
Monotheismus und Alltagsreligiositt
Wie je nach den natrlichen und sozialen Existenzbedingungen die Gttergestalten selbst, ebenso verschiedenartig sind die Chancen eines Gottes, den Primat im Pantheon oder schlielich das Monopol der Gttlichkeit fr sich zu erobern. Streng monotheistisch sind im Grunde nur das Judentum und der Islam. Sowohl der hinduistische wie der christliche Zustand des oder der hchsten gttlichen Wesen sind theologische Verhllungen der Tatsache, da ein sehr wichtiges und eigenartiges religises Interesse: die Erlsung durch die Menschwerdung eines Gottes, dem strikten Monotheismus im Wege stand. Vor allem hat nirgends der mit sehr verschiedener Konsequenz begangene Weg zum Monotheismus das Vorhandensein der Geisterwelt und der Dmonen dauernd ausgerottet auch nicht in der Reformation , sondern sie nur der bermacht des alleinigen Gottes, theoretisch wenigstens, unbedingt untergeordnet.
Praktisch aber kam und kommt es darauf an: wer innerhalb des Alltages strker in die Interessen des Einzelnen eingreift, ob der theoretisch hchste Gott oder die niederen Geister und Dmonen. Sind dies die letzteren, dann wird die Religiositt des Alltages durch die Beziehung zu ihnen vorwiegend bestimmt; ganz einerlei wie der offizielle Gottesbegriff der rationalisierten Religion aussieht. Wo ein politischer Lokalgott existiert, gert der Primat natrlich oft in dessen Hnde. Wenn sich dann innerhalb einer zur Lokalgtterbildung vorgeschrittenen Vielheit sehafter Gemeinschaften der Umkreis des politischen Verbandes durch Eroberung erweitert, so ist die regelmige Folge, da die verschiedenen Lokalgtter der verschmolzenen Gemeinschaften dann zu einer Gesamtheit vergesellschaftet werden. Innerhalb deren tritt ihre ursprngliche oder auch eine inzwischen durch neue Erfahrungen ber ihre spezielle Einflusphre bedingte, sachliche oder funktionelle Spezialisierung, in sehr verschiedener Schrfe, arbeitsteilig hervor. Der Lokalgott des grten Herrscher- oder Priestersitzes: der Marduk von Babel, der Ammon von Theben steigen dann zum Range grter Gtter auf, um mit dem etwaigen Sturz oder der Verlegung der Residenz oft auch wieder zu verschwinden, wie Assur mit dem Untergang des assyrischen Reichs. Denn wo einmal die politische Vergesellschaftung als solche als ein gottgeschtzter Verband gilt, da erscheint eine solche politische Einheit so lange als nicht gesichert, bis auch die Gtter der Einzelglieder mit einverleibt und vergesellschaftet, oft auch lokal synoikisiert sind: Was dem Altertum in dieser Hinsicht gelufig war, hat sich noch bei der berfhrung der groen Heiligenreliquien der Provinzialkathedralen in die Hauptstadt des geeinigten russischen Reiches wiederholt.
Die sonst mglichen Kombinationen der verschiedenen Prinzipien der Pantheon- und Primatbildung sind unermelich und die Gttergestalten meist ebenso labil in ihren Kompetenzen, wie die Beamten patrimonialer Gebilde. Die Kompetenzabgrenzung wird gekreuzt durch die Gepflogenheit des religisen Attachements an einen speziellen, jeweils besonders bewhrten Gott oder der Hflichkeit gegen den Gott, an den man sich gerade wendet, diesen als funktionell universell zu behandeln, ihm also alle mglichen, sonst an andere Gtter vergebenen Funktionen zuzumuten: den von Max Mller mit Unrecht als besondere Entwicklungsstufe angenommenen sog. Henotheismus. Fr die Primatbildung spielen rein rationale Momente stark mit. Wo immer ein erhebliches Ma von Festigkeit bestimmter Vorschriften irgendwelcher Art, besonders oft: stereotypierte religise Riten, in dieser ihrer Regelmigkeit besonders stark hervortritt und einem rationalen religisen Denken bewut wird, da pflegen diejenigen Gottheiten, welche am meisten feste Regeln in ihrem Verhalten zeigen, also die Himmels- und Gestirngtter, die Chance des Primats zu haben. In der Alltagsreligiositt spielen diese Gottheiten, welche sehr universelle Naturerscheinungen beeinflussen und daher der metaphysischen Spekulation als sehr gro, zuweilen selbst als Weltschpfer gelten, gerade weil diese Naturerscheinungen in ihrem Verlauf nicht allzu stark schwanken, folglich in der Praxis des Alltags nicht das praktische Bedrfnis erwecken, durch die Mittel der Zauberer und Priester beeinflut zu werden, meist keine erhebliche Rolle. Es kann ein Gott die ganze Religiositt eines Volkes magebend prgen (wie Osiris in gypten), wenn er einem besonders starken religisen in diesem Falle soteriologischen Interesse entspricht, ohne doch den Primat im Pantheon zu gewinnen. Die ratio fordert den Primat der universellen Gtter, und jede konsequente Pantheonbildung folgt in irgendeinem Mae auch systematisch-rationalen Prinzipien, weil sie stets mit unter dem Einflu entweder eines berufsmigen Priesterrationalismus oder des rationalen Ordnungsstrebens weltlicher Menschen steht. Und vor allem die schon frher erwhnte Verwandtschaft der rationalen Regelmigkeit des durch gttliche Ordnung verbrgten Laufs des Gestirnes mit der Unverbrchlichkeit der heiligen Ordnung auf Erden macht sie zu berufenen Htern dieser beiden Dinge, an welchen einerseits die rationale Wirtschaft und andererseits die gesicherte und geordnete Herrschaft der heiligen Normen in der sozialen Gemeinschaft hngen. Die Interessenten und Vertreter dieser heiligen Norm sind zunchst die Priester, und deshalb ist die Konkurrenz der Gestirngtter Varuna und Mitra, welche die heilige Ordnung schtzen, mit dem waffengewaltigen Gewittergott Indra, dem Drachentter, ein Symptom der Konkurrenz der nach fester Ordnung und ordnungsgemer Beherrschung des Lebens strebenden Priesterschaft mit der Macht des kriegerischen Adels, welchem der tatendurstige Heldengott und die ordnungsfremde Irrationalitt der Aventiure und des Verhngnisses adquate Beziehungen zu berirdischen Mchten sind. Wir werden diesen wichtigen Gegensatz noch mehrfach wirksam finden. Systematisierte heilige Ordnungen, wie sie eine Priesterschaft propagiert (Indien, Iran, Babel), und rational geordnete Untertanenbeziehungen, wie sie der Beamtenstaat schafft (China, Babel), dienen meist den himmlischen oder astralen Gottheiten zum Aufstieg im Pantheon. Wenn in Babel die Religiositt in steigender Eindeutigkeit in den Glauben an die Herrschaft der Gestirne, speziell der Planeten, ber alle Dinge, von den Wochentagen angefangen bis zum Jenseitsschicksal, und damit in den astrologischen Fatalismus ausmndet, so ist das freilich erst ein Produkt der spteren Priesterwissenschaft und der nationalen Religion des politisch freien Staates noch fremd. Ein Pantheon-Herrscher oder Pantheon- Gott ist an sich noch kein universeller, internationaler Weltgott. Aber natrlich ist er regelmig auf dem Wege dazu. Jedes entwickelte Denken ber die Gtter verlangt zunehmend, da die Existenz und Qualitt eines Wesens als Gott eindeutig feststehe, der Gott also in diesem Sinn universell sei. Auch die Weltweisen der Hellenen deuteten ja die Gottheiten ihres leidlich geordneten Pantheons in alle anderwrts vorgefundenen Gottheiten hinein. Die Tendenz jener Universalisierung steigert sich mit steigendem bergewicht des Pantheonherrschers: je mehr dieser also monotheistische Zge annimmt. Die Weltreichbildung in China, die Erstreckung des Priesterstandes der Brahmanen durch alle politischen Einzelbildungen hindurch in Indien, die persische und die rmische Weltreichbildung haben alle die Entstehung des Universalismus und Monotheismus in irgendwelchem Mae beide, wenn auch nicht immer beide gleichmig begnstigt, wenn auch mit hchst verschiedenem Erfolg.