c. Das romantische Epos

So konnte denn ein neuer Hauch und Geist in die epische Poesie nur durch die Weltanschauung und den religisen Glauben, die Taten und Schicksale neuer Vlkerschaften hereinkommen. Dies ist bei den Germanen sowohl in ihrer heidnischen Ursprnglichkeit als auch nach ihrer Umwandlung durch das Christentum sowie bei den romanischen Nationen in um so reicherer Weise der Fall, je weiter die Verzweigung dieser Vlkergruppen wird und in je mannigfaltigeren Stufenfolgen sich das Prinzip der christlichen Weltanschauung und Wirklichkeit entfaltet. Doch gerade diese vielfache Ausbreitung und Verschlingung stellt einer kurzen bersicht groe Schwierigkeiten entgegen. Ich will deshalb hier nur der Hauptrichtungen nach folgenden Haltpunkten Erwhnung tun.
α) Zu einer ersten Gruppe knnen wir alle die poetischen berreste rechnen, welche sich noch aus den vorchristlichen Tagen der neuen Vlkerschaften grtenteils durch mndliche Tradition und deshalb nicht unversehrt erhalten haben.
Hierher sind vornehmlich die Gedichte zu zhlen, die man dem Ossian zuzuteilen pflegt. Obschon englische berhmte Kritiker wie z. B. Johnson*) und Shaw**) blind genug gewesen sind, sie fr ein eigenes Machwerk Macphersons***) auszugeben, so ist es doch ganz unmglich, da irgendein heutiger Dichter dergleichen alte Volkszustnde und Begebenheiten aus sich selber schpfen knne, so da hier notwendig ursprngliche Poesien zugrunde liegen, wenn sich auch in ihrem ganzen Tone und der Vorstellungs- und Empfindungsweise, welche sich in ihnen ausspricht, im Verlaufe so vieler Jahrhunderte manches ins Moderne hin gendert hat. Denn ihr Alter ist zwar nicht konstatiert, sie mgen aber doch wohl eintausend oder fnfzehnhundert Jahre im Munde des Volks lebendig geblieben sein. In ihrer ganzen Haltung erscheinen sie vorherrschend lyrisch: es ist Ossian, der alte erblindete Snger und Held, der in klagevoller Erinnerung die Tage der Herrlichkeit vor sich aufsteigen lt; doch obgleich seine Gesnge von der Wehmut und Trauer ausgehen, so bleiben sie ebenso ihrem Gehalte nach wiederum episch, denn eben diese Klagen gehen um das, was gewesen ist, und schildern diese jngst erst vergangene Welt, deren Helden, Liebesabenteuer, Taten, Zge ber Meer und Land, Liebe, Waffenglck, Schicksal und Untergang in so episch-sachlicher, wenn auch durch Lyrik unterbrochener Weise, als wenn etwa bei Homer die Helden, Achill, Odysseus oder Diomed, von ihren Taten, Begebnissen und Schicksalen sprchen. Doch ist die geistige Entwicklung der Empfindung und der ganzen nationalen Wirklichkeit, obschon Herz und Gemt eine vertieftere Rolle spielen, noch nicht so weit als bei Homer gediehen; besonders fehlt die feste Plastik der Gestalten und die taghelle Klarheit der Veranschaulichung. Denn wir sind schon dem Lokal nach in ein nordisches, strmisches Nebelland verwiesen, mit trbem Himmel und schweren Wolken, auf denen die Geister reiten oder sich auf einsamer Heide in Wolkengestalt kleiden und den Helden erscheinen. - Auerdem sind erst neuerdings noch andere altglische Bardengesnge entdeckt worden, welche nicht nach Schottland und Irland, sondern nach Wallis in England hindeuten, wo sich der Bardengesang in ununterbrochener Folge fortsetzte und vieles frh bereits schriftlich aufgezeichnet wurde. In diesen Gedichten ist unter anderem von Wanderungen nach Amerika die Rede; auch Csars geschieht darin Erwhnung, seinem Zuge wird aber die Liebe zu einer Knigstochter, die, nachdem er sie in Gallien gesehen, nach England heimgekehrt war, als Grund untergelegt. Als merkwrdige Form will ich nur die Triaden anfhren, eine eigene Konstruktion, welche immer in drei Gliedern drei hnliche Begebenheiten, obschon aus verschiedener Zeit, zusammenstellt.
Berhmter als diese Gedichte endlich sind einesteils die Heldenlieder der lteren Edda, anderenteils die Mythen, mit welchen wir zum erstenmal in diesem Kreise neben der Erzhlung menschlicher Schicksale auch mannigfache Geschichten von der Entstehung, den Taten und dem Untergang der Gtter antreffen. Den hohlen Aufspreizungen aber, den natursymbolischen Grundlagen, die doch wieder in partikulr-menschlicher Gestalt und Physiognomie zur Darstellung kommen, dem Thor mit seinem Hammer, dem Fenriswolf, dem entsetzlichen Metsaufen, berhaupt der Wildheit und trben Verworrenheit dieser Mythologie habe ich keinen Geschmack abgewinnen knnen. Zwar steht uns dies ganze nordische Wesen der Nationalitt nach nher als z. B. die Poesie der Perser und des Mohammedanismus berhaupt, doch es unserer heutigen Bildung als etwas aufdrngen wollen, das auch jetzt noch unsere tiefere heimische Mitempfindung in Anspruch nehmen drfe und fr uns etwas Nationales sein msse, dieser mehrfach gewagte Versuch heit sowohl den Wert jener zum Teil migestaltigen und barbarischen Vorstellungen durchaus berschtzen, als auch den Sinn und Geist unserer eigenen Gegenwart vllig verkennen.
β) Wenn wir nun zweitens auf die epische Poesie des christlichen Mitte l alte rs einen Blick werfen, so haben wir zunchst vornehmlich diejenigen Werke zu beachten, welche ohne direkteren und durchgreifenden Einflu der alten Literatur und Bildung aus dem frischen Geiste des Mittelalters und befestigten Katholizismus hervorgegangen sind. In dieser Rcksicht finden wir die mannigfaltigsten Elemente, welche den Inhalt und die Veranlassung zu epischen Gedichten abgeben.
αα) Das erste, das ich kurz berhren will, sind jene dem Gehalt nach echt epischen Stoffe, die noch schlechthin nationale mittelalterliche Interessen, Taten und Charaktere in sich fassen. Hier ist vor allem der Cid zu nennen. Was diese Blume nationalen mittelalterlichen Heldentums den Spaniern galt, das haben sie episch in dem Poema Cid und dann spter in lieblicherer Vortrefflichkeit in einer Folge von erzhlenden Romanzen gezeigt, die Herder in Deutschland bekannt gemacht hat. Es ist eine Schnur von Perlen, jedes einzelne Gemlde fest in sich gerundet und doch alle so zueinander passend, da sie sich zu einem Ganzen zusammenreihen; durchaus im Sinne und Geist des Rittertums, aber zugleich national spanisch; reich an Gehalt und voll vielseitiger Interessen in Rcksicht auf Liebe, Ehe, Familienstolz, Ehre und Herrschaft der Knige im Kampf der Christen gegen die Mauren. Dies alles ist so episch, so plastisch, da nur die Sache in ihrem reinen hohen Inhalt und doch in einem Reichtum der edelsten menschlichen Szenen in einer Entfaltung der herrlichsten Taten und zugleich in einem so schnen, reizenden Kranze vor uns gebracht wird, da wir Modernen ihn dem Schnsten des Altertums an die Seite stellen drfen.
Dieser wenn auch zersplitterten, doch aber dem Grundtypus nach epischen Romanzenwelt kann das Nibelungenlied ebensowenig als der Ilias und Odyssee an die Seite gesetzt werden. Denn obschon es diesem schtzenswerten, echt germanischen, deutschen Werk nicht an einem nationalen substantiellen Gehalt in bezug auf Familie, Gattenliebe, Vasallentum, Diensttreue, Heldenschaft und an innerer Markigkeit fehlt, so ist doch die ganze Kollision, aller epischen Breite zum Trotz, eher dramatischtragischer als vollstndig epischer Art, und die Darstellung tritt einerseits ungeachtet ihrer Ausfhrlichkeit weder zu individuellem Reichtum noch zu wahrhaft lebendiger Anschaulichkeit heraus, andererseits verliert sie sich oft ins Harte, Wilde und Grausame, whrend die Charaktere, wenn sie auch derb und in ihrem Handeln prall erscheinen, doch in ihrer abstrakten Schroffheit mehr rohen Holzbildern hnlich sehen, als sie der menschlich ausgearbeiteten, geistvollen Individualitt der Homerischen Helden und Frauen vergleichbar sind.
ββ) Ein zweites Hauptelement bilden die religisen mittelalterlichen Gedichte, welche sich die Geschichte Christi, der Maria, Apostel, Heiligen und Mrtyrer, das Weltgericht usw. zum Inhalt nehmen. Das in sich gediegenste und reichhaltigste Werk aber, das eigentliche Kunstepos des christlichen katholischen Mittelalters, der grte Stoff und das grte Gedicht ist in diesem Gebiete Dantes Gttliche Komdie. Zwar knnen wir auch dies streng, ja systematisch fast geregelte Gedicht nicht eine Epope im gewhnlichen Sinne des Worts nennen, denn hierzu fehlt eine auf der breiten Basis des Ganzen sich fortbewegende, individuell abgeschlossene Handlung; dennoch aber geht gerade diesem Epos die festeste Gliederung und Rundung am wenigsten ab. Statt einer besonderen Begebenheit hat es das ewige Handeln, den absoluten Endzweck, die gttliche Liebe in ihrem unvergnglichen Geschehen und ihren unabnderlichen Kreisen zum Gegenstande, die Hlle, das Fegefeuer, den Himmel zu seinem Lokal und senkt nun die lebendige Welt menschlichen Handelns und Leidens und nher der individuellen Taten und Schicksale in dies wechsellose Dasein hinein. Hier verschwindet alles Einzelne und Besondere menschlicher Interessen und Zwecke vor der absoluten Gre des Endzweckes und Ziels aller Dinge; zugleich aber steht das sonst Vergnglichste und Flchtigste der lebendigen Welt objektiv in seinem Innersten ergrndet, in seinem Wert und Unwert durch den hchsten Begriff, durch Gott gerichtet, vollstndig episch da. Denn wie die Individuen in ihrem Treiben und Leiden, ihren Absichten und ihrem Vollbringen waren, so sind sie hier fr immer, als eherne Bilder versteinert, hingestellt. In dieser Weise umfat das Gedicht die Totalitt des objektivsten Lebens: den ewigen Zustand der Hlle, der Luterung, des Paradieses; und auf diesen unzerstrbaren Grundlagen bewegen sich die Figuren der wirklichen Welt nach ihrem besonderen Charakter, oder vielmehr sie haben sich bewegt und sind nun mit ihrem Handeln und Sein in der ewigen Gerechtigkeit erstarrt und selber ewig. Wie die Homerischen Helden fr unsere Erinnerungen durch die Muse dauernd sind, so haben diese Charaktere ihren Zustand fr sich, fr ihre Individualitt hervorgebracht und sind nicht in unserer Vorstellung, sondern an sich selber ewig. Die Verewigung durch die Mnemosyne des Dichters gilt hier objektiv als das eigene Urteil Gottes, in dessen Namen der khnste Geist seiner Zeit die ganze Gegenwart und Vergangenheit verdammt oder seligspricht. - Diesem Charakter des fr sich schon fertigen Gegenstandes mu auch die Darstellung folgen. Sie kann nur eine Wanderung sein durch die ein fr allemal festen Gebiete, welche, obschon sie mit derselben Freiheit der Phantasie erfunden, ausgestattet und bevlkert sind, mit der Hesiod und Homer ihre Gtter bildeten, dennoch ein Gemlde und einen Bericht des selbst Gesehenen liefern sollen: energisch bewegt, doch plastisch in Qualen, starr, schreckensreich beleuchtet, doch durch Dantes eigenes Mitleid klagevoll ermigt in der Hlle; milder, aber noch voll und rund herausgearbeitet im Fegefeuer; lichtklar endlich und immer gestaltenlos, gedankenewiger im Paradiese. Das Altertum blickt zwar in diese Welt des katholischen Dichters herein, doch nur als Leitstern und Gefhrte menschlicher Weisheit und Bildung, denn wo es auf Lehre und Dogma ankommt, fhrt nur die Scholastik christlicher Theologie und Liebe das Wort.
γγ) Als ein drittes Hauptgebiet, in welchem sich die epische Poesie des Mittelalters bewegt, knnen wir das Rittertum angeben, sowohl in seinem weltlichen romantischen Inhalt der Liebesabenteuer und Ehrenkmpfe als auch in Verzweigung mit religisen Zwecken als Mystik der christlichen Ritterlichkeit. Die Handlungen und Begebenheiten, welche sich hier durchfhren, betreffen keine nationalen Interessen, sondern es sind Taten des Individuums, die nur das Subjekt als solches, wie ich es schon oben bei Gelegenheit des romantischen Rittertums geschildert habe, zum Inhalt gewinnen. Dadurch stehen die Individuen freilich in voller Selbstndigkeit auf freien Fen da und bilden innerhalb der zu prosaischer Ordnung noch nicht befestigten Weltumgebung ein neues Heroentum, das jedoch bei seinen teils religisphantastischen, teils nach der weltlichen Seite hin rein subjektiven und eingebildeten Interessen jener substantiellen Realitt entbehrt, auf deren Boden die griechischen Heroen vereint oder vereinzelt kmpfen, siegen oder untergehen. Zu wie mannigfach epischen Darstellungen deshalb auch dieser Inhalt Veranlassung gegeben hat, so fhrt doch die Abenteuerlichkeit der Situationen, Konflikte und Verwicklungen, welche aus solchem Stoffe hervorgehen knnen, einerseits mehr in eine romanzenartige Behandlung, so da die vielen einzelnen Aventren sich zu keiner strengeren Einheit zusammenflechten; andererseits zum Romanhaften, das sich jedoch hier noch nicht auf der Grundlage einer fest eingerichteten brgerlichen Ordnung und eines prosaischen Weltlaufs hinbewegt. Dennoch aber begngt sich die Phantasie nicht damit, ganz auerhalb der sonstigen Wirklichkeit sich ritterliche Heldenfiguren und Abenteuer zu erfinden, sondern knpft die Taten derselben an groe sagenhafte Mittelpunkte, hervorragende historische Personen, durchgreifende Kmpfe der Zeit und erhlt hiermit im allgemeinsten wenigstens eine Basis, wie sie fr das Epos unentbehrlich ist. Auch diese Grundlagen aber werden meistenteils ins Phantastische wieder herbergezogen und gewinnen nicht jene klar ausgefhrte objektive Anschaulichkeit, durch welche das Homerische Epos vor allen anderen sich auszeichnet. Auerdem fllt hier bei der hnlichkeit, in welcher Franzosen, Englnder, Deutsche und zum Teil auch Spanier dieselben Stoffe bearbeiten, relativ wenigstens das eigentlich Nationale fort, das bei den Indern, Persern, Griechen, Kelten usf. den festen epischen Kern des Inhaltes und der Darstellung ausmachte. - In bezug auf das Nhere jedoch kann ich mich hier nicht darauf einlassen, einzelne Werke zu charakterisieren und zu beurteilen, und will deshalb nur die greren Kreise angeben, in welchen sich dem Stoffe nach die wichtigsten dieser Ritterepopen hin und her bewegen. Eine erste Hauptgestalt gibt Karl der Groe mit seinen Pairs ab im Kampfe gegen die Sarazenen und Heiden. In diesem frnkischen Sagenkreise bildet das feudale Rittertum eine Hauptgrundlage und verzweigt sich mannigfaltig zu Gedichten, deren vornehmlichster Stoff die Taten irgendeines der zwlf Helden ausmachen, wie z. B. Rolands oder des Doolin von Mainz und anderer. Besonders in Frankreich whrend der Regierung Philipp Augusts wurden viele dieser Epopen gedichtet. - Ein zweiter Kreis von Sagen findet seinen Ursprung in England und hat die Taten des Knigs Arthur und der Tafelrunde zum Gegenstande. Sagengeschichte, englischnormannische Ritterlichkeit, Frauendienst, Vasallentreue mischen sich hier trbe und phantastisch mit allegorischer christlicher Mystik, indem ein Hauptzweck aller Rittertaten in der Aufsuchung des heiligen Grals besteht, eines Gefes mit dem heiligen Blute Christi, um welches sich die buntesten Gewebe von Abenteuern erzeugen, bis die ganze Genossenschaft zum Priester Johann nach Abessinien flchtet. Diese beiden Stoffe fanden ihre reichste Ausbildung besonders in Nordfrankreich, England und Deutschland. - Willkrlicher endlich, von geringerem Gehalt und mehr in bertreibungen ritterlicher Heldenschaft, in Feerei und fabelhaften Vorstellungen vom Morgenlande ergeht sich ein dritter Kreis von Rittergedichten, welche nach Portugal oder Spanien ihrer ersten Entstehung nach hindeuten und die weitlufige Familie der Amadis zu Haupthelden haben.
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*) Samuel Johnson, 1709-1784, englischer Schriftsteller
**) William Shaw, 1749-1831, englischer Gelehrter
***) James Macpherson, 1736-1796, schottischer Dichter