
Heilandsmythen und Soteriologien
II. Die Erlsung kann ferner vollbracht werden nicht durch eigene Werke welche dann als zu diesem Zweck vllig unzulnglich gelten , sondern durch Leistungen, die entweder ein begnadeter Heros oder geradezu ein inkarnierter Gott vollbracht hat und die seinen Anhngern als Gnade ex opere operato zugute kommen. Entweder als direkt magische Gnadenwirkungen oder indem aus dem berschu der durch Leistungen verdienten Gnaden des menschlichen oder gttlichen Heilandes Gnade gespendet wird.
Im Dienst dieser Art von Erlsung steht die Entwicklung der soteriologischen Mythen, vor allem der Mythen vom kmpfenden oder leidenden, vom menschwerdenden oder zur Erde niedersteigenden oder in das Totenreich hinabfahrenden Gott in seinen mannigfachen Formen. Statt eines Naturgottes, besonders eines Sonnengottes, der mit anderen Naturmchten, namentlich also mit Finsternis und Klte ringt und dessen Sieg den Frhling bringt, ersteht auf dem Boden der Erlsungsmythen ein Retter, der aus der Gewalt der Dmonen (wie Christus), oder aus der Verknechtung unter die astrologische Determiniertheit des Schicksals (die sieben Archonten der Gnostiker), oder, im Auftrag des verborgenen gndigen Gottes, aus der ihrer Anlage nach durch den minderwertigen Schpfungsgott (Demiurg oder Jehova) verderbten Welt (Gnosis), oder aus der hartherzigen Verstocktheit und Werkgerechtigkeit der Welt (Jesus) und der Bedrcktheit von dem durch das Wissen um die Verbindlichkeit ihrer unerfllbaren Gesetzesforderungen erst entstandenen Sndenbewutsein (Paulus, etwas anders auch Augustin, Luther) von der abgrundtiefen Verderbtheit der eigenen sndigen Natur (Augustin) den Menschen zur sicheren Geborgenheit in der Gnade und Liebe des gtigen Gottes fhrt. Der Heiland bekmpft dazu, je nach dem Charakter der Erlsung, Drachen und bse Dmonen, mu unter Umstnden, da er ihnen nicht alsbald gewachsen ist (er ist oft ein sndenreines Kind), erst im Verborgenen heranwachsen oder von den Feinden geschlachtet werden und in das Totenreich fahren, um von dort erst wieder siegreich aufzuerstehen. Daraus kann sich die Vorstellung entwickeln, da sein Tod ein Ablsungstribut fr das durch die Snde erworbene Anrecht des Teufels auf die Seele des Menschen sei (altchristlich). Oder umgekehrt: sein Tod ist das Mittel, den Zorn Gottes zu vershnen, bei dem er Frsprecher ist, wie Christus, Muhammed und andere Propheten und Heilande. Oder er bringt den Menschen, wie die alten Heilande der magischen Religionen, die verbotene Kenntnis des Feuers oder der technischen Knste oder der Schrift, so seinerseits die Kenntnis der Mittel, die Dmonen in der Welt oder auf dem Wege zum Himmel zu berwinden (Gnosis). Oder endlich seine entscheidende Leistung liegt nicht in seinem konkreten Kmpfen und Leiden, sondern in der letzten metaphysischen Wurzel des ganzen Vorgangs: in der Menschwerdung eines Gottes rein als solcher (Abschlu der hellenischen Erlsungsspekulation bei Athanasius) als dem einzigen Mittel, die Kluft zwischen Gott und aller Kreatur zu schlieen. Gottes Menschwerdung gab die Mglichkeit, den Menschen wesenhaften Anteil an Gott zu verschaffen, die Menschen zu Gttern werden zu lassen, heit es schon bei Irenus, und die nachathanasianische Philosophenformel: er habe durch Menschwerdung das Wesen (die platonische Idee) des Menschentums an sich genommen. zeigt die metaphysische Bedeutung des mooudios. Oder der Gott begngt sich nicht mit einem einmaligen Akt der Menschwerdung, sondern in Konsequenz der Ewigkeit der Welt, wie sie dem asiatischen Denken fast durchweg feststeht, inkarniert er sich in Zwischenrumen oder auch kontinuierlich aufs neue: so die Idee des Bodhisattva, konzipiert im mahynischen Buddhismus (einzelne Anknpfungen schon in gelegentlichen uerungen des Buddha selbst, in welchem der Glaube an die begrenzte Dauer seiner Lehre auf Erden hervorzutreten scheint). Der Bodhisattva wird dabei gelegentlich als das hhere Ideal gegenber dem Buddha hingestellt, weil er auf das nur exemplarisch bedeutsame eigene Eingehen in das Nirvna verzichtet zugunsten seiner universellen Funktion im Dienst der Menschen: auch hier also opfert sich der Erlser. Wie nun aber seinerzeit der Jesuskult den Erlsern der anderen konkurrierenden soteriologischen Kulte schon dadurch berlegen war, da hier der Heiland ein leibhaftiger, von den Aposteln persnlich als von den Toten auferstanden gesehener Mensch war, so ist die kontinuierlich leibhaftig lebende Gottesinkarnation im Dalai Lama das logische Schluglied jeder Inkarnationssoteriologie. Aber auch, wo der gttliche Gnadenspender als Inkarnation lebt, und erst recht, wo er nicht mehr kontinuierlich auf Erden weilt, bedarf es angebbarer Mittel fr die Masse der Glubigen, seiner Gnadengaben nun auch persnlich teilhaftig zu werden. Und diese Mittel erst entscheiden ber den Charakter der Religiositt, sind aber untereinander sehr mannigfaltig.