B. Die dynamischen Grundstze.

a) Die Analogien der Erfahrung.


1. Das Prinzip der Analogien der Erfahrung. Jeder Gegenstand mu als extensive oder intensive Gre konstruiert werden knnen. Aber damit ist blo der mathematische Begriff desselben erschpft. Die Gegenstnde der Physik setzen nicht nur Gren, sondern auch Krfte und Gesetze (z.B. der Bewegung), mithin Verhltnisbestimmungen voraus: nicht mathematische Proportionen, die sich auf quantitative, sondern philosophische Analogien, die sich auf qualitative Verhltnisse beziehen. Als solche knnen sie nicht, wie die mathematischen Gebilde, einfach konstruiert, sondern nur durch ihre Verknpfung in der Zeit bestimmt werden; sie beanspruchen deshalb auch nicht, wie jene, konstitutive, sondern nur regulative Geltung. Analogien der Erfahrung aber heien sie, weil sie nur in Beziehung auf die Erfahrung Gltigkeit und Bedeutung besitzen, nichts anderes als Einheit der Erfahrung zum Ziele haben. Ihr Prinzip lautet daher: Erfahrung ist nur durch die Vorstellung einer notwendigen Verknpfung der Wahrnehmungen mglich. Also Verknpfung, nicht Erzeugung (wie bei den mathematischen Grundstzen), und zwar der Wahrnehmungen, nicht der Dinge, und dies nicht in Ansehung ihres Inhalts, sondern der Zeitbestimmung und des Verhltnisses des Daseins in ihr nach allgemeinen Gesetzen (Proleg. 26). Entsprechend den drei Modis alles Daseins in der Zeit: Beharrlichkeit, Folge und Zugleichsein, gibt es drei Analogien oder Regeln aller Zeitverhltnisse

2. Die erste Analogie (der dritte Grundsatz) lautet: Bei allem Wechsel der Erscheinungen beharrt die Substanz, und das Quantum derselben wird in der Natur weder vermehrt noch vermindert. Der in der Geschichte der Philosophie so viel errterte Begriff der Substanz wird hier zum erstenmal in seiner vollen wissenschaftlichen Bedeutung erfat. Die Substanz oder das bei allem Wechsel Beharrende ist kein Ding, sondern ein Grundsatz, ein Hilfsmittel der Wissenschaft. Nur unter der Voraussetzung eines Beharrenden knnen der Wechsel des Seienden und seine Bestimmungen, die Akzidenzen nach dem alten Sprachgebrauch oder die Inhrenzen des Subsistierenden, z.B. die Bewegung der Materie, begriffen, kann der Begriff der Vernderung erklrt werden. Nun erst darf auch die Verbindung mit dem durch die mathematischen Grundstze festgestellten Begriffe der gleichartigen Gre erfolgen, aus welcher wir die weiteren Begriffe der Zeitdauer und des unvernderlichen Quantums erhalten. Die Naturgesetze sind Quantittsbestimmungen; der Satz von der Substanz gehrt an die Spitze der reinen und vllig a priori bestehenden Gesetze der Natur Ja, die Substanz wird schlielich aus dem bloen Substrat aller Zeitbestimmung zum beharrlichen Quantum der Natur Sie bereitet so den Begriff der Materie vor.

3. Dem hypothetischen Urteil, der Kategorie der Kausalitt, entspricht die zweite Analogie (der vierte Grundsatz) oder der Grundsatz der Zeitfolge nach dem Gesetz der Kausalitt : Alle Vernderungen geschehen nach dem Gesetze der Verknpfung der Ursache und Wirkung. - Aller Wechsel der Erscheinungen ist Vernderung. Nun nimmt aber die Einbildungskraft solchen Wechsel nur als Zeitfolge oder subjektive Folge zweier Zustnde wahr, ohne ihr objektives Verhltnis bestimmen zu knnen. Dies leistet erst der von uns selbst in die Erfahrung gelegte Begriff der Ursache, worauf die Wirkung nach einer Regel folgt. Das Gesetz der Kausalitt ist die Bedingung der objektiven Gltigkeit der Erfahrung, der Grund ihrer Mglichkeit. Erst durch sie gelangen wir zu einer notwendigen Ordnung in dem Zeitverhltnis unserer Vorstellungen, nun erst kann ein Objekt entstehen. Die Kausalitt fhrt uns auf den Begriff der Handlung, dieser auf den der Kraft, und dieser wieder zurck auf den der Substanz, deren Akzidenzen kausal zu bestimmen sind. Sie fhrt uns ferner auch zu dem Begriff der Kontinuitt, somit zu dem zweiten Grundsatze (der intensiven Gre) zurck; denn alle Vernderung ist nur durch das Gesetz der Kontinuitt mglich, welches besagt, dass kein Unterschied des Realen in der Zeit der kleinste sei. Und wie die Zeit die sinnliche Bedingung a priori der Mglichkeit eines kontinuierlichen Fortgangs des Gegenwrtigen zum Folgenden enthlt, so ist der Verstand vermittelst der Einheit der Apperzeption die apriorische Bedingung der Mglichkeit einer kontinuierlichen Bestimmung aller Zeitstellen.

4. Auf die Analogien der Substanz und der Kausalitt folgt als dritte die aus dem disjunktiven Urteil abgeleitete der Gemeinschaft oder der (fnfte) Grundsatz des Zugleichseins nach dem Gesetze der Wechselwirkung der Gemeinschaft. Er lautet: Alle Substanzen, sofern sie im Raum als zugleich wahrgenommen werden knnen, sind in durchgngiger Wechselwirkung.

Wenn die Krfte als Naturgesetze eine einheitliche Natur ausmachen sollen, mssen sie als eine Gesamtheit (ein System) von Wechselwirkungen gedacht werden knnen. Ohne eine solche Gemeinschaft stnde jede einzelne Wahrnehmung fr sich isoliert, und die Kette empirischer Vorstellungen, d. i. Erfahrung, mte bei jedem neuen Objekte ganz von vorn anfangen. Unter Natur aber verstehen wir den

Zusammenhang der Erscheinungen ihrem Dasein nach, der eben von dieser dritten und letzten Analogie als Bedingung mglicher Erfahrung gefordert wird.



b) Die Postulate des empirischen Denkens berhaupt


sollen zu dem Begriffe des schon durch die vorigen (Gren- und Verhltnis-) Grundstze gengend bestimmten Gegenstandes nichts hinzufgen, sondern nur Wertbestimmungen treffen, nmlich die Begriffe Mglichkeit, Wirklichkeit und Notwendigkeit in ihrem empirischen Gebrauche erklren. Sie sind eine Art physiologischer Methodenlehre (Proleg. 88).

1. Das Postulat der Mglichkeit: Was mit den formalen Bedingungen der Erfahrung (der Anschauung und den Begriffen nach) bereinkommt, ist mglich. Zur empirischen Mglichkeit oder objektiven Realitt eines Begriffs gengt nicht blo seine bereinstimmung mit dem logischen Gesetze der Identitt, sondern es mu seine bereinstimmung mit den beiden formalen Bedingungen der Erfahrung (Anschauen und Denken) hinzukommen; der Triangel z.B. mu aus einer bloen geometrischen Figur zu einem Formgebilde der mathematischen Naturwissenschaft werden. Durch diesen Charakter der Mglichkeit wird auch (was der letzte Teil der Er. d. r. V., die Methodenlehre, spter nher ausfhrt) der Begriff der wissenschaftlichen Hypothese bestimmt. Aber die Hypothese will Tatsachen erklren, das Mgliche soll das Wirkliche finden helfen. So gelangen wir zu

2. Dem Postulat der Wirklichkeit: Was mit den materialen Bedingungen der Erfahrung (der Empfindung) zusammenhngt, ist wirklich Bestimmung des Daseins ist Bestimmung der Empfindung. Die materiale Bedingung der Empfindung ist eine vollwertige Seite des Bewutseins, die durch den Grundsatz der intensiven Gre, der nur das mathematisch Reale betraf, noch nicht realisiert war. Auch die Wahrnehmung ist ein komparatives a priori. Wo sie und ihr Anhang - wozu auch die Wahrnehmung des nicht mehr Sichtbaren, z.B. der magnetischen Materie, gehrt - nach empirischen Gesetzen hinreichen, dahin reicht auch unsere Erkenntnis vom Dasein der Dinge.

Zur Verdeutlichung dieser seiner Wertschtzung des Wirklichen hat Kant an dieser Stelle in der zweiten Auflage (S. 274 ff.) eine Widerlegung des (Descartesschen) Idealismus eingeschoben. Wir haben nicht blo Einbildung, sondern auch Erfahrung von ueren Dingen. Ja, die von Descartes einzig unbezweifelt gelassene innere Erfahrung meines eigenen Daseins in der Zeit ist nur durch die gleichzeitige Erfahrung uerer Gegenstnde mglich, wie umgekehrt das Bewutsein meines eigenen Daseins zugleich ein unmittelbares Bewutsein des Daseins anderer Dinge auer mir einschliet.

3. Das Postulat der Notwendigkeit: Dessen Zusammenhang mit dem Wirklichen nach allgemeinen Bedingungen der Erfahrung bestimmt ist, ist (existiert) notwendig. Auch die Notwendigkeit geht nicht blo auf die formalen Bedingungen der Erfahrung, wie die Mglichkeit, sondern auch auf das Dasein, wie die Wirklichkeit; allein sie fat nicht, wie die letztere, den einzelnen, sondern den allgemeinen Fall, das Gesetz, ins Auge. Ihr Mastab sind die empirischen Gesetze der Kausalitt; weiter als das Feld mglicher Erfahrung reicht auch die Notwendigkeit nicht; in dieser Hinsicht ist sie hypothetische Notwendigkeit Stze wie die bekannten: in mundo non datur casus, fatum, saltus, hiatus sind notwendige Stze in diesem Sinne, d. i. Naturgesetze, welche das Spiel der Vernderungen in der Natur der Einheit des Verstandes und damit der Natur, als synthetischer Einheit der Erscheinungen (oder Erfahrung), unterwerfen.

 

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Die Grundstze mglicher Erfahrung sind zugleich die allgemeinen Gesetze der Natur. Damit ist die Frage: Wie ist reine Naturwissenschaft mglich? aufgelst, und zwar in der fr eine Wissenschaft erforderlichen systematischen Form. Eine Anwendung dieser Grundstze auf die mathematische Naturwissenschaft gibt Kants Schrift von 1786: Metaphysische Anfangsgrnde der Naturwissenschaft. Jede besondere Naturlehre enthlt nur soviel eigentliche, d.h. apodiktisch geltende Wissenschaft, als Mathematik in ihr angewandt werden kann; weshalb Chemie, Psychologie, berhaupt Naturbeschreibung nicht zu dieser eigentlichen Wissenschaft gehrt. Um eine solche mathematische Naturlehre zu ermglichen, mu deren grundlegender Begriff, der Begriff der Materie, philosophisch zergliedert und systematisch dargestellt werden. Dies der Zweck der eben genannten Schrift. Sie zerfllt in vier, nach dem Schema der Kategorieneinteilung angeordnete, Abschnitte: 1. Die Phoronomie behandelt die Grundbestimmung der Materie, die Bewegung, als reines Quantum (ohne Rcksicht auf ihre Qualitt), nach seiner Zusammensetzung; 2. die Dynamik (das wichtigste Kapitel) dieselbe nach ihrer Qualitt, nmlich als Kraft (a. zurckstoende oder ausdehnende, b. anziehende), 3. die Mechanik die Materie in Beziehung zu dieser bewegenden Kraft, 4. die Phnomenologie dieselbe im Verhltnis zu unserer Vorstellungsart, d.h. Bewegung und Ruhe als Erscheinung uerer Sinne. Allerdings beschrnkt sich Kants Schrift auf die mathematische Naturwissenschaft im Sinne Newtons, d.h. das Gebiet, das wir heute als Mechanik bezeichnen, whrend andere Anstze seiner frheren Schriften, wie das Prinzip der Erhaltung der Energie und der neue Kraftbegriff, nicht weitergebildet werden.

Als beste Erluterungsschrift der in der Philos. Bibl. 48 von O. Buek mit Einleitung und Sachregister herausgegebenen Metaphysischen Anfangsgrunde, die sowohl auf Schelling-Hegels wie Fries-Apelts Naturphilosophie bedeutend eingewirkt haben, empfiehlt sich Stadler, Kants Theorie der Materie, Berlin 1883.


 © textlog.de 2004 06.09.2026 14:16:08
Seite zuletzt aktualisiert: 30.10.2006 
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