b. Die individuelle epische Handlung

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Auf solch einem in sich selbst zu Konflikten ganzer Nationen aufgeschlossenen Boden nun ist es, da zweitens die epische Begebenheit vor sich geht, fr welche wir jetzt die allgemeinen Bestimmungen aufzusuchen haben. Wir wollen diese Betrachtung nach folgenden Gesichtspunkten sondern.
Das erste, was sich ergeben wird, besteht darin, da der Zweck der epischen Handlung, wie sehr er auch auf einer allgemeinen Grundlage beruht, doch individuell lebendig und bestimmt sein msse.
Indem aber zweitens Handlungen nur von Individuen ausgehen knnen, tritt die Frage nach der allgemeinen Natur epischer Charaktere ein.
Drittens bringt sich an der epischen Begebenheit die Objektivitt nicht blo in dem Sinne uerlichen Erscheinens, sondern ebensosehr in der Bedeutung des in sich selbst Notwendigen und Substantiellen zur Darstellung, so da wir also die Form festzustellen haben, in welcher diese Substantialitt des Geschehens sich teils als innere verborgene Notwendigkeit, teils als offenbare Leitung ewiger Mchte und einer Vorsehung wirksam erweist.
α) Wir haben oben als Grund der epischen Welt eine Nationalunternehmung gefordert, in welcher sich die Totalitt eines Volksgeistes in der ersten Frische seiner Heroenzustnde ausprgen knnte. Von dieser Grundlage als solcher nun aber mu sich ein besonderer Zweck abheben, in dessen Realisierung, da dieselbe mit einer Gesamtwirklichkeit aufs engste verflochten ist, nun auch alle Seiten des nationalen Charakters, Glaubens und Handelns zum Vorschein kommen.
αα) Der zur Individualitt belebte Zweck, an dessen Besonderheit sich das Ganze fortbewegt, hat, wie wir schon wissen, im Epos die Gestalt eines Begebnisses anzunehmen, und so mssen wir an dieser Stelle vorerst an die nhere Form erinnern, durch welche das Wollen und Handeln berhaupt zur Begebenheit wird. Handlung und Begebnis gehen beide vom Innern des Geistes aus, dessen Gehalt sie nicht nur in theoretischer uerung von Empfindungen, Reflexionen, Gedanken usf. kundgeben, sondern ebensosehr praktisch ausfhren. In dieser Realisation nun liegen zwei Seiten: erstens die innere des vorgesetzten und beabsichtigten Zwecks, dessen allgemeine Natur und Folgen das Individuum kennen, wollen, sich zurechnen und dahinnehmen mu; zweitens die uere Realitt der umgebenden geistigen und natrlichen Welt, innerhalb welcher der Mensch allein zu handeln imstande ist und deren Zuflle ihm bald hemmend, bald frdernd entgegentreten, so da er entweder durch ihre Begnstigung glcklich zum Ziele geleitet wird oder, will er sich ihnen nicht unmittelbar unterwerfen, sie mit der Energie seiner Individualitt zu besiegen hat. Ist nun die Welt des Willens in der ungetrennten Einigung dieser zwiefachen Seiten aufgefat, so da beiden die gleiche Berechtigung zusteht, so erhlt auch das Innerste selbst sogleich die Form des Geschehens, welche allem Handeln, insofern nun nicht mehr das innere Wollen mit seinen Absichten, subjektiven Motiven der Leidenschaften, Grundstze und Zwecke als Hauptsache erscheinen kann, die Gestalt von Begebnissen gibt. Bei der Handlung wird alles auf den inneren Charakter, auf Pflicht, Gesinnung, Vorsatz usf. zurckgefhrt; bei Begebenheiten dagegen erhlt auch die Auenseite ihr ungeteiltes Recht, indem es die objektive Realitt ist, welche einerseits die Form fr das Ganze, andererseits aber einen Hauptteil des Inhaltes selber ausmacht. In diesem Sinne habe ich frher bereits gesagt, da es die Aufgabe der epischen Poesie sei, das Geschehen einer Handlung darzustellen und deshalb nicht nur die Auenseite der Durchfhrung von Zwecken festzuhalten, sondern auch den ueren Umstnden, Naturereignissen und sonstigen Zufllen dasselbe Recht zu erteilen, welches im Handeln als solchem das Innere ausschlielich fr sich in Anspruch nimmt.
ββ) Was nun nher die Natur des besonderen Zwecks angeht, dessen Ausfhrung das Epos in Form der Begebenheit erzhlt, so mu derselbe nach allem, was wir schon vorausgeschickt haben, kein Abstraktum, sondern im Gegenteil von ganz konkreter Bestimmtheit sein, ohne jedoch, da er sich innerhalb des substantiellen nationalen Gesamtdaseins verwirklicht, der bloen Willkr anzugehren. Der Staat als solcher z. B., das Vaterland oder die Geschichte eines Staats und Landes ist als Staat und Land etwas Allgemeines, das in dieser Allgemeinheit genommen nicht als subjektivindividuelle Existenz, d. h. nicht in untrennbarer Zusammengeschlossenheit mit einem bestimmten lebendigen Individuum erscheint. So lt sich zwar die Geschichte eines Landes, die Entwicklung seines politischen Lebens, seiner Verfassung und Schicksale, auch als Begebenheit erzhlen; wenn aber das, was geschieht, nicht als die konkrete Tat, der innere Zweck, die Leidenschaft, das Leiden und Vollbringen bestimmter Helden vorbergefhrt wird, deren Individualitt die Form und den Inhalt fr diese ganze Wirklichkeit abgibt, so steht die Begebenheit nur in ihrem starren, sich fr sich fortwlzenden Gehalte als Geschichte eines Volkes, Reiches usw. da. In dieser Rcksicht wre zwar die hchste Handlung des Geistes die Weltgeschichte selber, und man knnte diese universelle Tat auf dem Schlachtfelde des allgemeinen Geistes zu dem absoluten Epos verarbeiten wollen, dessen Held der Menschengeist, der Humanus sein wrde, der sich aus der Dumpfheit des Bewutseins zur Weltgeschichte erzieht und erhebt; doch eben seiner Universalitt wegen wre dieser Stoff zuwenig individualisierbar fr die Kunst. Denn einerseits fehlte diesem Epos von Hause aus ein festbestimmter Hintergrund und Weltzustand sowohl in bezug auf ueres Lokal als auch auf Sitten, Gebruche usf. Die einzig voraussetzbare Grundlage nmlich drfte nur der allgemeine Weltgeist sein, der nicht als besonderer Zustand zur Anschauung kommen kann und zu seinem Lokal die gesamte Erde hat. Ebenso wrde der eine in diesem Epos vollbrachte Zweck der Zweck des Weltgeistes sein, der nur im Denken zu fassen und in seiner wahrhaften Bedeutung bestimmt zu explizieren ist, wenn er aber in poetischer Gestalt auftreten sollte, jedenfalls - um dem Ganzen seinen gehrigen Sinn und Zusammenhang zu geben - als das selbstndig aus sich Handelnde herausgehoben werden mte. Dies wre poetisch nur mglich, insofern der innere Werkmeister der Geschichte, die ewige absolute Idee, die sich in der Menschheit realisiert, entweder als leitendes, ttiges, vollfhrendes Individuum zur Erscheinung gelangte oder sich nur als verborgen fortwirkende Notwendigkeit geltend machte. Im ersten Falle aber mte die Unendlichkeit dieses Gehalts das immer beschrnkte Kunstgef bestimmter Individualitt zersprengen oder, um diesem Nachteile zu begegnen, zu einer kahlen Allegorie allgemeiner Reflexionen ber die Bestimmung des Menschengeschlechts und seiner Erziehung, ber das Ziel der Humanitt, moralischen Vollkommenheit, oder wie sonst der Zweck der Weltgeschichte festgesetzt wre, heruntersinken. Im anderen Falle wiederum mten als die besonderen Helden die verschiedenen Volksgeister dargestellt sein, zu deren kmp-fendem Dasein sich die Geschichte auseinanderbreitet und in fortschreitender Entwicklung weiterbewegt. Soll nun aber der Geist der Nationen in seiner Wirklichkeit poetisch erscheinen, so knnte dies nur dadurch geschehen, da die wirklich weltgeschichtlichen Gestalten in ihren Taten vor uns vorberzgen. Dann htten wir aber nur eine Reihe besonderer Figuren, die in blo uerlicher Folge auftauchten und wieder versanken, so da es ihnen an einer individuellen Einheit und Verbindung mangelte, da sich der regierende Weltgeist als das innere Ansich und Schicksal dann nicht als selber handelndes Individuum an die Spitze stellen drfte. Und wollte man auch die Volksgeister in ihrer Allgemeinheit ergreifen und in dieser Substantialitt agieren lassen, so wrde auch dies nur eine hnliche Reihe geben, deren Individuen auerdem nur, indischen Inkarnationen gleich, einen Schein des Daseins htten, dessen Erdichtung vor der Wahrheit des in der wirklichen Geschichte realisierten Weltgeistes erblassen mte.
γγ) Hieraus lt sich die allgemeine Regel abstrahieren, da die besondere epische Begebenheit nur dann zu poetischer Lebendigkeit gelangen knne, wenn sie mit einem Individuum aufs engste verschmelzbar ist. Wie ein Dichter das Ganze ersinnt und ausfhrt, so mu auch ein Individuum an der Spitze stehen, an welches die Begebenheit sich anknpft und an derselben einen Gestalt sich fortleitet und abschliet. Doch treten auch in dieser Rcksicht noch wesentlich nhere Forderungen hinzu. Denn wie vorhin die weltgeschichtliche, so knnte jetzt umgekehrt die biographisch-poetische Behandlung einer bestimmten Lebensgeschichte als der vollstndigste und eigentlich epische Stoff erscheinen. Dies ist aber nicht der Fall. In der Biographie nmlich bleibt das Individuum wohl ein und dasselbe, aber die Begebenheiten, in die es verwickelt wird, knnen schlechthin unabhngig auseinanderfallen und das Subjekt nur zu ihrem ganz uerlichen und zuflligen Verknpfungspunkt behalten. Soll aber das Epos eins in sich sein, so mu auch die Begebenheit, in deren Form es seinen Inhalt darstellt, in sich selber Einheit haben. Beides, die Einheit des Subjekts und des objektiven Geschehens in sich, mu zusammentreffen und sich verbinden. In dem Leben und den Taten des Cid macht zwar auf dem vaterlndischen Boden nur das eine groe Individuum, das allenthalben sich getreu bleibt, in seiner Entwicklung, Heldenschaft und Ende das Interesse aus; seine Taten gehen an ihm vorber wie an einem Gotte der Skulptur, und es selbst ist zuletzt an uns, an ihm selber vorbergegangen; aber die Gedichte vom Cid sind auch als Reimchronik kein eigentliches Epos und als sptere Romanzen, wie diese Gattung es verlangt, nur eine Zersplitterung in einzelne Situationen dieses nationalen Heldendaseins, die sich nicht zur Einheit eines besonderen Begebnisses zusammenzuschlieen ntig haben. Am schnsten dagegen finden wir der eben aufgestellten Forderung in der llias und Odyssee Genge getan, wo Achill und Odysseus als die Hauptgestalten hervorragen. Auch im Ramajana ist das hnliche der Fall. Eine besonders merkwrdige Stellung aber nimmt Dantes Gttliche Komdie in dieser Rcksicht ein. Hier nmlich ist der epische Dichter selbst das eine Individuum, an dessen Wanderung durch Hlle, Fegefeuer und Paradies sich alles und jedes anknpft, so da er die Gebilde seiner Phantasie als eigene Erlebnisse erzhlen kann und deshalb auch das Recht erhlt, seine eigenen Empfindungen und Reflexionen, mehr als es anderen Epikern zusteht, mit in das objektive Werk einzuflechten.
β) Wie sehr nun also die epische Poesie berhaupt das, was ist und geschieht, berichtet und somit das Objektive zu seinem Inhalte wie zu seiner Form hat, so werden auf der anderen Seite, da es das Geschehen einer Handlung ist, welches sich an uns vorberbewegt, dennoch gerade die Individuen und deren Tun und Leiden das eigentlich Heraustretende. Denn nur Individuen, seien sie Menschen oder Gtter, knnen wirklich handeln, und je lebendiger sie mit dem verwebt sein mssen, was vor sich geht, um so reichhaltiger werden sie das Hauptinteresse auf sich zu ziehen die Berechtigung haben. Nach dieser Seite steht die epische Poesie auf dem gleichen Boden sowohl mit der Lyrik als mit der dramatischen Dichtkunst, und es mu uns deshalb von Wichtigkeit sein, bestimmter hervorzuheben, worin das spezifisch Epische in der Darstellung der Individuen besteht.
αα) Zur Objektivitt eines epischen Charakters gehrt zunchst besonders fr die Hauptgestalten, da sie in sich selbst eine Totalitt von Zgen, ganze Menschen sind und deshalb an ihnen alle Seiten des Gemts berhaupt und nher der nationalen Gesinnung und Art des Handelns entwickelt zeigen. In dieser Rcksicht habe ich schon im ersten Teile (Bd. l, S. 308) auf die Homerischen Heldenfiguren, hauptschlich auf die Mannigfaltigkeit rein menschlicher und nationaler Eigenschaften, aufmerksam gemacht, die Achill lebendig in sich vereinigt, zu welchem der Held der Odyssee das reichhaltigste Gegenbild abgibt. In hnlicher Vielseitigkeit der Charakterzge und Situationen stellt auch der Cid sich dar: als Sohn, Held, Liebender, Gatte, Hausherr, Vater, im Verhltnis zu seinem Knig, seinen Getreuen, seinen Feinden. Andere mittelalterliche Epopen dagegen bleiben weit abstrakter in dieser Art der Charakteristik, besonders wenn ihre Helden nur die Interessen des Rittertums als solchen verfechten und sich von dem Kreise des eigentlich substantiellen Volksgehaltes entfernen.
Sich als diese Totalitt in den verschiedenartigsten Lagen und Situationen zu entfalten ist nun eine Hauptseite in der Darstellung der epischen Charaktere. Die tragischen und komischen Figuren der dramatischen Poesie knnen zwar auch von gleicher innerer Flle sein; da bei ihnen aber der scharfe Konflikt eines immer einseitigen Pathos mit einer entgegengesetzten Leidenschaft innerhalb ganz bestimmter Gebiete und Zwecke die Hauptsache ausmacht, so ist solche Vielseitigkeit teils ein - wenn auch nicht berflssiger, doch aber mehr beilufiger - Reichtum, teils wird derselbe berhaupt von der einen Leidenschaft und deren Grnden, ethischen Gesichtspunkten usf. berwogen und in der Darstellung zurckgedrngt. In der Totalitt des Epischen aber behalten alle Seiten die Befugnis, sich in einer selbstndigeren Breite zu entwickeln. Denn einesteils liegt dies im Prinzip der epischen Form berhaupt, andererseits hat das epische Individuum schon dem ganzen Weltzustande nach ein Recht, zu sein und geltend zu machen, wie es und was es ist, da es in Zeiten lebt, wo eben dieses Sein, die unmittelbare Individualitt, hingehrt. Allerdings kann man in betreff auf den Zorn des Achilles z. B. sehr wohl die moralisch weise Betrachtung anstellen, was dieser Zorn fr Unheil gebracht und Schaden angerichtet habe, und daraus eine Schlufolge gegen die Vortrefflichkeit und Gre des Achilles selber ziehen, der kein vollendeter Held und Mensch sein knne, da er sich nicht einmal im Zorn zu migen Kraft und Selbstbeherrschung genug gehabt habe. Aber Achill ist nicht zu tadeln, und wir brauchen ihm nicht etwa seinen Zorn nur der brigen groen Eigenschaften wegen nachzusehen, sondern Achill ist der, der er ist, und damit ist die Sache in epischer Hinsicht abgetan. Ebenso geht es auch mit seinem Ehrgeiz und seiner Ruhmbegierde. Denn das Hauptrecht dieser groen Charaktere besteht in ihrer Energie, sich durchzusetzen, da sie in ihrer Besonderheit zugleich das Allgemeine tragen; whrend umgekehrt die gewhnliche Moralitt in der Nichtachtung der eigenen Persnlichkeit und in dem Hineinlegen der ganzen Energie in diese Nichtachtung besteht. Welch ungeheures Selbstgefhl erhob nicht Alexander ber seine Freunde und das Leben so vieler Tausende. - Selbstrache, ja ein Zug von Grausamkeit ist die hnliche Energie in heroischen Zeiten, und auch in dieser Beziehung ist Achill als epischer Charakter nicht zu schulmeistern.
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