3. Individualitt der idealen Skulpturgestalten


Wir haben bis jetzt das Skulpturideal sowohl in seinem allgemeinen Charakter als auch nach den nheren Formen seiner besonderen Unterschiede betrachtet. Drittens bleibt uns jetzt nur noch herauszuheben brig, da die Ideale der Skulptur, insofern sie ihrem Inhalte nach in sich substantielle Individualitten, ihrer Gestalt nach die menschliche Krperform darzustellen haben, auch zur unterscheidbaren Besonderheit der Erscheinung fortgehen mssen und deshalb einen Kreis besonderer Individuen bilden, wie wir ihn schon aus der klassischen Kunstform her als den Kreis der griechischen Gtter kennen. Man knnte sich zwar vorstellen, es drfe nur eine hchste Schnheit und Vollendung geben, welche sich nun auch in ihrer ganzen Vollstndigkeit in einer Statue konzentrieren lasse, aber diese Vorstellung von einem Ideal als solchem ist schlechthin abgeschmackt und tricht. Denn die Schnheit des Ideals besteht eben darin, da sie keine blo allgemeine Norm ist, sondern wesentlich Individualitt und deshalb auch Besonderheit und Charakter hat. Dadurch allein kommt erst Lebendigkeit in die Skulpturwerke hinein und erweitert die eine abstrakte Schnheit zu einer Totalitt in sich selbst bestimmter Gestalten. Im ganzen jedoch ist dieser Kreis seinem Gehalt nach beschrnkt, indem eine Menge von Kategorien, die wir z. B. in unserer christlichen Anschauung zu gebrauchen gewohnt sind, wenn wir den Ausdruck menschlicher und gttlicher Eigenschaften darstellen wollen, beim eigentlichen Ideal der Skulptur fortfallen. So haben z. B. die moralischen Gesinnungen und Tugenden, wie das Mittelalter und die moderne Welt sie zu einem in jeder Epoche wieder modifizierten Pflichtenkreis zusammenstellten, bei den idealen Gttern der Skulptur keinen Sinn und sind fr diese Gtter nicht vorhanden. Wir drfen deswegen die Darstellung der Aufopferung, des besiegten Eigennutzes, den Kampf gegen das Sinnliche, den Sieg der Keuschheit usf. hier ebensowenig erwarten als den Ausdruck der Liebesinnigkeit, der unwandelbaren Treue, der mnnlichen weiblichen Ehre und Ehrbarkeit oder den Ausdruck religiser Demut, Unterwerfung und Beseligung in Gott. Denn alle diese Tugenden, Eigenschaften und Zustnde beruhen teils auf dem Bruch des Geistigen und Leiblichen, teils gehen sie ber das Leibliche hinaus in die bloe Innigkeit des Gemts zurck oder zeigen die einzelne Subjektivitt in der Trennung von seiner an und fr sich seienden Substanz sowie im Streben der Wiedervermittlung mit derselben. Ferner ist der Kreis dieser eigentlichen Gtter der Skulptur zwar eine Totalitt, doch, wie wir schon bei Betrachtung der klassischen Kunstform sahen, kein nach Begriffsunterschieden streng zu gliederndes Ganzes. Dennoch sind die einzelnen Gestalten jede von der anderen als in sich abgeschlossene bestimmte Individuen zu unterscheiden, obgleich sie nicht durch abstrakt ausgeprgte Charakterzge auseinandertreten, sondern im Gegenteil viel Gemeinsames in Rcksicht auf ihre Idealitt und Gttlichkeit behalten.

Die nheren Unterschiede nun knnen wir nach folgenden Gesichtspunkten durchgehen:

Erstens kommen blo uere Kennzeichen, beihergestellte Attribute, Art der Kleidung, Bewaffnung und dergleichen in Betracht, Abzeichen, in deren bestimmterer Angabe Winckelmann besonders weitlufig gewesen ist.

Zweitens aber liegen die Hauptunterschiede nicht nur in so uerlichen Merkmalen und Zgen, sondern in dem individuellen Bau und Habitus der ganzen Gestalt. Das Wesentlichste in dieser Rcksicht ist der Unterschied des Alters, Geschlechts sowie der verschiedenen Kreise, aus welchen die Bildwerke ihren Inhalt und ihre Form nehmen, indem von den Gttern zu Heroen, Satyrn, Faunen, Portrtstatuen fortgegangen wird und die Darstellung sich endlich auch zur Auffassung tierischer Bildungen verliert.

Drittens endlich wollen wir einen Blick auf die einzelnen Gestalten werfen, zu deren individueller Form die Skulptur jene allgemeineren Unterschiede verarbeitet. Hier vornehmlich ist es das breiteste Detail, das sich aufdrngt und uns Einzelnes, das sich berdies vielfach ins Empirische verluft, mehr nur beispielsweise anzufhren erlaubt.



Inhalt:


a. Attribute, Waffen, Putz usf.
b. Unterschiede des Alters, Geschlechts, der Gtter, Heroen, Menschen, Tiere
c. Darstellung der einzelnen Gtter


 © textlog.de 2004 06.09.2026 12:45:36
Seite zuletzt aktualisiert: 14.09.2004 
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