b. Philosophische Lehrgedichte, Kosmogonien und Theogonien


Wenn nun die bisher bezeichneten Arten in Epigrammen, Gnomen und Lehrgedichten sich besondere Gebiete der Natur oder des menschlichen Daseins zum Stoffe nehmen, um vereinzelter oder umfassender, was das zeitlos Gehaltvolle und wahrhaft Seiende in diesem oder jenem Objekte, Zustande oder Felde ist, in gedrungenen Worten vor die Vorstellung zu bringen und bei noch enger Verschlungenheit der Poesie und Wirklichkeit auch praktisch durch das Organ der Dichtkunst zu wirken, so dringt ein zweiter Kreis teils tiefer, teils hat er weniger den Zweck der Lehre und Besserung. Diese Stellung knnen wir den Kosmogonien und Theogonien sowie denjenigen ltesten Produkten der Philosophie geben, welche sich noch von der poetischen Form ganz zu befreien nicht imstande gewesen sind.

α) So bleibt z. B. der Vortrag der eleatischen Philosophie in den Gedichten des Xenophanes und Parmenides, besonders bei Parmeni-des in dem Eingange seines philosophischen Werkes, noch poetischer Art. Der Inhalt ist hier das Eine, welches dem Werdenden und Gewordenen, den besonderen und einzelnen Erscheinungen gegenber das Unvergngliche und Ewige ist. Nichts Besonderes mehr soll dem Geiste Befriedigung geben, der nach Wahrheit strebt und dieselbe sich zunchst in ihrer abstraktesten Einheit und Gediegenheit zum denkenden Bewutsein bringt. Von der Gre dieses Gegenstandes ausgeweitet und ringend mit der Mchtigkeit derselben, erhlt der Schwung der Seele zugleich eine Wendung gegen das Lyrische hin, obschon die ganze Explikation der in das Denken eingehenden Wahrheiten einen rein sachlichen und dadurch epischen Charakter an sich trgt.

β) In den Kosmogonien zweitens ist es das Werden der Dinge, vor allem der Natur, das Drngen und Kmpfen der in ihr waltenden Ttigkeiten, was den Inhalt abgibt und die dichtende Phantasie dahin fhrt, nun konkreter schon und reichhaltiger ein Geschehen in Form von Taten und Begebnissen darzustellen, indem sich die Einbildungskraft die zu unterschiedenen Kreisen und Gebilden sich herausarbeitenden Naturgewalten unbestimmter oder fester personifiziert und symbolisierend in die Form menschlicher Ereignisse und Handlungen kleidet. Diese Art des epischen Inhaltes und Darstellens gehrt vorzugsweise den orientalischen Naturreligionen an, und vor allem ist die indische Poesie hchst fruchtbar in Erfindung und Ausmalung solcher oft wilden und ausschweifenden Vorstellungsweisen vom Entstehen der Welt und der in ihr fortwirkenden Mchte gewesen.

γ) Das hnliche drittens findet in Theogonien statt, welche besonders dann ihre rechte Stellung erhalten, wenn auf der einen Seite weder die einzelnen vielen Gtter ausschlielich das Naturleben zum nheren Inhalte ihrer Macht und Hervorbringung haben sollen, noch umgekehrt auf der anderen Seite ein Gott aus dem Gedanken und Geist die Welt erschafft und in eifrigem Monotheismus keine anderen Gtter neben sich duldet. Diese schne Mitte hlt einzig die griechische religise Anschauung und findet einen unvergnglichen Stoff fr Theogonien in dem Herausringen des Gttergeschlechts des Zeus aus der Unbndigkeit der ersten Naturgewalten sowie in dem Kampf gegen diese Naturahnen: ein Werden und Streiten, das in der Tat die sachgeme Entstehungsgeschichte der ewigen Gtter der Poesie selber ist. Das bekannte Beispiel solcher epischen Vorstellungsart besitzen wir in der Theogonie, welche unter dem Namen des Hesiod auf uns gekommen ist. Hier nimmt das ganze Geschehen schon durchgngig die Form menschlicher Begebnisse an und bleibt um so weniger nur symbolisch, je mehr sich die zu geistiger Herrschaft berufenen Gtter nun auch zu der ihrem Wesen entsprechenden Gestalt geistiger Individualitt befreien und deshalb wie Menschen zu handeln und dargestellt zu werden berechtigt sind.

Was nun aber dieser Art des Epischen noch fehlt, ist einerseits die echt poetische Abrundung. Denn die Taten und Ereignisse, welche dergleichen Gedichte schildern knnen, sind wohl eine in sich notwendige Sukzession von Vorfllen und Begebenheiten, aber keine individuelle Handlung, die aus einem Mittelpunkte hervorgeht und in ihm ihre Einheit und Abgeschlossenheit sucht. Andererseits bietet der Inhalt hier seiner Natur nach nicht die Anschauung einer in sich vollstndigen Totalitt dar, indem er wesentlich der eigentlich menschlichen Wirklichkeit entbehrt, welche erst den wahrhaft konkreten Stoff fr das Walten der gttlichen Mchte liefern mu. Die epische Poesie hat sich deshalb, soll sie zu ihrer vollendeten Gestalt gelangen, auch noch von diesen Mngeln loszumachen.


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Seite zuletzt aktualisiert: 14.09.2004 
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