Klassen- und Standesbedingtheit der Erlsungsreligiositt


Ihren ersten Ursprung kann eine Erlsungsreligiositt sehr wohl innerhalb sozial privilegierter Schichten nehmen. Das Charisma des Propheten ist an stndische Zugehrigkeit nicht gebunden, ja es ist durchaus normalerweise an ein gewisses Minimum auch intellektueller Kultur gebunden. Die spezifischen Intellektuellenprophetien beweisen beides hinlnglich. Aber sie wandelt dann ihren Charakter regelmig, sobald sie auf die nicht spezifisch und berufsmig den Intellektualismus als solchen pflegenden Laienkreise, noch mehr, wenn sie auf diejenigen negativ privilegierten Schichten bergreift, denen der Intellektualismus konomisch und sozial unzugnglich ist. Und zwar lt sich wenigstens ein normaler Grundzug dieser Wandlung, eines Produkts der unvermeidlichen Anpassung an die Bedrfnisse der Massen, allgemein bezeichnen: das Hervortreten des persnlichen, gttlichen oder menschlich-gttlichen Erlsers als des Trgers, der religisen Beziehungen zu ihm als der Bedingung des Heils. Als eine Art der Adaptierung der Religiositt an die Massenbedrfnisse lernten wir schon die Umformung kultischer Religiositt zur reinen Zauberei kennen. Die Heilandsreligiositt ist eine zweite typische Form und natrlich mit der rein magischen Umformung durch die mannigfachsten bergnge verbunden. Je weiter man auf der sozialen Stufenleiter nach unten gelangt, desto radikalere Formen pflegt das Heilandsbedrfnis, wenn es einmal auftritt, anzunehmen. Die indischen Kartbhajas, eine vishnuitische Sekte, welche mit der, vielen Erlsungslehren theoretisch eigenen, Sprengung des Kastentabu am meisten Ernst gemacht und z.B. wenigstens eine begrenzte, auch private (nicht nur rein kultische) Tischgemeinschaft ihrer Angehrigen hergestellt hat, infolge davon aber auch wesentlich eine Sekte der kleinen Leute ist, treiben zugleich die anthropolatrische Verehrung ihres erblichen Guru am weitesten und bis zur Ausschlielichkeit dieses Kults. Und hnliches wiederholt sich bei anderen, vornehmlich aus den sozial untersten Schichten rekrutierten oder durch sie beeinfluten Religiositten. Die bertragung von Erlsungslehren auf die Massen lt fast jedesmal den persnlichen Heiland entstehen oder strker hervortreten. Der Ersatz des Buddhaideals, d.h. der exemplarischen Intellektuellenerlsung in das Nirvna, durch das Bodhisattvaideal, zugunsten eines zur Erde niedersteigenden Heilands, der auf das eigene Eingehen in das Nirvna verzichtet, um die Mitmenschen zu erlsen, ebenso das Aufkommen der durch die Menschwerdung des Gottes vermittelten Erlsergnade in den hinduistischen Volksreligionen, vor allem im Vishnuismus, und der Sieg dieser Soteriologie und ihrer magischen Sakramentsgnade sowohl ber die vornehme atheistische Erlsung der Buddhisten, wie ber den alten, an die vedische Bildung gebundenen Ritualismus, sind Erscheinungen, die sich, nur in verschiedener Abwandlung, auch sonst finden. berall uert sich das religise Bedrfnis des mittleren und kleineren Brgertums in emotionalerer, speziell in einer zur Innigkeit und Erbaulichkeit neigenden Legende statt der Heldenmythen bildenden Form. Sie entspricht der Befriedung und strkeren Bedeutung des Haus- und Familienlebens gegenber den Herrenschichten. Das Aufkommen der gottinnigen Bhakti Frmmigkeit in allen indischen Kulten, in der Schaffung der Bodhisattvafigur so gut wie in den Krishnakulten, die Popularitt der erbaulichen Mythen vom Dionysoskinde, vom Osiris, vom Christkind und ihre zahlreichen Verwandten, gehren alle dieser brgerlichen Wendung der Religiositt ins Genrehafte an. Das Auftreten des Brgertums als einer, die Art der Frmmigkeit mitbestimmenden Macht unter dem Einflu des Bettelmnchtums bedeutet zugleich die Verdrngung der vornehmen Theotkos der imperialischen Kunst [des] Nicola Pisano durch das Genrebild der heiligen Familie, wie es sein Sohn schuf, ganz wie das Krishnakind in Indien der Liebling der volkstmlichen Kulte ist. Wie die Magie, so ist der soteriologische Mythos und sein menschgewordener Gott oder gottgewordener Heiland eine spezifisch volkstmliche und daher an den verschiedensten Stellen spontan entstandene religise Konzeption. Die unpersnliche, bergttliche ethische Ordnung des Kosmos und die exemplarische Erlsung ist dagegen ein der spezifisch unvolkstmlichen, ethisch rationalen Laienbildung adquater Intellektuellengedanke. Das gleiche gilt aber fr den absolut berweltlichen Gott. Mit Ausnahme des Judentums und des Protestantismus haben alle Religionen und religisen Ethiken ohne Ausnahme den Heiligen- oder Heroen- oder Funktionsgtterkult bei ihrer Adaptierung an die Massenbedrfnisse wieder aufnehmen mssen. Der Konfuzianismus lt ihn in Gestalt des taoistischen Pantheons neben sich bestehen, der popularisierte Buddhismus duldet die Gottheiten der Lnder seiner Verbreitung als dem Buddha untergeordnete Kultempfnger, Islm und Katholizismus haben Lokalgtter, Funktionsgtter und Berufsgtter als Heilige, denen die eigentliche Devotion des Alltags bei den Massen gilt, rezipieren mssen.

Der Religiositt der negativ Privilegierten ist ferner, im Gegensatz zu den vornehmen Kulten des kriegerischen Adels, die gleichberechtigte Heranziehung der Frauen eigen. Der hchst verschieden abgestufte Grad der Zulassung und mehr oder minder aktiven oder passiven Beteiligung oder des Ausschlusses der Frauen von den religisen Kulten ist wohl berall Funktion des Grades der (gegenwrtigen oder frheren) relativen Befriedung oder Militarisierung. Dabei besagt natrlich die Existenz von Priesterinnen, die Verehrung von Wahrsagerinnen oder Zauberinnen, kurz die uerste Devotion gegen individuelle Frauen, denen bernatrliche Krfte und Charismata zugetraut wurden, nicht das geringste fr eine kultische Gleichstellung der Frauen als solcher. Und umgekehrt kann die prinzipielle Gleichstellung in der Beziehung zum Gttlichen, wie sie im Christentum und Judentum, in geringerer Konsequenz im Islm und offiziellen Buddhismus besteht, mit vlliger Monopolisierung der Priesterfunktion und des Rechts zum aktiven Mitbestimmungsrecht in Gemeindeangelegenheiten durch die allein zur speziellen Berufsvorbildung zugelassenen oder qualifiziert gehaltenen Mnner zusammen bestehen, wie dies tatschlich in jenen Religionen der Fall ist. Die groe Empfnglichkeit der Frauen fr alle nicht exklusiv militrisch oder politisch orientierte religise Prophetie tritt in den unbefangen freien Beziehungen fast aller Propheten, des Buddha ebenso wie des Christus und etwa des Pythagoras, deutlich hervor. Hchst selten aber behauptet sie sich ber diejenige erste Epoche der Gemeinde hinaus, in welcher die pneumatischen Charismata als Merkmale spezifischer religiser Erhebung geschtzt werden. Dann tritt, mit Veralltglichung und Reglementierung der Gemeindeverhltnisse, stets ein Rckschlag gegen die nun als ordnungswidrig und krankhaft empfundenen pneumatischen Erscheinungen bei den Frauen ein. So schon bei Paulus. Vollends jede politisch- militrische Prophetie wie der Islm wendet sich an die Mnner allein. Und oft tritt der Kult eines kriegerischen Geistes (so im indischen Archipel des Duk-Duk und sonst oft hnlicher periodischer Epiphanien eines Helden-Numen) ganz direkt in den Dienst der Domestikation und regelrechten Ausplnderung der Frauenhaushalte durch die kasino- oder klubartig vergesellschafteten Insassen des Kriegerhauses. berall, wo die asketische Kriegererziehung mit ihrer Wiedergeburt des Helden herrscht oder geherrscht hat, gilt die Frau als der hheren, heldischen Seele entbehrend und ist dadurch religis deklassiert. So in den meisten vornehmen oder spezifisch militaristischen Kultgemeinschaften. Von den offiziellen chinesischen, ebenso wie von den rmischen und den brahmanischen Kulten ist die Frau gnzlich ausgeschlossen, und auch die buddhistische Intellektuellenreligiositt ist nicht feministisch; selbst in der Merowingerzeit konnten christliche Synoden die Gleichwertigkeit der Seele der Frau bezweifeln. Dagegen haben die spezifischen Kulte des Hinduismus sowohl wie ein Teil der chinesischen buddhistisch-taoistischen Sekten und im Okzident vor allem das alte Christentum, wie spter die pneumatischen und pazifistischen Sekten in Ost- und Westeuropa gleichmig ihre propagandistische Kraft aus der Heranziehung und Gleichstellung der Frauen gezogen. Auch in Hellas hatte der Dionysoskult bei seinem ersten Auftreten ein dort sonst ganz unerhrtes Ma von Emanzipation der an den Orgien beteiligten Frauen von aller Konvention mit sich gebracht, eine Freiheit, die freilich je lnger je mehr knstlerisch und zeremoniell stilisiert und reglementiert und damit gebunden, insbesondere auf Prozessionen und einzelne andere Festakte in den verschiedenen Kulten beschrnkt wurde und so schlielich in ihrer praktischen Bedeutung gnzlich schwand. Der gewaltige Vorsprung der christlichen Propaganda innerhalb der kleinbrgerlichen Schichten gegenber ihrem wichtigsten Konkurrenten: der Mithrasreligion, war, da dieser extrem maskuline Kult die Frauen ausschlo. In einer Zeit universeller Befriedung ntigte dies seine Bekenner dazu, fr ihre Frauen einen Ersatz in anderen Mysterien, z.B. denen der Kybele, zu suchen und zerstrte so von vornherein die Einheitlichkeit und Universalitt der Religionsgemeinschaft selbst innerhalb der einzelnen Familien, in starkem Kontrast gegen das Christentum. Im Prinzip nicht ganz so, aber im Effekt vielfach hnlich stand es mit allen eigentlichen Intellektuellenkulten gnostischer, manichischer und hnlicher Art. Keineswegs alle Religionen der Bruder- und Feindesliebe sind zu dieser Geltung durch Fraueneinflu gelangt oder feministischen Charakters: die indische Ahimsreligiositt z.B. absolut nicht. Der Fraueneinflu pflegt nur die emotionellen, hysterisch bedingten Seiten der Religiositt zu steigern. So in Indien. Aber es ist gewi nicht gleichgltig, da die Erlsungsreligiositt die unmilitrischen und antimilitrischen Tugenden zu verklren pflegt, wie dies negativ privilegierten Schichten und Frauen naheliegen mu.

Die speziellere Bedeutung der Erlsungsreligiositt fr die politisch und konomisch negativ privilegierten Schichten im Gegensatz zu den positiv privilegierten lt sich nun unter noch einige allgemeinere Gesichtspunkte bringen. Wir werden bei Errterung der Stnde und Klassen noch davon zu reden haben, da das Wrdegefhl der hchstprivilegierten (und nicht priesterlichen) Schichten, speziell des Adels, die Vornehmheit also, auf dem Bewutsein der Vollendung ihrer Lebensfhrung als eines Ausdrucks ihres qualitativen, in sich beruhenden, nicht ber sich hinausweisenden Seins ruht und, der Natur der Sache nach, ruhen kann, jedes Wrdegefhl negativ Privilegierter dagegen auf einer ihnen verbrgten Verheiung, die an eine ihnen zugewiesene Funktion, Mission, Beruf geknpft ist. Was sie zu sein nicht prtendieren knnen, ergnzen sie entweder durch die Wrde dessen, was sie einst sein werden, zu sein berufen sind, in einem Zukunftsleben im Diesseits oder Jenseits, oder (und meist zugleich) durch das, was sie, providentiell angesehen, bedeuten und leisten. Der Hunger nach einer ihnen, so wie sie und so wie die Welt sind, nicht zugefallenen Wrde schafft diese Konzeption, aus welcher die rationalistische Idee einer Vorsehung, einer Bedeutsamkeit vor einer gttlichen Instanz mit anderer Rangordnung der Wrde entspringt.

Nach auen, gegen die anderer Schichten gewendet, ergibt diese innere Lage noch einige charakteristische Gegenstze dessen, was Religionen den verschiedenen sozialen Schichten leisten muten. Jedes Erlsungsbedrfnis ist Ausdruck einer Not, und soziale oder konomische Gedrcktheit ist daher zwar keineswegs die ausschlieliche, aber naturgem eine sehr wirksame Quelle seiner Entstehung. Sozial und konomisch positiv privilegierte Schichten empfinden unter sonst gleichen Umstnden das Erlsungsbedrfnis von sich aus kaum. Sie schieben vielmehr der Religion in erster Linie die Rolle zu, ihre eigene Lebensfhrung und Lebenslage zu legitimieren. Diese hchst universelle Erscheinung wurzelt in ganz allgemeinen inneren Konstellationen. Da ein Mensch im Glck dem minder Glcklichen gegenber sich nicht mit der Tatsache jenes Glcks begngt, sondern berdies auch noch das Recht seines Glcks haben will, das Bewutsein also, es im Gegensatz zu dem minder Glcklichen verdient zu haben whrend dieser sein Unglck irgendwie verdient haben mu , dieses seelische Komfortbedrfnis nach der Legitimitt des Glckes lehrt jede Alltagserfahrung kennen, mag es sich um politische Schicksale, um Unterschiede der konomischen Lage, der krperlichen Gesundheit, um Glck in der erotischen Konkurrenz oder um was immer handeln. Die Legitimierung in diesem innerlichen Sinne ist das, was die positiv Privilegierten innerlich von der Religion verlangen, wenn berhaupt irgend etwas. Nicht jede positiv privilegierte Schicht hat dies Bedrfnis in gleichem Mae. Gerade dem kriegerischen Heldentum sind die Gtter Wesen, denen der Neid nicht fremd ist. Solon und die altjdische Weisheit sind ber die Gefahr gerade der hohen Stellung einig. Trotz der Gtter, nicht durch die Gtter, oft gegen sie, behauptet der Held seine beralltgliche Stellung. Die homerische und ein Teil der alten indischen Epik steht darin in charakteristischem Gegensatz sowohl gegen die brokratisch-chinesische, wie gegen die priesterlich-jdische Chronistik, da in dieser die Legitimitt des Glckes, als Lohn Gott wohlgeflliger Tugenden, so auerordentlich viel strker ausgeprgt ist. Andererseits ist der Zusammenhang von Unglck mit dem Zorn und Neid von Dmonen oder Gttern ganz universell verbreitet. Wie fast jede Volksreligiositt, die altjdische ebenso wie ganz besonders nachdrcklich z.B. noch die moderne chinesische, krperliche Gebrechen als Zeichen, je nachdem magischer oder sittlicher Versndigung ihres Trgers oder (im Judentum) seiner Vorfahren behandelt, und wie z.B. bei den gemeinsamen Opfern der politischen Verbnde der mit solchen Gebrechen Behaftete oder sonst von Schicksalsschlgen Heimgesuchte, weil er mit dem Zorn des Gottes beladen ist, vor dessen Angesicht im Kreise der Glcklichen und also Gottgeflligen nicht mit erscheinen darf, so gilt fast jeder ethischen Religiositt der positiv privilegierten Schichten und der ihnen dienstbaren Priester die positiv oder negativ privilegierte soziale Lage des Einzelnen als religis irgendwie verdient, und nur die Formen der Legitimierung der Glckslage wechseln.

Entgegengesetzt entsprechend ist die Lage der negativ Privilegierten. Ihr spezifisches Bedrfnis ist Erlsung vom Leiden. Sie empfinden dies Erlsungsbedrfnis nicht immer in religiser Form, so z.B. nicht das moderne Proletariat. Und ihr religises Erlsungsbedrfnis kann, wo es besteht, verschiedene Wege einschlagen. Vor allem kann es sich in sehr verschieden ausgeprgter Art mit dem Bedrfnis nach gerechter Vergeltung paaren, Vergeltung von eigenen guten Werken und Vergeltung von fremder Ungerechtigkeit. Nchst der Magie und verbunden mit ihr ist daher eine meist ziemlich rechenhafte Vergeltungserwartung und Vergeltungshoffnung die verbreitetste Form des Massenglaubens auf der ganzen Erde und sind auch Prophetien, welche ihrerseits wenigstens die mechanischen Formen dieses Glaubens ablehnten, bei ihrer Popularisierung und Veralltglichung immer wieder dahin umgedeutet worden. Art und Grad der Vergeltungs- und Erlsungshoffnung aber wirken hchst verschieden je nach der Art der durch religise Verheiung erweckten Erwartungen, und zwar gerade dann, wenn diese aus dem irdischen Leben des Einzelnen heraus in eine jenseits seiner jetzigen Existenz liegende Zukunft projiziert werden. Ein besonders wichtiges Beispiel fr die Bedeutung des Inhalts der religisen Verheiungen stellt die (exilische und nachexilische) Religiositt des Judentums dar.


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