37. Die Natur-Teleologie oder die Begrndung der beschreibenden Naturwissenschaft.


1. Das neue Gebiet. Die in der transzendentalen Analytik vollzogene Begrndung der mathematisch- mechanischen Naturwissenschaft lie noch ein weites Feld offen, das der Naturbeschreibung. Kant selbst unterscheidet bereits (U. 79) Theorie der Natur und Naturbeschreibung (von letzterer noch die jetzt meist damit als identisch betrachtete Naturgeschichte). Wenn er selbst auch noch nicht die Frage ausdrcklich formuliert hat: Wie ist Naturbeschreibung mglich?, verfahren wir daher im Geiste seiner Methode, wenn wir sie besonders behandeln. Die Wissenschaft will der Gesetzlichkeit der Natur auch da nachspren, wo die Mglichkeit der mathematisch - mechanischen Fixierung fehlt. Das Organische aber, die Lebens- und Entwicklungserscheinungen des Organismus, das Individuum berhaupt kann niemals restlos in der Mechanik der Atome aufgehen, die Naturformen lassen sich nicht in bloe Bewegungsgren auflsen. Selbst ein Newton vermchte nicht die Erzeugung auch nur eines Grashalms aus rein mechanischen Gesetzen zu erklren (U. 75). Wir bedrfen dazu einer anderen Gesetzmigkeit als der der Bewegung, die nicht einmal den Stoffwechsel zu erklren imstande ist.

2. Die neue Gesetzlichkeit oder das Prinzip der formalen Zweckmigkeit. Diese neue Gesetzlichkeit leistet die Idee als regulatives Prinzip, indem sie neben die mechanisch-kausale Naturordnung die Ordnung nach Zwecken setzt. Wir haben es hier nicht mit der alten, flachen, scholastisch-aristotelischen Teleologie zu tun, welche die Zwecke in die Dinge selbst verlegte und den witzigen Spott eines Voltaire rechtfertigte (die Nase ist der Brille wegen da). Der Zweck, an sich ein Fremdling in der Naturwissenschaft, ist, wie Kant immer wieder einzuschrfen nicht mde wird, eine Maxime nicht der bestimmenden, sondern der reflektierenden Urteilskraft, ein Prinzip nicht der Ableitung oder Erklrung, sondern der Beurteilung. Wir stellen uns die Natur vor, als ob *) sie unserer Erkenntniskraft angemessen eingerichtet sei: das bedeutet das Prinzip der formalen Zweckmigkeit der Natur. Auf andere Weise lt sich die Natur nicht begreifen, bleibt sie ganz und gar zufllig. Das Prinzip der formalen Zweckmigkeit wird daher auch die Gesetzlichkeit des Zuflligen genannt. Ohne das Vertrauen auf ihre Begreiflichkeit aber, wie Helmholtz, oder auf die Gleichfrmigkeit im Gange der Natur, wie J. St. Mill es formuliert, ist eine wissenschaftliche Erfassung ihrer Lebenserscheinungen unmglich. Freilich vermag die reflektierende Urteilskraft nicht gleich dem Verstande ihrerseits allgemeine Naturgesetze hervorzubringen, denen dann die bestimmende Urteilskraft die Einzelflle unterordnete (subsumierte); wohl aber gibt sie eine Anzeige, eine Regel, einen Leitfaden an die Hand, wie wir einen durchgngigen Zusammenhang unserer Erkenntnis herstellen knnen. Das deduktive Verfahren der Mathematik wird durch die Induktion, die Kants Logik selbst als eine Schluart der reflektierenden Urteilskraft bezeichnet, zu der aus beiden zusammengesetzten einheitlichen Forschungsmethode der Naturwissenschaften ergnzt.

Es sind Aufgaben, welche die Wissenschaft des Organischen uns stellt, deren Lsung im Sinne einer idealen (erstrebten) Einheit unserer Erkenntnis ein Gefhl der sthetischen Befriedigung in uns erweckt. Diese Art der formalen Zweckmigkeit heit bei Kant gelegentlich auch die objektive. Nicht etwa, dass sie nicht aus dem Subjekt stammte; auch sie wurzelt vielmehr in unserem Bewutsein, als eine von dessen Grundrichtungen. Sondern, wenn und weil sie im Gegensatz zu der rein subjektiven sthetischen (die wir spter kennen lernen werden) unmittelbar auf Naturobjekte geht, weil hier die bereinstimmung der Form die Mglichkeit des Dinges selbst (im wissenschaftlichen Sinne) bewirkt. Alle Teile sind durch die Idee des Ganzen bestimmt. So fhrt die Definition der objektiven Zweckmigkeit unmittelbar zu derjenigen des Organismus: Ein organisiertes Produkt der Natur ist dasjenige, in welchem alles Zweck und wechselseitig auch Mittel ist.

3. Anwendungen. Wie wichtig und fruchtbar unser transzendentales Prinzip fr die empirische Forschung der Naturwissenschaft im ganzen wie im einzelnen ist, braucht kaum auseinandergesetzt zu werden. Hngt doch alle Klassifikation, alle Unterscheidung von Gattungen und Arten, die uns berhaupt erst die Natur als ein systematisches Ganze begreifen lt, davon ab. Kants Kritik der Urteilskraft bringt denn auch eine Reihe Beispiele aus der allgemeinen Naturwissenschaft wie aus der Chemie, der Mineralogie, der Botanik, der Zoologie.**) - Aus dem erstgenannten Gebiet sei einerseits die methodische Behandlung des Problems der Kraft (Grundkraft), anderseits die Kritik des Hylozoismus ( 72 f.) kurz hervorgehoben. Grundkrfte sind nicht wirkliche Substanzen, sondern nur von uns konstruierte Hilfsbegriffe (Hypothesen), um die Erfahrung mglichst einheitlich oder (nach Proleg. 60) die Naturgeschichte berhaupt nach allgemeinen Prinzipien systematisch zu machen. Die Kritik des Hylozoismus, mit seiner Lehre von der Allbelebtheit der Materie, trifft auch den heutigen Vitalismus einer, den Materialismus (z.B. Haeckels) anderseits. Indem Kant scharf die bildende von der bewegenden Kraft scheidet und nur die letztere dem Begriff der Materie zuweist, die erstere dagegen in das Gebiet der Teleologie verweist, beschrnkt er die reine (exakte) Naturwissenschaft auf wirklich Erreichbares. Man hat deshalb mit Recht die Teleologie als Grenzwchter der Mechanik bezeichnet. - Die Chemie, die sich heute durch die atomistische Hypothese in ungeahnter Weise entwickelt hat, sah Kant noch nicht als strenge Wissenschaft an. Die Mineralogie dagegen und mehr noch Botanik und Zoologie mit ihrem Formenreichtum sind in besonders hohem Grade jener systematischen Ordnung bedrftig, die sich auf die Voraussetzung der reflektierenden Urteilskraft : Angemessenheit zu unserer Erkenntnis, grndet, nicht einer schulmigen, sondern einer natrlichen, auf Tatsachen beruhenden. Zu dem Ende entwickelt Kant drei auerordentlich wichtige und fruchtbare Gesetze, genauer regulative Prinzipien: 1. das der Gleichartigkeit oder Homogenitt, 2. das der Mannigfaltigkeit oder Spezifikation, 3. das des durchgngigen Zusammenhanges, der Affinitt oder Kontinuitt. Auf dem ersten beruht die Unterscheidung der Gattungen, auf dem zweiten die der Arten, auf dem dritten, dem alten, heute durch den Darwinismus neu belebten Prinzip des Natura non facit saltum die Genealogie der Arten und das darauf basierende natrliche System. Es ist ein Verdienst Stadlers, in seiner obengenannten Schrift auf die Verwandtschaft des Darwinismus und der neueren Biologie berhaupt mit diesen Kantischen Grundprinzipien hingewiesen zu haben. Das Prinzip der Homogenitt ist heute weiter ausgefhrt in den Gesetzen der Vererbung, das der Spezifikation oder Variett in denen der Anpassung. Auch das berleben des Passendsten ist durchaus ein Prinzip teleologischer Beurteilung; Kants eigene darwinistische Vorausahnungen, die er freilich noch als ein gewagtes Abenteuer der Vernunft betrachtet ( 80), seine weitschauenden Bemerkungen ber die Menschenrassen, seine Theorie der Epigenesis gehren hierher. An einem Beispiele aus der Botanik (dem Baum) entwickelt er bereits die von der modernen Naturwissenschaft unter den einen Begriff des Stoffwechsels gebrachten physiologischen Gesetze 1. der Fortpflanzung, 2. des Wachstums, 3. der Korrelation der Teile.

4. Vereinbarkeit des mechanischen und des teleologischen Prinzips. Doch nun erhebt sich die Frage: Wie sind Mechanismus und Organismus, mechanischer und teleologischer Standpunkt, Kausalitt und Zweck miteinander zu vereinigen? Die scheinbar unlsbare Antinomie zwischen beiden beruht auf einer Verwechselung der reflektierenden mit der bestimmenden Urteilskraft. Die Lsung liegt in dem Charakter der Idee als heuristischen, regulativen Prinzips, im Unterschiede von den konstitutiven mathematisch-mechanischen Grundstzen. Hier haben wir Erzeugung, Ableitung, Erklrung, dort nur einen Leitfaden der Beurteilung. Der Begriff des Organismus mu, wenn anders er einen Sinn haben soll, alles als Mittel zum Zweck betrachten. Die teleologische Beurteilung will und soll brigens die mechanische Ableitung keineswegs vertreten oder gar verdrngen. Die mechanische Erklrungsart soll vielmehr so weit vordringen, als sie nur vermag; sie ist an sich ganz unbeschrnkt. Das Prinzip der formalen oder objektiven Zweckmigkeit ist dagegen nur ein heuristischer Grundsatz fr die empirische Forschung, eigentlich blo ein ntzlicher Gesichtspunkt fr die Fragestellung und Beobachtung - denn beobachten heit Erfahrungen methodisch anstellen -, wie er lngst in die Naturwissenschaft Eingang gefunden hat. Die Teleologie oder das Prinzip der Endursachen, der nexus finalis im Gegensatz zu dem nexus effectivus der Ursachen und Wirkungen, ist keine Doktrin, sondern Kritik, wir wrden heute etwa sagen: ein Stck methodologischer Einleitung in die allgemeine Naturwissenschaft. Sie ist von der letzteren methodisch zu scheiden, gerade um ihr ihren mechanisch-physikalischen Charakter zu wahren. Kant spricht allerdings mehrfach von einer Unterordnung des mechanischen unter das teleologische Prinzip; das kann kritisch jedoch nur den Sinn haben, dass die systematische Einheit gegenber der synthetischen, die Idee gegenber Kategorie und Grundsatz der hhere Gesichtspunkt ist. So fate es jedenfalls auch Goethe auf, wenn er sich in seiner Abneigung gegen die absurden Endursachen gerade durch Kant gestrkt fhlte, dieselbe durch die Kantische Unterscheidung von Zweck und Wirkung geregelt und gerechtfertigt sah. Ebenso ist der etwas anstig klingende Ausdruck Absicht der Natur im Grunde nur regulativ, als Bild oder Analogie gemeint. Freilich, das lt sich nicht verkennen, fters drngt sich in die Formulierung der Stze Kants religise Anschauung mit hinein. Damit kommen wir zu einem letzten, von Kant ausdrcklich und oft behandelten Punkt:

5. Die Teleologie in ihrem Verhltnis zu Theologie und Ethik. Auch die Natur als Ganzes nmlich kann als ein System von Zwecken aufgefat und eine Absicht ihr untergelegt werden. Man spricht von der Weisheit, Sparsamkeit, Frsorge, Wohlttigkeit der Natur ( 68). Damit liegt die Annahme einer verstndigen Weltursache (Gottes) nahe. Und in der Tat ist Kant keineswegs gewillt, dieselbe zu bestreiten. Aber sie gehrt nicht in die Wissenschaft; denn nur soviel sieht man vollstndig ein, als man nach Begriffen selbst machen und zustande bringen kann. Der kritische Philosoph hat auf reinliche Scheidung der Gebiete zu achten. Kant wirft die Frage, ob die Teleologie zur Theologie gehre, nur auf, um sie entschieden zu verneinen. Schon die Kritik der reinen Vernunft hat den physiko-theologischen Gottesbeweis als Beweis widerlegt (s. 38), die Kritik der Urteilskraft ergnzt diese Widerlegung in breitester Ausfhrung. Man soll den Namen Gottes nicht verschwenden, Der Naturzweck ist kein gttlicher Zweck. Die Menschen legen vielmehr ihre eigene Weisheit in die Natur hinein. Die Naturwissenschaft soll ungehindert durch religise und ethische Gesichtspunkte ihren Gang gehen.

Auch durch ethische. Denn, wenn auch die Natur als System der Zwecke betrachtet werden kann, so gibt es doch in ihr keinen Endzweck. Dieser liegt vielmehr allein in der vernnftigen Persnlichkeit, mithin in der Ethik. So fhrt die Natur-Teleologie in ihren Grenzbeziehungen zur Ethik und scheidet sich doch von ihr. Wir aber haben, ehe wir zu letzterer bergehen, zuvor noch eine andere Bedeutung der Ideen darzustellen und kehren damit zu der transzendentalen Dialektik, dem nach unserer Zahlung dritten Hauptteile der Kritik der reinen Vernunft, zurck.

 

Quellen: Auer der jetzigen Einleitung und dem 2. Teile der Kritik der Urteilskraft, deren ltere von J. S. Beck (S. 262) berarbeitete Einleitung unter dem Titel: ber Philosophie berhaupt (1794), vgl. auch ber den Gebrauch teleologischer Prinzipien in der Philos. (1788); aus der Kritik der r. V. einzelne Abschnitte, namentlich der berhaupt besonders lehrreiche Anhang zur transzendentalen Dialektik Zur Literatur: A. Stadler, Kants Teleologie in ihrer erkenntnis-theoretischen Bedeutung, Berlin 1874 - Cohen, Kants Theorie d. Erfahrung, Kap. 15. Cohen, Kants Begr. d. sthetik, S. 110-125, Manches hierher Gehrige findet sich auch bei: P. Menzer, Kants Lehre von der Entwicklung in Natur und Geschichte, Berlin 1911.

 

_________________

*) ber den Als-ob-Gedanken bei Kant (vgl. Vaihinger. D. Philosophie des Als ob 3, A. 1918), bes. S. 613-733.

**) Womit die betr. Stze der Kr. d. r. V. sowie der anderen S. 212 genannten Kantischen Abhandlungen zu vergleichen sind.


 © textlog.de 2004 07.09.2026 06:03:19
Seite zuletzt aktualisiert: 01.11.2006 
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