a. Der lyrische Dichter


α) Den Inhalt der Lyrik machen, wie wir sahen, einerseits Betrachtungen aus, welche das Allgemeine des Daseins und seiner Zustnde zusammenfassen, andererseits die Mannigfaltigkeit des Besonderen. Als bloe Allgemeinheiten und besondere Anschauungen und Empfindungen aber sind beide Elemente bloe Abstraktionen, welche, um lebendige lyrische Individualitt zu erlangen, einer Verknpfung bedrfen, die innerlicher und deshalb subjektiver Art sein mu. Als der Mittelpunkt und eigentliche Inhalt der lyrischen Poesie hat sich daher das poetische konkrete Subjekt, der Dichter, hinzustellen, ohne jedoch zur wirklichen Tat und Handlung fortzugehen und sich in die Bewegung dramatischer Konflikte zu verwickeln. Seine einzige uerung und Tat beschrnkt sich im Gegenteil darauf, da er seinem Inneren Worte leiht, die, was auch immer ihr Gegenstand sein mag, den geistigen Sinn des sich aussprechenden Subjekts darlegen und den gleichen Sinn und Geist, denselben Zustand des Gemts, die hnliche Richtung der Reflexion im Zuhrer zu erregen und wach zu erhalten bemht sind.

β) Hierbei kann nun die uerung, obschon sie fr andere ist, ein freier berflu der Heiterkeit oder des zum Gesang sich lsenden und im Lied sich vershnenden Schmerzes sein oder der tiefere Trieb, die wichtigsten Empfindungen des Gemts und weitreichendsten Betrachtungen nicht fr sich zu behalten, - denn wer singen und dichten kann, hat den Beruf dazu und soll dichten. Doch sind uere Veranlassungen, ausdrckliche Einladung und dergleichen mehr in keiner Weise ausgeschlssen. Der groe lyrische Dichter aber schweift in solchem Falle bald von dem eigentlichen Gegenstande ab und stellt sich selber dar. So wurde Pindar, um bei diesem schon mehrfach erwhnten Beispiele zu bleiben, hufig aufgefordert, diesen oder jenen sieggekrnten Wettkmpfer zu feiern, ja er erhielt selbst hin und wieder Geld dafr; und dennoch tritt er, als Snger, an die Stelle seines Helden und preist nun in selbstndiger Verknpfung seiner eigenen Phantasie die Taten etwa der Voreltern, erinnert an alte Mythen oder spricht seine tiefe Ansicht ber das Leben, ber Reichtum, Herrschaft, ber das, was gro und ehrenwert, ber die Hoheit und Lieblichkeit der Musen, vor allem aber ber die Wrde des Sngers aus. So ehrt er auch in seinen Gedichten nicht sowohl den Helden durch den Ruhm, den er ber ihn verbreitet, sondern er lt sich, den Dichter, hren. Nicht er hat die Ehre gehabt, jene Sieger zu besingen, sondern die Ehre, die sie erhalten, ist, da Pindar sie besungen hat. Diese hervorragende innere Gre macht den Adel des lyrischen Dichters aus. Homer ist in seinem Epos als Individuum so sehr aufgeopfert, da man ihm jetzt nicht einmal eine Existenz berhaupt mehr zugestehen will, doch seine Heroen leben unsterblich fort; Pindars Helden dagegen sind uns leere Namen geblieben, er selbst aber, der sich gesungen und seine Ehre gegeben hat, steht unvergelich als Dichter da; der Ruhm, den die Helden in Anspruch nehmen drfen, ist nur ein Anhngsel an dem Ruhme des lyrischen Sngers. -Auch bei den Rmern erhlt sich der lyrische Dichter zum Teil noch in dieser selbstndigen Stellung. So erzhlt z. B. Sueton (T. III, p. 51, ed. Wolfii*)), da Augustus dem Horaz die Worte geschrieben habe: An vereris, ne apud posteros tibi infame sit, quod videaris familiaris nobis esse**); Horaz aber, da ausgenommen, wo er ex officio, wie man leicht herausfhlen kann, von Augustus spricht, kommt grtenteils bald genug auf sich selber zurck. Die 14. Ode des dritten Buchs z. B. hebt mit der Rckkehr des Augustus aus Hispanien nach dem Siege ber die Cantabrer an; doch weiterhin rhmt Horaz nur, da durch die Ruhe, welche Augustus der Welt wiedergegeben, nun auch er selbst als Dichter ruhig seines Nichtstuns und seiner Mue genieen knne; dann befiehlt er, Krnze, Salben und alten Wein zur Feier zu bringen und schnell die Nera herbeizuladen - genug, er hat es nur mit den Vorbereitungen zu seinem Feste zu tun. Doch auf Liebeskmpfe kommt es ihm jetzt weniger an als in seiner Jugend, zur Zeit des Konsul Plancus, denn dem Boten, den er schickt, sagt er ausdrcklich:

 

Si per invisum mora ianitorem

Fiet, abito.***)

 

Mehr noch kann man es als einen ehrenwerten Zug Klopstocks rhmen, da er zu seiner Zeit wieder die selbstndige Wrde des Sngers fhlte und, indem er sie aussprach und ihr gem sich hielt und betrug, den Dichter aus dem Verhltnis des Hofpoeten und Jedermannspoeten sowie aus einer migen, nichtsnutzigen Spielerei herausri, womit ein Mensch sich nur ruiniert. Dennoch geschah es, da nun gerade ihn zuerst der Buchhndler als seinen Poeten ansah. Klopstocks Verleger in Halle bezahlte ihm fr den Bogen der Messiade einen oder zwei Taler, glaub ich; darber hinaus aber lie er ihm eine Weste und Hose machen und fhrte ihn so ausstaffiert in Gesellschaften umher und lie ihn in der Weste und Hose sehen, um bemerkbar zu machen, da er sie ihm angeschafft habe. Dem Pindar dagegen (so erzhlen wenigstens sptere, wenn auch nicht durchweg verbrgte Berichte) setzten die Athenien-ser ein Standbild (Pausanias, l, 8), weil er sie in einem seiner Gesnge gerhmt hatte, und sandten ihm auerdem (Aischines, Epistula 4) das Doppelte der Strafe, mit welcher ihn die Thebaner um des bermigen Lobes willen, das er der fremden Stadt gespendet, nicht verschonen wollten; ja es heit sogar, Apollo selber habe durch den Mund der Pythia erklrt, Pindar solle die Hlfte der Gaben erhalten, welche die gesamte Hellas zu den pythischen Spielen zu bringen pflegte.

γ) In dem ganzen Umkreis lyrischer Gedichte stellt sich drittens nun auch die Totalitt eines Individuums seiner poetischen inneren Bewegung nach dar. Denn der lyrische Dichter ist gedrungen, alles, was sich in seinem Gemt und Bewutsein poetisch gestaltet, im Liede auszusprechen. In dieser Rcksicht ist besonders Goethe zu erwhnen, der in der Mannigfaltigkeit seines reichen Lebens sich immer dichtend verhielt. Auch hierin gehrt er zu den ausgezeichnetesten Menschen. Selten lt sich ein Individuum finden, dessen Interesse so nach allen und jeden Seiten hin ttig war, und doch lebte er dieser unendlichen Ausbreitung ungeachtet durchweg in sich, und was ihn berhrte, verwandelte er in poetische Anschauung. Sein Leben nach auen, die Eigentmlichkeit seines im Tglichen eher verschlossenen als offenen Herzens, seine wissenschaftlichen Richtungen und Ergebnisse andauernder Forschung, die Erfahrungsstze seines durchgebildeten praktischen Sinns, seine ethischen Maximen, die Eindrcke, welche die mannigfach sich durchkreuzenden Erscheinungen der Zeit auf ihn machten, die Resultate, die er sich daraus zog, die sprudelnde Lust und der Mut der Jugend, die gebildete Kraft und innere Schnheit seiner Mannesjahre, die umfassende, frohe Weisheit seines Alters - alles ward bei ihm zum lyrischen Ergu, in welchem er ebenso das leichteste Anspielen an die Empfindung als die hrtesten schmerzlichen Konflikte des Geistes aussprach und sich durch dieses Aussprechen davon befreite.

 

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*) Opera, hrsg. von Friedrich August Wolf, 4 Bde., Leipzig 1802

**) Hast du etwa Angst, es knnte dir bei der Nachwelt schaden, wenn man den Eindruck hat, du seist mein Freund?

***) Schafft Verzug dir dort der verhate Pfrtner, / Gehe nur wieder!

 


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Seite zuletzt aktualisiert: 14.09.2004 
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