
a. Das orientalische Epos
Bei den Morgenlndern ist, wie wir schon sahen, einerseits die Dichtkunst berhaupt ursprnglicher, weil sie der substantiellen Weise der Anschauung und dem Aufgehen des einzelnen Bewutseins in das eine Ganze noch nher bleibt, so da sich andererseits in Rcksicht auf die besonderen Gattungen der Poesie das Subjekt nicht zu der Selbstndigkeit des individuellen Charakters, der Zwecke und Kollisionen herausarbeiten kann, welche fr die echte Ausbildung der dramatischen Poesie schlechthin erforderlich ist. Das Wesentlichste, was wir deshalb hier antreffen, beschrnkt sich auer einer lieblichen, duftreichen und zierlichen oder zu dem einen unaussprechbaren Gott sich erhebenden Lyrik auf Gedichte, welche zur epischen Gattung gerechnet werden mssen. Dessenungeachtet begegnen wir eigentlichen Epopen nur bei den Indern und Persern, doch bei diesen nun auch in kolossalem Mastabe.
α) Die Chinesen dagegen besitzen kein nationales Epos. Denn der prosaische Grundzug ihrer Anschauung, welche selbst den frhesten Anfngen der Geschichte die nchterne Form einer prosaisch geregelten historischen Wirklichkeit gibt, sowie die fr eigentliche Kunstgestaltung unzugnglichen religisen Vorstellungen setzen sich dieser hchsten epischen Gattung von Hause aus als unbersteigbares Hindernis in den Weg. Was wir aber als Ersatz reichlich ausgebildet finden, sind sptere kleine Erzhlungen und weitausgesponnene Romane, welche uns durch die klare Anschaulichkeit aller Situationen und genaue Darlegung privater und ffentlicher Verhltnisse, durch die Mannigfaltigkeit, Feinheit, ja hufig durch die reizende Zartheit besonders der weiblichen Charaktere sowie durch die ganze Kunst dieser in sich abgerundeten Werke in Erstaunen bringen mssen.
β) Eine vllig entgegengesetzte Welt erffnet sich uns in den indischen Epopen. Schon die frhsten religisen Anschauungen - nach dem wenigen zu urteilen, was bis jetzt aus den Wedas bekannt geworden ist - enthalten einen fruchtbaren Keim fr eine episch darstellbare Mythologie, die sich denn auch, verzweigt mit menschlichen Heldentaten, schon viele Jahrhunderte vor Christus - denn die chronologischen Angaben sind noch sehr schwankend - zu wirklichen Epopen ausgebildet hat, welche jedoch halb noch auf dem rein religisen und halb erst auf dem Standpunkte freier Poesie und Kunst stehen. Besonders die beiden berhmtesten dieser Gedichte, der Ramajana und Mahabharata, legen uns die Weltanschauung der Inder in der ganzen Pracht und Herrlichkeit, Verwirrung, phantastischen Unwahrheit und Zerflossenheit und ebenso umgekehrt in der schwelgenden Lieblichkeit und den individuellen, feinen Zgen der Empfindung und des Gemts dieser geistigen Pflanzennaturen dar. Sagenhafte menschliche Taten erweitern sich zu Handlungen der inkarnierten Gtter, deren Tun nun unbestimmt zwischen gttlicher und menschlicher Natur schwebt und die individuelle Begrenztheit der Gestalten und Taten ins Malose auseinandertreibt; die substantiellen Grundlagen des Ganzen sind von der Art, da die abendlndische Weltanschauung, wenn sie sich nicht die hheren Forderungen der Freiheit und Sittlichkeit aufzugeben entschliet, sich darin weder zurechtfinden noch damit sympathisieren kann; die Einheit der besonderen Teile ist von groer Lockerheit, und die weitschichtigsten Episoden treten mit Gttergeschichten, Erzhlungen von asketischen Bubungen und der dadurch errungenen Macht, ausgesponnenen Explikationen ber philosophische Lehren und Systeme sowie mit sonstigem vielseitigen Inhalt so sehr aus dem Zusammenhange des Ganzen heraus, da man sie hin und wieder als sptere Anfgung ansprechen mu; immer aber zeugt der Geist, dem diese groartigen Gedichte entsprungen sind, von einer Phantasie, welche nicht nur der prosaischen Ausbildung vorangegangen, sondern berhaupt zu dem Verstande prosaischer Besonnenheit schlechthin unfhig ist und die Grundrichtungen des indischen Bewutseins als eine an sich totale Weltzusammenfassung in ursprnglicher Poesie zu gestalten vermochte. Die spteren Epen dagegen, welche im engeren Sinne des Worts Puranas, d. i. Gedichte der Vorzeit heien, scheinen mehr in der hnlichen Weise, die wir in den nachhomerischen zyklischen Dichtern wiederfinden, alles, was zum Mythenkreise eines bestimmten Gottes gehrt, prosaischer und trockener aneinanderzureihen und von der Welt- und Gtterentstehung aus in weitem Verlauf bis zu den Genealogien menschlicher Helden und Frsten herabzusteigen. Zuletzt dann endlich verflchtigt sich auf der einen Seite der epische Kern der alten Mythen zu dem Duft und der knstlichen Zierlichkeit der ueren poetischen Form und Diktion, whrend auf der anderen Seite die sich in Wundern trumerisch ergehende Phantasie zu einer Fabelweisheit wird, welche Moral und Lebensklugheit zu lehren zur vornehmlichsten Aufgabe erhlt.
γ) In einem dritten Kreise der orientalisch-epischen Dichtkunst knnen wir die Hebrer, Araber und Perser nebeneinanderstellen. αα) Die Erhabenheit der jdischen Phantasie hat zwar in ihrer Vorstellung von der Schpfung, in den Geschichten der Erzvter, der Wanderschaft durch die Wste, der Eroberung Kanaans und in dem weiteren Verlauf nationaler Begebenheiten, bei der markigen Anschaulichkeit und naturwahren Auffassung viele Elemente ursprnglicher epischer Poesie, doch waltet hier so sehr das religise Interesse vor, da es, statt zu eigentlichen Epopen, teils nur zu religispoetischer Sagengeschichte und Historie, teils nur zu didaktischreligisen Erzhlungen kommt.
ββ) Von Hause aus aber poetischer Natur und von frh an wirkliche Dichter sind die Araber. Schon die lyrisch erzhlenden Heldenlieder, die Muallakat, welche zum Teil aus dem letzten Jahrhundert vor dem Propheten stammen, schildern bald in abgerissen springender Khnheit und prahlendem Ungestm, bald in besonnenerer Ruhe und sanfter Weichheit die ursprnglichen Zustnde der noch heidnischen Araber - die Stammehre, die Glut der Rache, die Gastfreundschaft, Liebe, Lust an Abenteuern, die Wohlttigkeit, Trauer, Sehnsucht - in ungeschwchter Kraft und in Zgen, welche an den romantischen Charakter der spanischen Ritterlichkeit erinnern knnen. Dies zuerst ist im Orient eine wirkliche Poesie, ohne Phantasterei oder Prosa, ohne Mythologie, ohne Gtter, Dmonen, Genien, Feen und das sonstige orientalische Wesen, sondern mit gediegenen, selbstndigen Gestalten und, wenn auch seltsam, wunderlich und spielend in Bildern und Vergleichen, doch aber menschlichreal und fest in sich beschlossen. Die Anschauung einer hnlichen Heldenwelt geben uns auch noch die spter gesammelten Gedichte der Hamasa sowie des noch nicht edierten Diwans der Hudaili-ten. Nach den weithin ausgedehnten erfolgreichen Eroberungen der mohammedanischen Araber verwischt sich jedoch nach und nach dieser ursprngliche Heldencharakter und macht in dem Verlauf der Jahrhunderte im Gebiete der epischen Poesie teils lehrreichen Fabeln und heiteren Weisheitssprchen, teils jenen mrchenhaften Erzhlungen Platz, wie wir sie in Tausendundeiner Nacht finden, oder jenen Abenteuereien, von denen uns Rckert durch seine bersetzung der mit Wortklngen und Reimen, Sinn und Bedeutung gleich witzig und knstlich spielenden Makamen des Hariri eine hchst dankenswerte Anschauung verschafft hat.
γγ) Die Blte der persischen Poesie fllt umgekehrt in die Zeit ihrer schon zu einer neuen Bildung durch den Mohammedanismus umgewandelten Sprache und Nationalitt. Doch begegnen wir hier gleich im Beginne dieser schnsten Bltezeit einem epischen Gedichte, das wenigstens dem Stoffe nach in die fernste Vergangenheit der altpersischen Sagen und Mythen zurckgreift und seine Erzhlung durch das heroische Zeitalter hindurch bis zu den letzten Tagen der Sassaniden herberfhrt. Dies umfangreiche Werk ist das aus dem Basta-Name entstandene Schah-Name des Firdusi, des Grtnerssohnes aus Tus. Eine eigentliche Epope jedoch drfen wir auch dieses Gedicht nicht nennen, da es keine individuell umschlossene Handlung zum Mittelpunkte macht. Bei dem Wechsel der Jahrhunderte fehlt es an einem festen Kostm in Rcksicht auf Zeit und Lokal, und besonders die ltesten mythischen Gestalten und trben verworrenen Traditionen schweben in einer phantastischen Welt, bei deren unbestimmterer Darstellung wir oft nicht wissen, ob wir es mit Personen oder ganzen Stmmen zu tun haben, whrend dann auf der anderen Seite wieder wirkliche historische Figuren auftreten. Als Mohammedaner war der Dichter wohl freier in Handhabung seines Stoffes, doch gerade in dieser Freiheit mangelt ihm das Feste der individuellen Gebilde, das die ursprnglichen Heldenlieder der Araber auszeichnet, und bei dem weiten Abstnde von der lngstversunkenen Sagenwelt geht ihm zugleich jener frische Hauch unmittelbarer Lebendigkeit ab, der dem nationalen Epos schlechthin notwendig ist. - In dem weiteren Verfolge breitet sich die epische Kunst der Perser teils ber Liebesepopen von groer Weiche und vieler Sigkeit aus, durch welche Nisamivornehmlich sich berhmt machte, teils nimmt sie in ihrer reichen Lebenserfahrung eine Wendung gegen das Didaktische hin, worin der weitgereiste Saadi Meister war, und vertieft sich endlich zu jener pantheistischen Mystik, die Dschelal ed-din Rumi in Geschichten und legendenartigen Erzhlungen usf. lehrt und empfiehlt.
Mit diesen kurzen Andeutungen mu ich es hier genug sein lassen.