c. Die konkrete Entwicklung der dramatischen Poesie und ihrer Arten

 

In die soeben betrachteten wesentlichen Unterschiede der Konzeption und poetischen Ausfhrung treten nun die verschiedenen Arten der dramatischen Kunst hinein und gelangen erst, insofern sie sich auf der einen oder anderen Stufe entwickeln, zu ihrer wahrhaft realen Vollstndigkeit. Wir haben deshalb zum Schlu auch auf diese konkrete Gestaltungsweise noch unsere Betrachtung hinzulenken.

α) Der nchste Hauptkreis, der uns, wenn wir aus dem oben bereits angefhrten Grunde die orientalischen Anfnge ausschlieen, als die gediegenste Stufe sowohl der eigentlichen Tragdie als auch der Komdie sogleich vor Augen steht, ist die dramatische Poesie der Griechen. In ihr nmlich kommt zum ersten Male das Bewutsein von dem zum Vorschein, was berhaupt das Tragische und Komische seinem wahren Wesen nach ist, und nachdem diese entgegengesetzten Anschauungsarten des menschlichen Handelns sich zu fester Trennung streng voneinander abgeschieden haben, ersteigen in organischer Entwicklung erst die Tragdie, dann die Komdie den Gipfelpunkt ihrer Vollendung, von welcher endlich die rmische dramatische Kunst nur einen schwcheren Abglanz wiedergibt, der selbst das nicht erreicht, was den Rmern spter in dem hnlichen Streben im Epos und der Lyrik gelang. - In Rcksicht auf die nhere Betrachtung dieser Stufen jedoch will ich mich, um nur das Wichtigste kurz zu berhren, auf den tragischen Standpunkt des Aischylos und Sophokles sowie auf den komischen des Aristophanes beschrnken.

αα) Was nun erstens die Tragdie angeht, so sagte ich bereits, da die Grundform, durch welche sich ihre ganze Organisation und Struktur bestimmt, in dem Herausheben der substantiellen Seite sowohl der Zwecke und ihres Inhalts als auch der Individuen und ihres Kampfes und Schicksals zu suchen sei.

Den allgemeinen Boden fr die tragische Handlung bietet wie im Epos so auch in der Tragdie der Weltzustand dar, den ich frher bereits als den heroischen bezeichnet habe. Denn nur in den heroischen Tagen knnen die allgemeinen sittlichen Mchte, indem sie weder als Gesetze des Staats noch als moralische Gebote und Pflichten fr sich fixiert sind, in ursprnglicher Frische als die Gtter auftreten, welche sich entweder in ihrer eigenen Ttigkeit entgegenstellen oder als der lebendige Inhalt der freien menschlichen Individualitt selber erscheinen. Soll nun aber das Sittliche sich von Hause aus als die substantielle Grundlage, als der allgemeine Boden dartun, aus welchem das Gewchse des individuellen Handelns ebensosehr in seiner Entzweiung hervorkommt, als es aus dieser Bewegung wieder zur Einheit zurckgerissen wird, so haben wir fr das Sittliche im Handeln zwei unterschiedene Formen vor uns.

Erstlich nmlich das einfache Bewutsein, das, insofern es die Substanz nur als unentzweite Identitt ihrer besonderen Seiten will, in ungestrter Beruhigung fr sich und andere tadellos und neutral bleibt. Dies in seiner Verehrung, seinem Glauben und Glck besonderungslose und damit nur allgemeine Bewutsein aber kann zu keiner bestimmten Handlung kommen, sondern hat vor dem Zwiespalte, der darin liegt, eine Art von Grauen, obschon es, als selber tatlos, zugleich jenen geistigen Mut, in einem selbstgesetzten Zweck zum Entschlieen und Handeln herauszutreten, fr hher achtet, sich jedoch keines Eingehens darein fhig und als der bloe Boden und Zuschauer wei und deshalb fr die als das Hhere verehrten handelnden Individuen nichts anderes zu tun brigbehlt, als der Energie ihres Beschlusses und Kampfs das Objekt seiner eigenen Weisheit, die substantielle Idealitt der sittlichen Mchte nmlich, entgegenzusetzen.

Die zweite Seite bildet das individuelle Pathos, das die handelnden Charaktere mit sittlicher Berechtigung zu ihrem Gegensatze gegen andere antreibt und sie dadurch in Konflikt bringt. Die Individuen dieses Pathos sind weder das, was wir im modernen Sinne des Worts Charaktere nennen, noch aber bloe Abstraktionen, sondern stehen in der lebendigen Mitte zwischen beidem als feste Figuren, die nur das sind, was sie sind, ohne Kollision in sich selbst, ohne schwankendes Anerkennen eines anderen Pathos und insofern - als Gegenteil der heutigen Ironie - hohe, absolut bestimmte Charaktere, deren Bestimmtheit jedoch in einer besonderen sittlichen Macht ihren Inhalt und Grund findet. Indem nun erst die Entgegensetzung solcher zum Handeln berechtigten Individuen das Tragische ausmacht, so kann dieselbe nur auf dem Boden der menschlichen Wirklichkeit zum Vorschein kommen. Denn nur diese enthlt die Bestimmung, da eine besondere Qualitt die Substanz eines Individuums in der Weise ausmacht, da sich dasselbe mit seinem ganzen Interesse und Sein in solch einen Inhalt hineinlegt und ihn zur durchdringenden Leidenschaft werden lt. In den seligen Gttern aber ist die indifferente gttliche Natur das Wesentliche, wogegen der Gegensatz, mit welchem es nicht zu letztlichem Ernste kommt, vielmehr - wie ich schon beim Homerischen Epos anfhrte - zu einer sich wieder auflsenden Ironie wird.

Diese beiden Seiten, von denen die eine so wichtig fr das Ganze ist als die andere - das unentzweite Bewutsein vom Gttlichen und das kmpfende, aber in gttlicher Kraft und Tat auftretende Handeln, das sittliche Zwecke beschliet und durchfhrt -, geben die hauptschlichen Elemente ab, deren Vermittlung die griechische Tragdie als Chorun handelnde Heroen in ihren Kunstwerken darstellt.

Es ist in neuerer Zeit viel ber die Bedeutung des griechischen Chors gesprochen und dabei die Frage aufgeworfen worden, ob er auch in die moderne Tragdie eingefhrt werden knne und solle. Man hat nmlich das Bedrfnis solch einer substantiellen Grundlage gefhlt und sie doch zugleich nicht recht anzubringen und einzufgen gewut, weil man die Natur des echt Tragischen und die Notwendigkeit des Chors fr den Standpunkt der griechischen Tragdie nicht tief genug zu fassen verstand. Einerseits nmlich hat man den Chor wohl insofern anerkannt, als man gesagt hat, da ihm die ruhige Reflexion ber das Ganze zukomme, whrend die handelnden Personen in ihren besonderen Zwecken und Situationen befangen blieben und nun am Chor und seinen Betrachtungen ganz ebenso den Mastab des Werts ihrer Charaktere und Handlungen erhielten, als das Publikum an ihm in dem Kunstwerke einen objektiven Reprsentanten seines eigenen Urteils ber das fnde, was vor sich geht. Mit dieser Ansicht ist teilweise der rechte Punkt in der Rcksicht getroffen, da der Chor in der Tat als das substantielle, hhere, von falschen Konflikten abmahnende, den Ausgang bedenkende Bewutsein dasteht.

Dessenungeachtet ist er doch nicht etwa eine blo uerlich und mig wie der Zuschauer reflektierende moralische Person, die, fr sich uninteressant und langweilig, nur um dieser Reflexion wegen hinzugefgt wre, sondern er ist die wirkliche Substanz des sittlichen heroischen Lebens und Handelns selbst, den einzelnen Heroen gegenber das Volk als das fruchtbare Erdreich, aus welchem die Individuen wie die Blumen und hervorragenden Bume aus ihrem eigenen heimischen Boden emporwachsen und durch die Existenz desselben bedingt sind. So gehrt der Chor wesentlich dem Standpunkte an, wo sich den sittlichen Verwicklungen noch nicht bestimmte rechtsgltige Staatsgesetze und feste religise Dogmen entgegenhalten lassen, sondern wo das Sittliche nur erst in seiner unmittelbar lebendigen Wirklichkeit erscheint und nur das Gleichma unbewegten Lebens gesichert gegen die furchtbaren Kollisionen bleibt, zu welchen die entgegengesetzte Energie des individuellen Handelns fhren mu. Da aber dieses gesicherte Asyl wirklich vorhanden sei, davon gibt uns der Chor das Bewutsein. Er greift deshalb in die Handlung nicht tatschlich ein, er bt kein Recht ttig gegen die kmpfenden Helden aus, sondern spricht nur theoretisch sein Urteil, warnt, bemitleidet oder ruft das gttliche Recht und die inneren Mchte an, welche die Phantasie sich uerlich als den Kreis der waltenden Gtter vorstellt. In diesem Ausdruck ist er, wie wir schon sahen, lyrisch; denn er handelt nicht und hat keine Ereignisse episch zu erzhlen; aber sein Inhalt bewahrt zugleich den epischen Charakter substantieller Allgemeinheit, und so bewegt er sich in einer Weise der Lyrik, welche im Unterschiede der eigentlichen Odenform zuweilen dem Pan und Dithyrambus sich nhern kann. Diese Stellung des Chors in der griechischen Tragdie ist wesentlich herauszuheben. Wie das Theater selbst seinen ueren Boden, seine Szene und Umgebung hat, so ist der Chor, das Volk, gleichsam die geistige Szene, und man kann ihn dem Tempel der Architektur vergleichen, welcher das Gtterbild, das hier zum handelnden Helden wird, umgibt. Bei uns dagegen stehen die Statuen unter freiem Himmel ohne solch einen Hintergrund, den auch die moderne Tragik nicht braucht, da ihre Handlungen nicht auf diesem substantiellen Grunde, sondern auf dem subjektiven Willen und Charakter sowie auf dem scheinbar uerlichen Zufall der Begebenheiten und Umstnde beruhen. - In dieser Rcksicht ist es eine durchaus falsche Ansicht, wenn man den Chor als ein zuflliges Nachgeschleppe und ein bloes berbleibsel aus der Entstehungszeit des griechischen Dramas betrachtet. Allerdings ist sein uerlicher Ursprung aus dem Umstnde herzuleiten, da bei den Bacchusfesten, in Ansehung auf Kunst, der Chorgesang die Hauptsache ausmachte, bis dann zur Unterbrechung ein Erzhler hinzutrat, dessen Bericht sich endlich zu den wirklichen Gestalten der dramatischen Handlung umwandelte und erhob. Der Chor aber wurde in der Bltezeit der Tragdie nicht etwa nur beibehalten, um dies Moment des Gtterfestes und Bacchusdienstes zu ehren, sondern er bildete sich nur deshalb immer schner und mavoller aus, weil er wesentlich zur dramatischen Handlung selbst gehrt und ihr so sehr notwendig ist, da der Verfall der Tragdie sich hauptschlich auch an der Verschlechterung der Chre dartut, die nicht mehr ein integrierendes Glied des Ganzen bleiben, sondern zu einem gleichgltigeren Schmuck herabsinken. Fr die romantische Tragdie dagegen zeigt sich der Chor weder passend, noch ist sie aus Chorgesngen ursprnglich entstanden. Im Gegenteil ist hier der Inhalt derart, da jede Einfhrung von Chren im griechischen Sinne hat milingen mssen. Denn schon die ltesten sogenannten Mysterien, Moralitten und sonstigen Farcen, von denen das romantische Drama ausging, stellen kein Handeln in jenem ursprnglich griechischen Sinne, kein Heraustreten aus dem unentzweiten Bewutsein des Lebens und des Gttlichen dar. Ebensowenig eignet sich der Chor fr das Rittertum und die Knigsherrschaft, insofern hier das Volk zu gehorchen hat oder selber Partei und in die Handlung mit dem Interesse seines Glcks oder Unglcks verwickelt wird. berhaupt kann er da nicht seine rechte Stelle finden, wo es sich um partikulare Leidenschaften, Zwecke und Charaktere handelt oder die Intrige ihr Spiel zu treiben hat.

Das zweite Hauptelement, dem Chor gegenber, bilden die konfliktvoll handelnden Individuen. In der griechischen Tragdie nun ist es nicht etwa bser Wille, Verbrechen, Nichtswrdigkeit oder bloes Unglck, Blindheit und dergleichen, was den Anla fr die Kollisionen hervorbringt, sondern, wie ich schon mehrfach sagte, die sittliche Berechtigung zu einer bestimmten Tat. Denn das abstrakt Bse hat weder in sich selbst Wahrheit, noch ist es von Interesse. Doch mu es auf der anderen Seite auch nicht als bloe Absicht erscheinen, da man den handelnden Personen sittliche Charakterzge gibt, sondern ihre Berechtigung mu an und fr sich wesentlich sein. Kriminalflle, wie in neueren Zeiten, nichtsnutzige oder auch sogenannte moralisch edle Verbrecher mit ihrem leeren Geschwtze vom Schicksal finden wir deshalb in der alten Tragdie ebensowenig, als der Entschlu und die Tat auf der bloen Subjektivitt des Interesses und Charakters, auf Herrschsucht, Verliebtheit, Ehre oder sonst auf Leidenschaften beruht, deren Recht allein in der besonderen Neigung und Persnlichkeit wurzeln kann. Solch ein durch den Gehalt seines Zwecks berechtigter Entschlu nun aber, indem er sich in einseitiger Besonderheit zur Ausfhrung bringt, verletzt unter bestimmten Umstnden, welche an sich schon die reale Mglichkeit von Konflikten in sich tragen, ein anderes, gleich sittliches Gebiet menschlichen Wollens, das nun der entgegenstehende Charakter als sein wirkliches Pathos festhlt und reagierend durchfhrt, so da dadurch die Kollision gleichberechtigter Mchte und Individuen vollstndig in Bewegung kommt.

Der Kreis dieses Inhalts nun, obschon er mannigfaltig partikularisiert werden kann, ist dennoch seiner Natur nach nicht von groem Reichtume. Der Hauptgegensatz, den besonders Sophokles nach Aischylos' Vorgang aufs schnste behandelt hat, ist der des Staats, des sittlichen Lebens in seiner geistigen Allgemeinheit, und der Familie als der natrlichen Sittlichkeit. Dies sind die reinsten Mchte der tragischen Darstellung, indem die Harmonie dieser Sphren und das einklangsvolle Handeln innerhalb ihrer Wirklichkeit die vollstndige Realitt des sittlichen Daseins ausmacht. Ich brauche in dieser Rcksicht nur an Aischylos' Sieben vor Theben und mehr noch an die Antigone des Sophokles zu erinnern. Antigone ehrt die Bande des Bluts, die unterirdischen Gtter, Kreon allein den Zeus, die waltende Macht des ffentlichen Lebens und Gemeinwohls. Auch in der Iphigenia in Aulis sowie in dem Agamemnon, den Choephoren und Eumeniden des Aischylos und in der Elektra des Sophokles finden wir den hnlichen Konflikt. Agamemnon opfert als Knig und Fhrer des Heers seine Tochter dem Interesse der Griechen und des trojanischen Zuges und zerreit dadurch das Band der Liebe zur Tochter und Gattin, das Klytmnestra, als Mutter, im tiefsten Herzen bewahrt und rchend dem heimkehrenden Gatten schmhlichen Untergang bereitet. Orest, der Sohn und Knigssohn, ehrt die Mutter, aber er hat das Recht des Vaters, des Knigs zu vertreten und schlgt den Scho, der ihn geboren. - Dies ist ein fr alle Zeiten gltiger Inhalt, dessen Darstellung daher aller nationalen Unterschiedenheit zum Trotz auch unsere menschliche und knstlerische Teilnahme gleich rege erhlt.

 


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Seite zuletzt aktualisiert: 14.09.2004 
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