
Heiliges Wissen, Kanon, Buchreligion
In jedem Fall aber tritt an die Priesterschaft die Aufgabe heran, die siegreiche neue Lehre oder die gegen prophetische Angriffe behauptete alte Lehre systematisch festzulegen, abzugrenzen, was als heilig gilt oder nicht, und dies dem Glauben der Laien einzuprgen, um ihre eigene Herrschaft zu sichern. Nicht immer ist es akute Gefhrdung durch eine direkt priesterfeindliche Prophetie, was diese in Indien besonders uralte Entwicklung in Flu bringt. Auch das bloe Interesse an der Sicherung der eigenen Stellung gegen mgliche Angriffe und die Notwendigkeit, die eigene bewhrte Praxis gegenber der Skepsis der Laien zu sichern, kann hnliche Ergebnisse herbeifhren. Wo immer aber diese Entwicklung einsetzt, zeitigt sie zwei Erscheinungen: kanonische Schriften und Dogmen. Beide freilich, namentlich die letzteren, in sehr verschiedenem Umfang. Kanonische Schriften enthalten die Offenbarungen und heiligen Traditionen selbst, Dogmen sind Priesterlehren ber den Sinn beider. Die Sammlung der religisen Offenbarung einer Prophetie oder umgekehrt des berlieferten Besitzes an heiligem Wissen kann in Form mndlicher Tradition geschehen. Lange Jahrhunderte hindurch ist das brahmanische heilige Wissen nur mndlich berliefert und die Schriftform direkt perhorresziert worden, was der literarischen Form jenes Wissens dauernd den Stempel aufgedrckt und im brigen auch die nicht ganz geringen Abweichungen der Texte der einzelnen khs (Schulen) bedingt hat. Der Grund war, da jenes Wissen nur der Qualifizierte, zweimal Geborene besitzen durfte. Es dem Unwiedergeborenen, kraft seiner Kaste Ausgeschlossenen (dem dra), mitzuteilen, war schwerer Frevel. Diesen Charakter des Geheimwissens hat die magische Kunstlehre im Zunftinteresse ursprnglich berall. Aber berall gibt es Bestandteile schon des Wissens der Zauberer, welche zum Gegenstand einer systematischen Erziehung gerade auch der brigen Volksgenossen gemacht wurden. Die Grundlage des ltesten, berall verbreiteten magischen Erziehungssystems ist die animistische Annahme: da ebenso wie der Magier selbst fr seine Kunst einer Wiedergeburt, des Besitzes einer neuen Seele bedrfe, so auch das Heldentum auf Charisma beruhe, daher geweckt, erprobt, durch magische Manipulationen in den Helden gebannt werden, da auch der Held zum Heldentum wiedergeboren werden msse. Die charismatische Erziehung in diesem Sinn, mit ihren Noviziaten, Mutproben, Torturen, Graden der Weihe und Wrde, ihrer Jnglingsweihe und Wehrhaftmachung ist eine in Rudimenten fast berall erhaltene universelle Institution aller kriegerischen Vergesellschaftung. Wenn aus den znftigen Zauberern in gleitendem bergang Priester werden, so hrt diese beraus wichtige Funktion der Laienerziehung nicht auf zu bestehen, und das Bestreben der Priesterschaft geht berall dahin, sie in der Hand zu behalten. Dabei schwindet das Geheimwissen als solches zunehmend, und aus der Priesterlehre wird eine literarisch fixierte Tradition, welche die Priesterschaft durch Dogmen interpretiert. Eine solche Buchreligion wird nun Grundlage eines Bildungssystems nicht nur fr die eigenen Angehrigen der Priesterschaft, sondern auch und gerade fr die Laien.
Nicht alle, aber die meisten kanonischen heiligen Sammlungen haben ihren Abschlu gegen profane oder doch religis unverbindliche Elaborate im Kampf zwischen mehreren um die Herrschaft in der Gemeinde konkurrierenden Gruppen und Prophetien empfangen. Wo ein solcher Kampf nicht bestand, oder doch den Inhalt der Tradition nicht bedrohte, ist daher die Kanonisation der Schriften formell oft sehr allmhlich erfolgt. So ist der jdische Kanon charakteristischerweise erst, und zwar vielleicht als Damm gegen apokalyptische Prophetien auf der Synode von Jamnia (90 n. Chr.) bald nach dem Untergang des theokratischen Staates, und auch da noch nur dem Prinzip nach beschlossen worden. Die Veden offenbar erst infolge des Gegensatzes gegen intellektuelle Heterodoxie. Der christliche Kanon infolge der Gefhrdung der auf die Frmmigkeit der Kleinbrgermassen aufgebauten Religiositt durch die intellektuelle Soteriologie der Gnostiker. Die alte buddhistische Intellektuellensoteriologie im Pli-Kanon umgekehrt infolge ihrer Gefhrdung durch die propagandistische volkstmliche Erlsungsreligion des Mahyna. Die klassischen Schriften des Konfuzianismus sind ebenso wie Esras Priestergesetz von der politischen Gewalt oktroyiert, empfingen aber eben deshalb auch, die ersteren gar nicht, die letzteren erst spt, die Qualitt eigentlicher Heiligkeit, welche stets Priesterwerk ist. Nur der Korn mute schon deshalb auf Befehl des Khalifen redigiert werden und war sofort heilig, weil fr den Halbanalphabeten Muhammed die Existenz eines heiligen Buchs als solchen als Merkmal des Prestiges einer Religion gegolten hatte. Dies hing mit verbreiteten Tabu-Vorstellungen ber die magische Bedeutung von Schrifturkunden zusammen, wie sie auch, schon lange vor Schlieung des Kanon, fr die Thora und die als authentisch geltenden prophetischen Schriften bestanden, durch deren Berhrung man sich die Hnde verunreinigte. Im einzelnen interessiert uns der Vorgang hier nicht. Ebenso nicht, was alles in kanonisierte heilige Schriften aufgenommen wird. Die magische Dignitt der Snger bedingte es, da in die Veden neben Heldenepen auch Spottlieder auf den trunkenen Indra und Gedichte allen mglichen Inhalts, in den alttestamentlichen Kanon ein Liebeslied, die persnliche Bedeutsamkeit aller uerungen der Propheten, da in den neutestamentlichen ein reiner Privatbrief des Paulus, in den Korn offenbar Sren ber hchst menschliche Familienverdrielichkeiten des Propheten hineingelangt sind. Die Schlieung eines Kanons pflegt durch die Theorie gedeckt zu werden, da eine bestimmte vergangene Epoche allein mit dem prophetischen Charisma gesegnet gewesen sei: so nach der rabbinischen Theorie die Zeit von Moses bis Alexander, nach der rmischen nur das apostolische Zeitalter. Darin spricht sich das Bewutsein des Gegensatzes prophetischer und priesterlicher Systematik im ganzen richtig aus. Ein Prophet ist Systematisator im Sinn der Vereinheitlichung der Beziehung des Menschen zur Welt aus letzten einheitlichen Wertpositionen heraus. Die Priesterschaft systematisiert den Gehalt der Prophetie oder der heiligen berlieferungen im Sinn kasuistisch-rationaler Gliederung und Adaptierung an die Denk- und Lebensgewohnheiten ihrer eigenen Schicht und der von ihr beherrschten Laien.
Das praktisch Wichtige an der Entwicklung einer Religiositt zur Buchreligion sei es im vollen Sinne des Worts: Gebundenheit an einen als heilig geltenden Kanon, sei es in dem abgeschwchten Sinn der Mageblichkeit schriftlich fixierter heiliger Normen, wie etwa im gyptischen Totenbuch, ist die Entwicklung der priesterlichen Erziehung von dem ltesten rein charismatischen Stadium hinweg zur literarischen Bildung. Je wichtiger die Schriftkunde fr die Fhrung auch rein weltlicher Geschfte wird, je mehr diese also den Charakter der brokratischen, nach Reglements und Akten prozedierenden Verwaltung annehmen, desto mehr gleitet die Erziehung auch der weltlichen Beamten und Gebildeten in die Hnde der schriftkundigen Priesterschaft hinber oder aber diese selbst besetzt wie in den Kanzleien des Mittelalters ihrerseits die auf Schriftlichkeit des Verfahrens beruhenden mter. In welchem Mae eines von beidem geschieht, hngt neben dem Grade der Brokratisierung der Verwaltung auch von dem Grade ab, in welchem andere Schichten, vor allem der Kriegsadel, ein eigenes Erziehungssystem entwickeln und in die eigenen Hnde nehmen. Von der Gabelung der Erziehungssysteme, welche daraus resultieren kann, ferner von der gnzlichen Unterdrckung oder Nichtentwicklung eines rein priesterlichen Erziehungssystems, welche die Folge von Machtlosigkeit der Priester oder vom Fehlen einer Prophetie oder einer Buchreligion sein kann, wird spter zu sprechen sein.