
2. Die schne Skulpturgestalt
Bei solch einem Inhalte nun fragt es sich zweitens nach den Formen der leiblichen Gestalt, welche berufen sind, denselben auszuprgen.
Wie bei der klassischen Architektur das Haus gleichsam das vorgefundene anatomische Knochengerst ist, das die Kunst nher zu formieren hat, so findet die Skulptur ihrerseits die menschliche Gestalt als den Grundtypus fr ihre Gebilde vor. Ist nun aber das Haus selber schon eine menschliche, wenn auch noch nicht knstlerische Erfindung, so erscheint dagegen die Struktur der menschlichen Gestalt als ein vom Menschen unabhngiges Naturprodukt. Der Grundtypus ist deshalb der Skulptur gegeben und nicht von ihr ausgesonnen. Da die menschliche Gestalt der Natur angehre, ist jedoch ein sehr unbestimmter Ausdruck, ber den wir uns nher verstndigen mssen.
In der Natur ist es die Idee, welche sich, wie wir schon beim Naturschnen sahen, ihr erstes unmittelbares Dasein gibt und in der tierischen Lebendigkeit und deren vollstndigem Organismus die ihr geme Naturexistenz erhlt. So ist also die Organisation des tierischen Krpers ein Erzeugnis des in sich totalen Begriffs, der in diesem leiblichen Dasein als die Seele existiert, doch als bloe tierische Lebendigkeit den tierischen Krper zu hchst mannigfaltiger Besonderheit modifiziert, wenn auch jeder bestimmte Typus immer durch den Begriff geregelt bleibt. Da nun aber der Begriff und die leibliche Gestalt, oder nher, da Seele und Leib einander entsprechen, dies zu begreifen ist die Sache der Naturphilosophie. In ihr wre zu zeigen, da die verschiedenen Systeme des animalischen Krpers in ihrer inneren Struktur und Gestalt wie in ihrem Zusammenhange miteinander und die bestimmteren Organe, zu denen sich das leibliche Dasein unterscheidet, mit den Begriffsmomenten zusammenstimmen, so da klarwrde, inwiefern es nur die notwendigen besonderen Seiten der Seele selbst sind, welche hier real werden. Dies Zusammenstimmen jedoch zu erweisen ist unseres Amtes an dieser Stelle nicht.
Die menschliche Gestalt nun aber ist nicht wie die tierische die Leiblichkeit nur der Seele, sondern des Geistes. Geist und Seele nmlich sind wesentlich zu unterscheiden. Denn die Seele ist nur dieses ideelle einfache Frsichsein des Leiblichen als Leiblichen, der Geist aber das Frsichsein des bewuten und selbstbewuten Lebens mit allen Empfindungen, Vorstellungen und Zwecken dieses bewuten Daseins. Bei diesem enormen Unterschiede von blo tierischer Lebendigkeit und von geistigem Bewutsein kann es befremdlich erscheinen, da sich die geistige Leiblichkeit, der menschliche Krper, dennoch dem tierischen so homogen erweist. Der Verwunderung ber solche Gleichartigkeit knnen wir dadurch begegnen, da wir an die Bestimmung erinnern, welche den Geist, seinem eigenen Begriffe nach, sich entschlieen lt, lebendig und an sich selbst deshalb zugleich Seele und Naturexistenz zu sein. Als lebendige Seele nun gibt sich die Geistigkeit durch denselben Begriff, welcher der tierischen Seele innewohnt, einen Krper, der, dem Grundcharakter nach, dem lebendigen tierischen Organismus berhaupt gleichkommt. Wie hoch deshalb der Geist auch ber dem blo Lebendigen steht, so macht er sich doch seinen Leib, welcher mit dem tierischen durch ein und denselben Begriff gegliedert und beseelt erscheint. Indem nun aber ferner der Geist nicht nur die daseiende Idee, die Idee als Natrlichkeit und tierisches Leben ist, sondern die Idee, die fr sich selbst in ihrem eigenen freien Elemente des Inneren als Idee ist, so erarbeitet sich die Geistigkeit auch jenseits des sinnlich Lebendigen ihre eigentmliche Objektivitt - die Wissenschaft, die keine andere Realitt als die des Denkens selber an ihr hat. Auer dem Denken und dessen philosophischer systematischer Ttigkeit fhrt der Geist jedoch noch ein volles Leben der Empfindung, Neigung, Vorstellung, Phantasie usf., das in nherem oder weiterem Zusammenhange mit seinem Dasein als Seele und Leiblichkeit steht und daher auch am menschlichen Krper eine Realitt hat. In dieser ihm selber angehrigen Realitt macht sich der Geist gleichfalls lebendig, scheint in sie hinein, durchdringt sie und wird durch sie fr andere offenbar. Insofern bleibt daher der menschliche Krper keine bloe Naturexistenz, sondern hat sich in seiner Gestalt und Struktur gleichfalls als das sinnliche und natrliche Dasein des Geistes kundzugeben, doch als Ausdruck eines hheren Inneren sich dennoch von der tierischen Leiblichkeit, wie sehr auch der menschliche Krper im allgemeinen mit derselben bereinstimmt, ebensosehr zu unterscheiden. Indem aber der Geist selber Seele und Leben, animalischer Leib ist, sind es und knnen es nur Modifikationen sein, welche der einem lebendigen Leibe innewohnende Geist in diese Leiblichkeit bringt. Als Erscheinung des Geistes daher ist die menschliche Gestalt diesen Modifikationen nach von der tierischen verschieden, obschon die Unterschiede des menschlichen Organismus vom tierischen ebenso dem bewutlosen Schaffen des Geistes angehren, wie die animalische Seele sich in bewutloser Ttigkeit ihren Leib bildet.
Hiervon haben wir an dieser Stelle auszugehen. Die menschliche Gestalt als Ausdruck des Geistes ist dem Knstler gegeben, und zwar findet er sie nicht nur berhaupt vor, sondern auch im besonderen und einzelnen ist der Typus fr die Abspiegelung des geistigen Inneren in der Gestalt, in den Zgen, der Stellung und dem Habitus des Krpers vorausgesetzt.
Was nun den nheren Zusammenhang des Geistes und Leibes in betreff auf die besonderen Empfindungen, Leidenschaften und Zustnde des Geistes angeht, so ist derselbe auf feste Gedankenbestimmungen schwer zurckzufhren. Man hat zwar in der Pathognomik und Physiognomik diesen Zusammenhang wissenschaftlich darzustellen versucht, doch bis jetzt ohne den rechten Erfolg. Fr uns kann die Physiognomik allein von Wichtigkeit werden, indem sich die Pathognomik nur mit der Art und Weise beschftigt, wie bestimmte Gefhle und Leidenschaften sich in gewissen Organen leiblich machen. So heit es z. B., der Zorn sitze in der Galle, der Mut im Blute. Dies ist, beilufig gesagt, sogleich ein falscher Ausdruck. Denn wenn auch besonderen Leidenschaften die Ttigkeit besonderer Organe entspricht, so sitzt doch der Zorn nicht in der Galle, sondern insofern der Zorn leiblich wird, ist es vornehmlich die Galle, an welcher die Erscheinung seiner Wirksamkeit vor sich geht. Dies Pathognomische, wie gesagt, geht uns hier nichts an, da es die Skulptur nur mit dem zu tun hat, was von geistigem Inneren in das uere der Gestalt bergeht und dort den Geist leiblich und sichtbar werden lt. Das sympathetische Mitoszillieren des inneren Organismus mit dem empfindenden Gemt ist nicht Gegenstand der Skulptur, welche auch vieles, was in die uere Gestalt hinaustritt, das Zittern z. B. der Hand und des ganzen Krpers beim Ausbruch der Wut, das Zucken der Lippen usf., nicht aufzunehmen vermag.
In Rcksicht auf die Physiognomik will ich hier nur so viel erwhnen, da, wenn das Skulpturwerk, welches die menschliche Gestalt zu seiner Grundlage hat, zeigen soll, wie die Leiblichkeit schon ihrer leiblichen Form nach nicht nur das gttlich und menschlich Substantielle des Geistes berhaupt, sondern auch den besonderen Charakter bestimmter Individualitt in dieser Gttlichkeit darstelle, so htte man zu einer vollstndigen Errterung darzutun, welche Teile, Zge und Gestaltungen des Krpers einer bestimmten Innerlichkeit vollkommen gem sind. Zu solchem Studium werden wir durch die Skulpturwerke der Alten veranlat, denen wir den Ausdruck des Gttlichen und der besonderen Gttercharaktere in der Tat zugestehen mssen, ohne da sich behaupten lt, das Zusammenstimmen des geistigen Ausdrucks mit der sinnlichen Form sei statt etwas Anundfrsichseiendes nur eine Sache der Zuflligkeit und Willkr. Jedes Organ mu in dieser Beziehung berhaupt nach zwei Gesichtspunkten betrachtet werden, nach der blo physischen und nach der Seite des geistigen Ausdrucks. Freilich darf dabei nicht in der Weise Galls*) verfahren werden, der den Geist zu einer bloen Schdelsttte macht.
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*) Franz Joseph Gall, 1758-1828, Arzt und Anatom, Begrnder der Phrenologie


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