
42. Das sthetische Problem.
Wir haben es im folgenden nicht mit den sthetischen Anschauungen des vorkritischen Kant ( 31, 2), sondern mit der kritischen sthetik und auch hier nur mit den systematischen Grundbegriffen zu tun.
1. Die neue Gesetzmigkeit. lter als die Wissenschaft, ebenso alt als die Sittlichkeit ist die Kunst. So erwchst der transzendentalen Methode neben dem theoretischen und praktischen ein neues, selbstndiges a priori: das sthetische. Das sthetische Problem ist mithin nur eine weitere, die dritte Sonderanwendung der allgemeinen Frage, die das Thema von Kants Philosophie bildet: Wie sind synthetische Urteile a priori mglich? Das sthetische Verhalten ist in der ihm eigentmlichen Gesetzmigkeit zu erfassen, die von der des Erkennens wie von der des Wollens grundstzlich geschieden ist. Der Titel, den Kant anfangs seinem dritten Hauptwerk geben wollte: Kritik des Geschmacks, wrde in der Tat das spezifisch sthetische Gebiet schrfer abgesondert haben. Erfand indessen, dass die sthetische Zweckmigkeit gemeinsam mit der Natur-Teleologie unter den Begriff der reflektierenden Urteilskraft und der formalen Zweckmigkeit (s. 37, 2) falle, und fate daher beide in seiner Kritik der Urteilskraft zusammen. Uns, die wir an Kants Disposition nicht gebunden sind und aus guten Grnden die Natur-Teleologie schon an frherer Stelle behandelt haben, bleibt daher nur noch die sthetische Gesetzmigkeit zu kennzeichnen brig.
Die transzendentale Methode bleibt fr das Gebiet des sthetischen die nmliche wie auf dem theoretischen und praktischen, weshalb denn das Einteilungsschema der beiden ersten Kritiken von Kant auch, soweit es angeht, auf die dritte bertragen wird. Auch das sthetische a priori ist nicht durch Herumfragen oder Stimmensammeln ausfindig zu machen; auch hier wird die psychologische oder gar physiologische Zergliederung zwar als hchst wichtig und ntzlich anerkannt, aber, soweit sie als Begrndung auftreten will, von der Schwelle abgewiesen. In seiner besonderen Eigenart und Gesetzmigkeit vielmehr ist es zu erfassen und zu charakterisieren.
2. Das sthetische Prinzip ist das Gefhl. Das sthetische oder Geschmacksurteil will weder Erkenntnisurteil noch Willensmotiv sein; es will den Gegenstand weder begrifflich festsetzen, wie das theoretische Erkennen, noch ihn hervorbringen, wie der Wille. Es ist daher kein objektives Prinzip des Geschmacks mglich Derselbe beruht vielmehr lediglich auf subjektiven Grnden. Welches ist nun diejenige Bewutseinsrichtung oder, wie Kant entsprechend dem damaligen Sprachgebrauch sagt, das Vermgen, das weder Erkennen noch Wollen ist? Es ist das Gefhl (der Lust und Unlust, setzt Kant in der Regel hinzu), das in derselben Weise das Mittelglied zwischen Erkenntnis- und Begehrungsvermgen bildet, wie die Urteilskraft zwischen Verstand und Vernunft. Aber das sthetische Gefhl ist nicht mit dem Lust- oder Unlustgefhl schlechtweg einerlei; es ist sowohl von dem Gefhl des Genusses (am Angenehmen) wie von dem moralischen Gefhl (fr das Gute) grundstzlich unterschieden. Die sthetik hat es nur mit der Lust im Geschmacke, mit einem Wohlgefallen zu tun, das ohne alles Interesse und ohne Begriffe und dabei doch allgemein und unmittelbar ist. Ohne Interesse an dem Dasein eines Gegenstandes und ohne verstandesmige, begriffliche Bestimmung desselben, erwchst das sthetische Gefhl lediglich aus dem freien Spiel der Gemtskrfte: Einbildungskraft und Verstand beim Schnen, Einbildungskraft und Vernunft beim Erhabenen. Und zwar ordnet der Geschmack als subjektive Urteilskraft nicht, wie die logische Urteilskraft, einzelne Anschauungen einzelnen Begriffen unter, sondern das gesamte Vermgen der Anschauungen (die Einbildungskraft) dem gesamten Vermgen der Begriffe (dem Verstand). Whrend die Urteilskraft in der theoretischen wie in der praktischen Erzeugung des Gegenstandes als bestimmend sich erwies, wendet sie sich im sthetischen Gefhle auf sich selbst zurck und ist so im buchstblichen Sinne des Wortes eine reflektierende Indem die Freiheit der Einbildungskraft mit der Gesetzmigkeit des Verstandes in bereinstimmung gebracht werden soll, ergibt sich ein innerliches Verhltnis, eine proportionierte Stimmung beider Gemtskrfte, die als freies Spiel (nicht Arbeit oder Geschft, dagegen wohl Beschftigung) charakterisiert werden kann und die wechselseitige Belebung beider im Gefolge hat. Ja, die Lust ist schlielich gar nicht das eigentlich Bestimmende und Grundlegende des sthetischen Gefhls. Vielmehr wird in 9, der die Frage untersucht, ob im Geschmacksurteil das Lustgefhl der Beurteilung des Gegenstandes vorhergehe oder ihm nachfolge, nicht blo die Antwort im letzteren Sinne entschieden, sondern auch die allgemeine Mitteilbarkeit des Gemtszustandes als das Kennzeichen der sthetischen Urteile bezeichnet.
Denn jener das sthetische Verhalten bezeichnende Gemtszustand, das gleichschwebende freie Spiel der Vorstellungskrfte, soll keineswegs dem Schwanken subjektiven Fhlens berlassen, sondern unter Regeln gebracht werden; sonst kann keine sthetik entstehen. Das Geschmacksurteil beansprucht Allgemeingltigkeit, wenn auch nur subjektive, es sinnt jedermann Einstimmung an, mutet anderen dasselbe Wohlgefallen zu Der sthetische hat nichts mit dem Sinnengeschmack gemein. Er kann vielmehr definiert werden als das Vermgen, die Mitteilbarkeit der Gefhle, welche mit gegebener Vorstellung (ohne Vermittlung eines Begriffs) verbunden sind, a priori zu beurteilen Es gibt einen sthetischen Gemeinsinn, der besagt, dass jedermann mit unserem Urteil bereinstimmen solle (nicht werde), daher exemplarische Gltigkeit besitzt: kein konstitutives Prinzip, sondern eine idealische Norm von regulativem Charakter. Ehe wir diesen Ideen-Charakter des sthetischen weiter verfolgen, wollen wir einen anderen sthetischen Grundbegriff einschalten.
3. Die sthetische Zweckmigkeit. Das Gemeinsame, welches die beiden Seiten der Urteilskraft - die sthetische und die teleologische - miteinander verbindet, ist der durch die Reflexion erzeugte Gedanke der Zweckmigkeit. Aber whrend die Naturteleologie allenfalls dem theoretischen Teile der Philosophie htte angehngt werden knnen (Vorrede S. IX, ein Wink, dem unsere Darstellung gefolgt ist), macht die sthetische Urteilskraft eine besondere Abteilung ntig. Im Gegensatz zu jener ist sie 1) in hherem Grade subjektiv , denn sie entspringt lediglich dem Verhltnis (Spiele) der Vorstellungskrfte des Subjekts, 2) in hherem Grade formal, denn es handelt sich bei ihr nicht um einen materialen Zweck irgendwelcher Art, sondern nur um das Formale in der Vorstellung, um die bloe Form der subjektiven Zweckmigkeit, d.h. um die Zweckmigkeit der Vorstellungen im Gemte des Anschauenden,... eine gegebene Form in die Einbildungskraft aufzufassen, wie sie in dem freien Spiel der Erkenntniskrfte gegeben ist. So kann die sthetische Zweckmigkeit
3) als eine Zweckmigkeit ohne Zweck bezeichnet werden; denn ein bestimmter Zweck, der ihr anhinge, wrde sie in das Gebiet des Ntzlichen oder allenfalls des Vollkommenen fhren: Begriffe, die der Naturteleologie oder - der Ethik angehren. Wie die Idealitt von Raum und Zeit die Voraussetzung unserer Erkenntnis der Sinnendinge, so ist der Idealismus der Zweckmigkeit die Voraussetzung sthetischer Urteile und der Autonomie des Geschmacks, whrend der Realismus der Zweckmigkeit ins Gebiet der Heteronomie, der bestimmten und bedingten Naturzwecke fhrt. Nicht durch objektive Begriffe und ebensowenig durch bloe Empfindungen bezieht sich das sthetische Gefhl auf die Natur; sondern in der reinen Beurteilung (Reflexion), die das sthetische Verhalten kennzeichnet, wird die Natur gleichsam umgeschaffen zu einer neuen, sthetischen Natur, mit anderen Worten die Natur erweitert zur Kunst; die Philosophie der Kunst ist formaler Idealismus. Das fhrt uns zurck zur
4. sthetischen Idee. Schon die unbestimmte Norm des Gemeinsinns (S. 249) wurde als Idee bezeichnet, genauer als eine Vernunftforderung, eine Einhelligkeit der (sthetischen) Sinnesart hervorzubringen Aber die sthetische Idee ist zu unterscheiden von den Ideen der theoretischen Vernunft. Sind letztere indemonstrabele, d. i. in keiner Anschauung darstellbare Begriffe der Vernunft, so ist erstere eine inexponibele, d. i. auf keine Begriffe zu bringende Anschauung der Einbildungskraft, die dennoch eine unnennbare Gedankenflle in sich birgt. Die sthetische Idee ist eine Darstellung des Unendlichen, der kein Begriff gleichkommt, die daher auch von keiner Sprache erreicht und verstndlich gemacht werden kann. Sie ruht auf dem Grunde des bersinnlichen, jenes intelligibelen Substrats, in dem alle unsere Vermgen a priori sich vereinigen, um die Vernunft mit sich selbst einstimmig zu machen und so den letzten Zweck, den unsere intelligibele Natur uns aufgibt, zu erfllen. Diese unbestimmte Idee des bersinnlichen in uns ist der Schlssel und das Prinzip des Geschmacks; ber diesen Punkt hinaus kann das sthetische Prinzip nicht begreiflich gemacht werden. Gleich den theoretischen Ideen und der ethischen verstrickt sich auch die sthetische in eine Antinomie; auch hier folgt die Lsung aus ihrem Charakter als Idee, das bedeutet in diesem Falle als Prinzip der subjektiven Zweckmigkeit. Und wer bringt diese sthetischen Ideen hervor? Antwort:
5. Das Genie, als das Vermgen sthetischer Ideen Es ist die angeborene Gemtsanlage, durch welche die Natur der Kunst die Regel gibt Schne Kunst oder Kunst des Genies ist die Kunst, sofern sie zugleich Natur zu sein scheint Das Genie ist daher 1) original, eine Gabe der Natur an ihre Gnstlinge; es lt sich nicht nachahmen. Versuche dazu arten in Nachfferei und Manieriertheit aus. Es ist 2) nicht wissenschaftlich. Es gibt weder eine Wissenschaft vom Schnen noch schne Wissenschaft, sondern nur schne Kunst. Geniale Philosophen sind lcherlich, desgleichen der Gedanke einer genialen Wissenschaft; selbst das System eines Newton ist erlernbar. Das knstlerische Genie dagegen mu man von Natur besitzen; in der Wissenschaft gibt es nur groe Kpfe [hier geht Kant in seinem Eifer reinlicher Scheidung von Wissenschaft und Kunst wohl zu weit, es gibt auch wissenschaftliche Entdeckergenies].
3) Die Produkte des Genies sind exemplarisch, auch wenn ihr Urheber nicht wei, wie sich in ihm die Ideen zusammenfanden; nur von ihnen, den Taten des Genies, kann die Kunst ihre Regeln abstrahieren. brigens kann das Genie den Geschmack als Zuchtmeister nicht entbehren, der Klarheit und Ordnung in seine Gedankenflle bringt, seine Ideen haltbar macht. Wenn das Genie das Vermgen ist, in Sprache, Malerei oder Plastik das Unnennbare auszudrcken, so ist der Geist, das belebende Prinzip im Gemte, sein ausfhrendes Werkzeug und zugleich seine seelische Vorbedingung. Freilich gibt das Genie nur die Flle des Stoffes und den geistigen Inhalt; das Technisch-Formale erfordert Schule Originalitt ist nicht Regellosigkeit.
Nachdem wir so die neue, sthetische Gesetzlichkeit in ihren wichtigsten Grundbegriffen gekennzeichnet haben, seien im folgenden ihre wichtigsten Anwendungen angedeutet.