
1. Roger Bacon
Wie Alexander von Hales, Richard von Middletown und Duns Scotus, ist auch Roger Bacon Englnder und Franziskanermnch. Geboren gegen 1214, aus reicher Familie, widmete er sich zu Oxford und Paris den Studien, insbesondere der Mathematik und Naturwissenschaft. Umgang mit Gelehrten, Unterricht armer Jnglinge, besonders aber physikalische Experimente waren seine Hauptbeschftigung. Im Dienste der letzteren ging allmhlich sein ganzes Vermgen (2000 Pf. St.) darauf. Fr seinen Gnner Papst Clemens IV. schrieb er 1266-68 sein Opus maius, ein Erluterungsbuch dazu (Opus minus) und eine Einleitungsschrift (Opus tertium); sein geplantes Hauptwerk (Opus principale) blieb unvollendet. Nach Clemens' Tode wurde der schon frher gegen Ihn aufgetauchte Verdacht des Unglaubens und der Zauberei aufs neue rege; er wurde verfolgt und erhielt, wie es heit, zehn Jahre Klosterhaft. Seine Werke sind, wenn auch nicht vollstndig, von Brewer (London 1859) herausgegeben worden. Ergnzungen dazu von R. Steele, Opera inedita R. B. (4 Teile, Oxford 1905 -11). Die ausfhrlichste Monographie ber sein Leben, seine Werke und seine Lehre hat E. Charles (Paris 1861) verfat. Vgl. auch das Sammelwerk von Little, Roger Bacon Essays (Oxf. 1914). Seine Bedeutung fr die Aufklrung hebt H. Reuter a. a. O. II, 67-86 energisch hervor.
Roger Bacon ist ein Zeitgenosse des Thomas und geht dem Duns Scotus zeitlich sogar vorauf. Wir haben gleichwohl vorgezogen, ihn erst an dieser Stelle und in einem neuen Abschnitt zu behandeln, weil er eine ganz eigenartige Stellung in der Philosophie des Mittelalters einnimmt. Unser Dr. mirabilis mute in der Tat seinen scholastischen Zeitgenossen wunderbar erscheinen, denn es regen sich in ihm schon ganz moderne Tendenzen, ohne freilich zu vlliger Durchbildung und fester Gestalt gekommen zu sein. E. Dhring erklrt ihn in seiner Geschichte der Philosophie sogar fr den einzigen Philosophen des Mittelalters. Goethe hat sich fr ihn interessiert und in seiner Farbenlehre seine Bedeutung in rhmenden Worten anerkannt.
Das Grundlegende und Neue bei Roger Bacon ist, dass er im Gegensatz zu den Formeln der Scholastik auf das Kennen der Dinge dringt. Albert und Thomas heien ihm Knaben, Lehrer, ehe sie gelernt; der letztere habe dicke Bcher ber Aristoteles geschrieben, ohne Griechisch zu verstehen und ohne mathematisch- physikalische Kenntnisse. Auch Bacon schtzt den Aristoteles hoch und nchst ihm dessen Ausleger Avicenna; aber die Hauptsache ist ihm doch die Rckkehr zu den Dingen selbst. Die Welt steckt voller Vorurteile: Autoritt, Gewohnheit, Phrase. Mangel an Selbstkritik. Und die Wissenschaft ist ein langsames Fortschreiten in stetem Kampf mit dem groen laufen der Ungebildeten und Gewohnheitsmenschen. Ihr schlimmster Feind ist die Meinung, als ob sie schon abgeschlossen sei, die Anbetung der Autoritt, die stete Berufung auf berhmte Namen. Die Logik und Grammatik gewisser Meister nachbeten, hat keinen Wert. Es heit: an der Quelle studieren! Daher tchtig Hebrisch, Griechisch, Arabisch lernen, wenn man die Bibel, Aristoteles, die Araber wirklich verstehen will; mit physikalischen und astronomischen Instrumenten arbeiten, wenn man die Natur wahrhaft kennen zu lernen strebt. Es gibt einen doppelten Weg der Erkenntnis: durch Vernunftbeweis oder durch Erfahrung. Bacon dringt, im Gegensatz zu den Scholastikern, vor allem auf den letzteren. Freilich gengen nicht einzelne unzusammenhngende Beobachtungen.
Dieselben mssen methodisch geregelt, in Zusammenhang gebracht, die bedingenden Ursachen erforscht und so das Gesetz gefunden werden. Das ABC der Philosophie, die Grundlage aller Wissenschaften ist die Mathematik, die vollkommenste aber, die Knigin aller die scientia experimentalis. Keinerlei magische Knste vermgen den Naturlauf zu ndern.
Allein der englische Franziskanermnch fhrt diese Anstze zu echter Wissenschaft nicht folgerichtig durch. Neben der der menschlichen Wissenschaft erkennbaren natrlichen Kausalitt gibt es noch eine bernatrliche der schpferischen Gottheit; neben der ueren Erfahrung noch eine innere, von Gott eingegebene, deren Gipfelpunkt die ekstatische Verzckung ist. Die hhere Vernunft ist nur mglich durch gttliche Wirkung. Die Autoritt, die er sonst so energisch bekmpft, wird doch gefordert fr die Kirche. In ihr ist der Glaube das Erste, die Erfahrung das Zweite, das Begreifen erst das Dritte. Die Theologie heit an solchen Stellen die edelste Wissenschaft, der die Philosophie absolut dienen mu; alle den Menschen ntzliche Weisheit liegt in der Heiligen Schrift, wo sie allerdings nur von Kundigen gefunden wird; der Papst ist der Stellvertreter (vicarius) Gottes auf Erden usw. Freilich, um die Unglubigen zu berzeugen, soll man sich nur an das Vernunftgeme, Allgemein-Menschliche halten. Das Christentum ist schlielich doch nichts anderes als die von Gott durch Christus offenbarte natrliche Religion; das zum Heil Notwendige ist allen gemein, desgleichen die wesentlichen Grundzge der Sittlichkeit. Jeder Mensch trgt in seiner Seele ein groes Buch ber die Snden, die er von Jugend auf begangen hat, und selbst Bauern und alte Frauen, nicht blo bei Christen, sondern auch bei den Sarazenen und anderen Unglubigen, verstehen in sittlichen Fragen zu berzeugen.
So mischt sich in Bacon Altes und Neues, kirchlicher Glaube und Keime echter Wissenschaft. Ohne Zweifel war er seiner Zeit an naturwissenschaftlicher Einsicht weit voraus. Er hat Vergrerungsglser erfunden, die Wirkung des Pulvers gekannt, richtige Beobachtungen ber die Strahlenbrechung und das Sehen sowie ber die Gre von Sonne und Mond angestellt, den Kalender zu verbessern gesucht und chemische Entdeckungen gemacht, deren Verstndnis uns nur durch die von ihm gebrauchten rtselhaften Ausdrcke erschwert wird; ja, er hat die pfeilschnelle Bewegung von Schiffen ohne Segel und Ruder, von Wagen ohne Zugtiere ein halbes Jahrtausend voraus geahnt. Dennoch mu man sich vor seiner berschtzung hten. Neben dem Richtigen findet sich doch auch vieles Phantastische und Fehlerhafte. So sind bei ihm mit der Willensfreiheit des Menschen astrologische Einflsse (Konstellation der Planeten) verbunden; Aristoteles wird bedauert, weil er die Quadratur des Kreises nicht gefunden; er rhmt sich, einem Schler in drei Tagen Hebrisch und Griechisch beibringen zu knnen und verwechselt selbst doch dia mit dyo (nach Erdmann) u. a. So hat er denn zwar anregend, aber nicht nachhaltig auf die Nachwelt gewirkt, ja kaum unmittelbare Spuren hinterlassen.