a. Das Prinzip der Tragdie, Komdie und des Dramas

Fr die Arten der epischen Poesie liegt der wesentliche Einteilungsgrund in dem Unterschiede, ob das in sich Substantielle, das zur epischen Darstellung kommt, in seiner Allgemeinheit ausgesprochen oder in Form objektiver Charaktere, Taten und Begebenheiten berichtet wird. Umgekehrt gliedert die Lyrik sich zu einem Stufengange verschiedener Ausdrucksweisen durch den Grad und die Art, in welcher der Inhalt mit der Subjektivitt, als deren Inneres derselbe sich kundgibt, loser oder fester verschlungen ist. Die dramatische Poesie endlich, welche Kollisionen von Zwecken und Charakteren sowie die notwendige Auflsung solch eines Kampfes zum Mittelpunkt macht, kann das Prinzip ihrer unterschiedenen Arten nur aus dem Verhltnisse herleiten, in welchem die Individuen zu ihrem Zwecke und dessen Inhalt stehen. Die Bestimmtheit dieses Verhltnisses nmlich ist auch das Entscheidende fr die besondere Weise des dramatischen Zwiespalts und Ausganges und gibt dadurch den wesentlichen Typus des ganzen Verlaufs in seiner lebendigen knstlerischen Darstellung ab. Als die Hauptpunkte, welche in Rcksicht hierauf in Betracht kommen, sind im allgemeinen diejenigen Momente hervorzuheben, deren Vermittlung das Wesentliche in jeder wahrhaften Handlung ausmacht: einerseits das der Substanz nach Tchtige, Groe, die Grundlage der weltlichen wirklichen Gttlichkeit als der echte und an und fr sich ewige Gehalt des individuellen Charakters und Zwecks; andererseits die Subjektivitt als solche in ihrer ungefessel-ten Selbstbestimmung und Freiheit. Das an und fr sich Wahrhafte erweist sich zwar in der dramatischen Poesie, in welcher Form sie auch immer das Handeln zur Erscheinung herausfhren mag, als das eigentlich Durchgreifende; die bestimmte Art aber, in welcher diese Wirksamkeit zur Anschauung kommt, erhlt eine unterschiedene, ja entgegengesetzte Gestalt, je nachdem in den Individuen, Handlungen und Konflikten die Seite des Substantiellen oder umgekehrt die Seite subjektiver Willkr, Torheit und Verkehrtheit als die bestimmende Form festgehalten ist.
Wir haben in dieser Beziehung das Prinzip fr folgende Arten durchzunehmen:
erstens fr die Tragdie ihrem substantiellen ursprnglichen Typus nach;
zweitens fr die Komdie, in welcher die Subjektivitt als solche in Wollen und Handeln sowie die uere Zuflligkeit sich zum Meister aller Verhltnisse und Zwecke macht;
drittens fr das Drama, Schauspiel im engeren Sinne des Worts, als Mittelstufe zwischen diesen beiden ersteren Arten.
α) Was zunchst die Tragdie angeht, so will ich an dieser Stelle nur kurz die allgemeinsten Grundbestimmungen erwhnen, deren konkretere Besonderung erst durch die Verschiedenheit der geschichtlichen Entwicklungsstufen kann zum Vorschein kommen.
αα) Den wahrhaften Inhalt des tragischen Handelns liefert fr die Zwecke, welche die tragischen Individuen ergreifen, der Kreis der im menschlichen Wollen substantiellen, fr sich selbst berechtigten Mchte: die Familienliebe der Gatten, der Eltern, Kinder, Geschwister; ebenso das Staatsleben, der Patriotismus der Brger, der Wille der Herrscher; ferner das kirchliche Dasein, jedoch nicht als eine auf Handlungen resignierende Frmmigkeit und als gttlicher Richterspruch in der Brust des Menschen ber das Gute und Bse beim Handeln, sondern im Gegenteil als ttiges Eingreifen und Frdern wirklicher Interessen und Verhltnisse. Von der hnlichen Tchtigkeit sind nun auch die echt tragischen Charaktere. Sie sind durchaus das, was sie ihrem Begriff gem sein knnen und mssen: nicht eine vielfache, episch auseinandergelegte Totalitt, sondern, wenn auch an sich selbst lebendig und individuell, doch nur die eine Macht dieses bestimmten Charakters, in welcher derselbe sich seiner Individualitt nach mit irgendeiner besonderen Seite jenes gediegenen Lebensinhalts untrennbar zusammengeschlossen hat und dafr einstehen will. In dieser Hhe, auf welcher die bloen Zuflligkeiten der unmittelbaren Individualitt verschwinden, sind die tragischen Helden der dramatischen Kunst, seien sie nun die lebendigen Reprsentanten substantieller Lebenssphren oder sonst schon durch freies Beruhen auf sich groe und feste Individuen, gleichsam zu Skulpturwerken hervorgehoben, und so erklren auch nach dieser Seite hin die an sich selbst abstrakteren Statuen und Gtterbilder die hohen tragischen Charaktere der Griechen besser als alle anderweitigen Erluterungen und Noten.
Im allgemeinen knnen wir deshalb sagen, das eigentliche Thema der ursprnglichen Tragdie sei das Gttliche; aber nicht das Gttliche, wie es den Inhalt des religisen Bewutseins als solchen ausmacht, sondern wie es in die Welt, in das individuelle Handeln eintritt, in dieser Wirklichkeit jedoch seinen substantiellen Charakter weder einbt, noch sich in das Gegenteil seiner umgewendet sieht. In dieser Form ist die geistige Substanz des Wollens und Vollbringens das Sittliche. Denn das Sittliche, wenn wir es in seiner unmittelbaren Gediegenheit und nicht nur vom Standpunkte der subjektiven Reflexion als das formell Moralische auffassen, ist das Gttliche in seiner weltlichen Realitt, das Substantielle, dessen ebenso besondere als wesentliche Seiten den bewegenden Inhalt fr die wahrhaft menschliche Handlung abgeben und im Handeln selbst dies ihr Wesen explizieren und wirklich machen.
ββ) Durch das Prinzip der Besonderung nun, dem alles unterworfen ist, was sich in die reale Objektivitt hinaustreibt, sind die sittlichen Mchte wie die handelnden Charaktere unterschieden in Rcksicht auf ihren Inhalt und ihre individuelle Erscheinung. Werden nun diese besonderen Gewalten, wie es die dramatische Poesie fordert, zur erscheinenden Ttigkeit aufgerufen und verwirklichen sie sich als bestimmter Zweck eines menschlichen Pathos, das zur Handlung bergeht, so ist ihr Einklang aufgehoben, und sie treten in wechselseitiger Abgeschlossenheit gegeneinander auf. Das individuelle Handeln will dann unter bestimmten Umstnden einen Zweck oder Charakter durchfhren, der unter diesen Voraussetzungen, weil er in seiner fr sich fertigen Bestimmtheit sich einseitig isoliert, notwendig das entgegengesetzte Pathos gegen sich aufreizt und dadurch unausweichliche Konflikte herbeileitet. Das ursprnglich Tragische besteht nun darin, da innerhalb solcher Kollision beide Seiten des Gegensatzes fr sich genommen Berechtigung haben, whrend sie andererseits dennoch den wahren positiven Gehalt ihres Zwecks und Charakters nur als Negation und Verletzung der anderen, gleichberechtigten Macht durchzubringen imstande sind und deshalb in ihrer Sittlichkeit und durch dieselbe ebensosehr in Schuld geraten.
Den allgemeinen Grund fr die Notwendigkeit dieser Konflikte habe ich soeben schon berhrt. Die sittliche Substanz ist als konkrete Einheit eine Totalitt unterschiedener Verhltnisse und Mchte, welche jedoch nur in tatlosem Zustande als selige Gtter das Werk des Geistes im Genu eines ungestrten Lebens vollbringen. Umgekehrt aber liegt es ebensosehr im Begriffe dieser Totalitt selbst, sich aus ihrer zunchst noch abstrakten Idealitt zur realen Wirklichkeit und weltlichen Erscheinung umzusetzen. Durch die Natur dieses Elementes nun ist es, da die bloe Unterschiedenheit, auf dem Boden bestimmter Umstnde von individuellen Charakteren ergriffen, sich zur Entgegensetzung und Kollision verkehren mu. So erst wird es wahrhaft Ernst mit jenen Gttern, welche nur im Olymp und Himmel der Phantasie und religisen Vorstellung in ihrer friedlichen Ruhe und Einheit verharren, wenn sie jetzt aber wirklich, als bestimmtes Pathos einer menschlichen Individualitt, zum Leben kommen, aller Berechtigung unerachtet durch ihre bestimmte Besonderheit und deren Gegensatz gegen anderes in Schuld und Unrecht fhren.
γγ) Hiermit ist jedoch ein unvermittelter Widerspruch gesetzt, der zwar zur Realitt heraustreten, sich jedoch in ihr nicht als das Substantielle und wahrhaft Wirkliche erhalten kann, sondern sein eigentliches Recht nur darin findet, da er sich als Widerspruch aufhebt. So berechtigt als der tragische Zweck und Charakter, so notwendig als die tragische Kollision ist daher drittens auch die tragische Lsung dieses Zwiespalts. Durch sie nmlich bt die ewige Gerechtigkeit sich an den Zwecken und Individuen in der Weise aus, da sie die sittliche Substanz und Einheit mit dem Untergange der ihre Ruhe strenden Individualitt herstellt. Denn obschon sich die Charaktere das in sich selbst Gltige vorsetzen, so knnen sie es tragisch dennoch nur in verletzender Einseitigkeit widersprechend ausfhren. Das wahrhaft Substantielle, das zur Wirklichkeit zu gelangen hat, ist aber nicht der Kampf der Besonderheiten, wie sehr derselbe auch im Begriffe der weltlichen Realitt und des menschlichen Handelns seinen wesentlichen Grund findet, sondern die Vershnung, in welcher sich die bestimmten Zwecke und Individuen ohne Verletzung und Gegensatz einklangsvoll bettigen. Was daher in dem tragischen Ausgange aufgehoben wird, ist nur die einseitige Besonderheit, welche sich dieser Harmonie nicht zu fgen vermocht hatte und sich nun in der Tragik ihres Handelns, kann sie von sich selbst und ihrem Vorhaben nicht ablassen, ihrer ganzen Totalitt nach dem Untergange preisgegeben oder sich wenigstens gentigt sieht, auf die Durchfhrung ihres Zwecks, wenn sie es vermag, zu resignieren. In dieser Rcksicht hat Aristoteles bekanntlich die wahrhafte Wirkung der Tragdie darein gesetzt, da sie Furcht und Mitleid erregen und reinigen solle. Unter dieser Behauptung verstand Aristoteles nicht die bloe Empfindung der Zustimmung oder Nichtzustimmung zu meiner Subjektivitt, das Angenehme oder Unangenehme, Ansprechende oder Abstoende, diese oberflchlichste aller Bestimmungen, die man erst in neuerer Zeit zum Prinzip des Beifalls und Mifallens hat machen wollen. Denn dem Kunstwerke darf es nur darauf ankommen, das zur Darstellung zu bringen, was der Vernunft und Wahrheit des Geistes zusagt, und um hierfr das Prinzip zu erforschen, ist es notwendig, sein Augenmerk auf ganz andere Gesichtspunkte zu richten. Auch bei diesem Ausspruch des Aristoteles mssen wir uns deshalb nicht an die bloe Empfindung der Furcht und des Mitleidens halten, sondern an das Prinzip des Inhalts, dessen kunstgeme Erscheinung diese Empfindungen reinigen soll. Frchten kann sich der Mensch einerseits vor der Macht des ueren und Endlichen, andererseits aber vor der Gewalt des Anundfrsichseienden. Was nun der Mensch wahrhaft zu frchten hat, ist nicht die uere Gewalt und deren Unterdrckung, sondern die sittliche Macht, die eine Bestimmung seiner eigenen freien Vernunft und zugleich das Ewige und Unverletzliche ist, das er, wenn er sich dagegen kehrt, gegen sich selber aufruft. Wie die Furcht hat auch das Mitleiden zweierlei Gegenstnde. Der erste betrifft die gewhnliche Rhrung, d. h. die Sympathie mit dem Unglck und Leiden anderer, das als etwas Endliches und Negatives empfunden wird. Mit solchem Bedauern sind besonders die kleinstdtischen Weiber gleich bei der Hand. Bemitleidet und bedauert will aber der edle und groe Mensch auf diese Weise nicht sein. Denn insofern nur die nichtige Seite, das Negative des Unglcks herausgehoben wird, liegt eine Herabsetzung des Unglcklichen darin. Das wahrhafte Mitleiden ist im Gegenteil die Sympathie mit der zugleich sittlichen Berechtigung des Leidenden, mit dem Affirmativen und Substantiellen, das in ihm vorhanden sein mu. Diese Art des Mitleidens knnen uns Lumpe und Schufte nicht einflen. Soll deshalb der tragische Charakter, wie er uns die Furcht vor der Macht der verletzten Sittlichkeit einflte, in seinem Unglck eine tragische Sympathie erwecken, so mu er in sich selbst gehaltvoll und tchtig sein. Denn nur ein wahrhafter Gehalt schlgt in die edle Menschenbrust ein und erschttert sie in ihren Tiefen. Daher drfen wir denn auch das Interesse fr den tragischen Ausgang nicht mit der einfltigen Befriedigung verwechseln, da eine traurige Geschichte, ein Unglck als Unglck, unsere Teilnahme in Anspruch nehmen soll. Dergleichen Klglichkeiten knnen dem Menschen ohne sein Dazutun und Schuld durch die bloen Konjunkturen der ueren Zuflligkeiten und relativen Umstnde, durch Krankheit, Verlust des Vermgens, Tod usw. zustoen, und das eigentliche Interesse, welches uns dabei ergreifen sollte, ist nur der Eifer, hinzuzueilen und zu helfen. Vermag man dies nicht, so sind die Gemlde des Jammers und Elends nur zerreiend. Ein wahrhaft tragisches Leiden hingegen wird ber die handelnden Individuen nur als Folge ihrer eigenen, ebenso berechtigten als durch ihre Kollision schuldvollen Tat verhngt, fr die sie auch mit ihrem ganzen Selbst einzustehen haben.
ber der bloen Furcht und tragischen Sympathie steht deshalb das Gefhl der Vershnung, das die Tragdie durch den Anblick der ewigen Gerechtigkeit gewhrt, welche in ihrem absoluten Walten durch die relative Berechtigung einseitiger Zwecke und Leidenschaften hindurchgreift, weil sie nicht dulden kann, da der Konflikt und Widerspruch der ihrem Begriffe nach einigen sittlichen Mchte in der wahrhaften Wirklichkeit sich siegreich durchsetze und Bestand erhalte.
Indem nun, diesem Prinzipe zufolge, das Tragische vornehmlich auf der Anschauung solch eines Konflikts und dessen Lsung beruht, so ist zugleich die dramatische Poesie, ihrer ganzen Darstellungsweise nach, allein befhigt, das Tragische in seinem totalen Umfange und Verlaufe zum Prinzip des Kunstwerks zu machen und vollstndig auszugestalten. Aus diesem Grunde habe ich auch jetzt erst von der tragischen Anschauungsweise zu sprechen Gelegenheit genommen, obschon sie, wenn zwar in geringerem Grade, ihre Wirksamkeit auch ber die anderen Knste vielfach ausdehnt.