2. Zauberer Priester


Die soziologische Seite jener Scheidung aber ist die Entstehung eines Priestertums als etwas von den Zauberern zu Unterscheidendem. Der Gegensatz ist in der Realitt durchaus flssig, wie fast alle soziologischen Erscheinungen. Auch die Merkmale der begrifflichen Abgrenzung sind nicht eindeutig feststellbar. Man kann entsprechend der Scheidung von Kultus und Zauberei als Priester diejenigen berufsmigen Funktionre bezeichnen, welche durch Mittel der Verehrung die Gtter beeinflussen, im Gegensatz zu den Zauberern, welche Dmonen durch magische Mittel zwingen. Aber der Priesterbegriff zahlreicher groer Religionen, auch der christlichen, schliet gerade die magische Qualifikation ein. Oder man nennt Priester die Funktionre eines regelmigen organisierten stetigen Betriebs der Beeinflussung der Gtter, gegenber der individuellen Inanspruchnahme der Zauberer von Fall zu Fall. Der Gegensatz ist durch eine gleitende Skala von bergngen berbrckt, aber in seinen reinen Typen eindeutig, und man kann dann als Merkmal des Priestertums das Vorhandensein irgendwelcher fester Kultsttten, verbunden mit irgendwelchem sachlichen Kultapparat behandeln. Oder aber man behandelt als entscheidend fr den Priesterbegriff: da die Funktionre, sei es erblich oder individuell angestellt, im Dienst eines vergesellschafteten sozialen Verbandes, welcher Art immer er sei, ttig werden, also als dessen Angestellte oder Organe und lediglich im Interesse seiner Mitglieder, nicht wie die Zauberer, welche einen freien Beruf ausben. Auch dieser begrifflich klare Gegensatz ist natrlich in der Realitt flssig. Die Zauberer sind nicht selten zu einer festen Zunft, unter Umstnden zu einer erblichen Kaste, zusammengeschlossen, und diese kann innerhalb bestimmter Gemeinschaften das Monopol der Magie haben. Auch der katholische Priester ist nicht immer angestellt, sondern z.B. in Rom nicht selten ein armer Vagant, der von der Hand in den Mund von den einzelnen Messen lebt, deren Wahrnehmung er nachgeht. Oder man scheidet die Priester als die durch spezifisches Wissen und festgeregelte Lehre und Berufsqualifikation Befhigten von den kraft persnlicher Gaben (Charisma) und deren Bewhrung durch Wunder und persnliche Offenbarung Wirkenden, also einerseits den Zauberern, andererseits den Propheten. Aber die Scheidung zwischen den meist ebenfalls und zuweilen sehr hochgelernten Zauberern und den keineswegs immer besonders hochgelernt wirkenden Priestern ist dann nicht einfach. Der Unterschied mte qualitativ, in der Verschiedenheit des allgemeinen Charakters der Gelerntheit hier und dort gefunden werden. In der Tat werden wir spter (bei Errterung der Herrschaftsformen) die teils durch irrationale Mittel auf Wiedergeburt ausgehende Erweckungserziehung, teils auch eine rein empirische Kunstlehre darstellende Schulung der charismatischen Zauberer von der rationalen Vorbildung und Disziplin der Priester zu scheiden haben, obwohl in der Realitt auch hier beides gleitend ineinander bergeht. Nhme man aber dabei als Merkmal der Lehre als einer das Priestertum auszeichnenden Differenz die Entwicklung eines rationalen religisen Gedankensystems und, was fr uns vor allem wichtig ist, die Entwicklung einer systematisierten spezifisch religisen Ethik auf Grund einer zusammenhngenden, irgendwie festgelegten, als Offenbarung geltenden Lehre an, etwa so wie der Islm seine Unterscheidung von Buchreligionen und einfachem Heidentum machte, so wren nicht nur die japanischen Shintopriester, sondern z.B. auch die machtvollen Hierokratien der Phniker aus dem Begriff der Priesterschaft ausgeschlossen, und [es wre] eine allerdings grundlegend wichtige, aber nicht universelle Funktion des Priestertums zum Begriffsmerkmal gemacht.

Den verschiedenen, niemals glatt aufgehenden, Mglichkeiten der Unterscheidung wird es fr unsere Zwecke am meisten gerecht, wenn wir hier die Eingestelltheit eines gesonderten Personenkreises auf den regelmigen, an bestimmte Normen, Orte und Zeiten gebundenen und auf bestimmte Verbnde bezogenen Kultusbetrieb als wesentliches Merkmal festhalten. Es gibt kein Priestertum ohne Kultus, wohl aber Kultus ohne gesondertes Priestertum: so in China, wo ausschlielich die Staatsorgane und der Hausvater den Kultus der offiziell anerkannten Gtter und Ahnengeister besorgen. Unter den typisch reinen Zauberern andererseits gibt es zwar Noviziat und Lehre, wie etwa in der Bruderschaft der Hametzen bei den Indianern und hnliche in der ganzen Welt, welche zum Teil eine sehr starke Macht in Hnden haben und deren dem Wesen nach magische Feiern eine zentrale Stellung im Volksleben einnehmen, denen aber ein kontinuierliecher Kultusbetrieb fehlt und die wir deshalb nicht Priester nennen wollen. Sowohl beim priesterlosen Kultus aber wie beim kultlosen Zauberer fehlt regelmig eine Rationalisierung der metaphysischen Vorstellungen, ebenso wie eine spezifisch religise Ethik. Beides pflegt in voller Konsequenz nur eine selbstndige und auf dauernde Beschftigung mit dem Kultus und den Problemen praktischer Seelenleitung eingeschulte Berufspriesterschaft zu entwickeln. Die Ethik ist daher in der klassisch chinesischen Denkweise zu etwas ganz anderem als einer metaphysisch rationalisierten Religion entwickelt. Ebenso die Ethik des kultus- und priesterlosen alten Buddhismus. Und die Rationalisierung des religisen Lebens ist, wie spter zu errtern, berall da gebrochen oder ganz hintangehalten worden, wo das Priestertum es nicht zu einer eigenen stndischen Entwicklung und Machtstellung gebracht hat, wie in der mittellndischen Antike. Sie hat sehr eigenartige Wege da eingeschlagen, wo ein Stand ursprnglicher Zauberer und heiliger Snger die Magie rationalisierte, aber nicht eine eigentlich priesterliche Amtsverfassung entwikkelte, wie die Brahmanen in Indien. Aber nicht jede Priesterschaft entwickelt das der Magie gegenber prinzipiell Neue: eine rationale Metaphysik und religise Ethik. Dies setzt vielmehr der nicht ausnahmslosen Regel nach das Eingreifen auerpriesterlicher Mchte voraus. Einerseits eines Trgers von metaphysischen oder religis-ethischen Offenbarungen: des Propheten. Andererseits die Mitwirkung der nicht priesterlichen Anhnger eines Kultus: der Laien. Ehe wir die Art betrachten, wie durch die Einwirkung dieser auerpriesterlichen Faktoren die Religionen nach berwindung der berall auf der Erde sehr hnlichen Stufen der Magie fortentwickelt werden, mssen wir gewisse typische Entwicklungstendenzen feststellen, welche durch das Vorhandensein priesterlicher Interessenten eines Kultus in Bewegung gesetzt werden.


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Seite zuletzt aktualisiert: 25.10.2004 
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