturerkenntnis Lcken vorhanden, zgert Schelling nicht, sie mit oft fruchtbaren, oft aber auch als vllige Irrwege sich erweisenden Hypothesen auszufllen; an die Stelle praktischer treten Vielfach Gedankenexperimente. Geistreichen Einfllen und Phantasien war bei ihm und seinen Anhngern Tr und Tor geffnet. Die Grundgedanken seiner Naturphilosophie sind folgende:

Die Natur lt sich nur verstehen, wenn wir sie als uns gleichartig, d. i. gleichfalls das Geprge des Geistes tragend auffassen. Das System der Natur ist zugleich das System des Geistes. Und zwar ein groartiges Entwicklungssystem, dessen oberste Stufe das Bewutsein bildet. Die Materie ist schlummernder Geist, unreife Intelligenz. Die Entwicklung aber beruht auf der Duplizitt widerstreitender Krfte. Die Natur wirkt immer und berall durch Gegenstze, Entzweiung des Einen, das dann nach Wiedervereinigung strebt; ungleiche Pole ziehen sich an. Es ist erstes Prinzip einer philosophischen Naturlehre, in der ganzen Natur auf Polaritt und Dualismus auszugehen: wobei Pol nicht als physikalischer Begriff, sondern als universales Naturprinzip zu verstehen ist. So bilden Ausdehnung und Anziehung das Wesen der Materie (Kant), auf dem Zusammenwirken von Positivitt und Negativitt beruht die Elektrizitt (vgl. Volta, dessen Entdeckung allerdings erst nach der ersten Auflage von Schellings Ideen zu einer Philosophie der Natur erfolgte), dem von Suren und Alkalien die Chemie (Lavoisier), von Erregbarkeit und Erregung (Brown) oder den drei Grundkrften Kielmeyers das Leben, dem von Subjektivitt und Objektivitt das Bewutsein (Fichte).

So konstruiert Schelling, anstatt der von ihm gering geschtzten blinden, empirischen Naturforschung eines Boyle und Newton, die Natur von innen her; das innerste Wesen der Natur, ber das Kant und doch auch Goethe spotten, ist ihm die Hauptsache. An Stelle der mhevollen wissenschaftlichen Arbeit setzt er symbolische Auslegungen und spekulative Konstruktionen, die ihm nicht einmal der nachtrglichen Erfahrungsprobe bedrftig erscheinen.

Wir fgen zu diesen allgemeinen Grundzgen noch einige Bemerkungen ber die einzelnen Schriften hinzu. In seiner ersten naturphilosophischen Schrift, den Ideen (s. 50), knpft Schelling seine Errterungen noch an Kants und Fichtes transzendentalen Idealismus an. Die Grundkrfte des gesamten, durchgngig dynamischen Naturprozesses sind die Attraktions- und Repulsionskraft Kants, die unendliche und die beschrnkende Fichtes. Die zweite Schrift Von der Weltseele (1798) dagegen lt diese Anlehnung bereits fallen. Das Leben ist ein bestndiger Streit der Krfte, ihr Gleichgewicht wre der Tod; das organisierende Prinzip und zugleich die Einheit, von der sie ausgehen, ist die Weltseele. Aus einem ther als positivem und dem Sauerstoff als negativem Prinzip lt sie zunchst das Licht entstehen; aus dessen Vermhlung mit dem Krper entspringt die Farbe, sowie die Wrme des Undurchsichtigen und die Elektrizitt; fr das Urphnomen der Polaritt hlt Schelling eine das ganze Weltall durchdringende magnetische Kraft. Aus dem Unorganischen entsteht dann in zusammenhngender Stufenfolge das organische Leben der Sauerstoff aushauchenden Pflanzen (Desoxydationsproze) und der Sauerstoff einatmenden Tiere (Oxydationsproze). Der mechanischen Hypothese von der Weltentstehung will er eine organische, auf der fortgesetzten Expansion und Kontraktion des Urstoffs beruhende entgegensetzen. - Die Schriften des Jahres 1799 (der Erste Entwurf usw. nebst einer Einleitung dazu) fhrt das System der produktiven Ttigkeit und der Hemmungen der Natur, unter Benutzung von Browns und Kielmeyers Theorien (s.o.), im einzelnen weiter aus. Jedes Individuum ist z.B. ein milungener Versuch der Natur, das Absolute darzustellen! Der Geschlechtsunterschied erweist sich als Hemmung des Bildungstriebs u.a.m.


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