
66. Die Opposition der Franziskaner. Duns Scotus (Primat des Willens)
1. Schon Heinrich von Gent (1217-1293), der Dr. sollemnis, hatte in Anlehnung an Augustin und Plato den Primat des Willens und der Persnlichkeit (Gedchtnis, Vernunft und Wille) gegen den thomistischen Intellektualismus verfochten, und, ihm folgend, Richard von Middletown ( 1300) den praktischen, affektiven Charakter der Theologie betont. Der Franziskaner Wilhelm de la Mare wird als der Verfasser eines Correctorium fratris Thomae genannt, das nicht weniger als fnf Gegenschriften von dominikanischer Seite hervorrief: whrend Siger von Brabant ( 1282) sogar einen gemilderten Averroismus an der Pariser Universitt zu verteidigen wagte. Und dass man um jene Zeit auch mit dem antiken Skeptizismus sich von neuem beschftigt hat, beweist eine aus der zweiten Hlfte des 13. Jahrhunderts stammende lateinische bersetzung der Pyrrhonischen Skizzen des Sextus Empirikus (s. 45), die Bumker ausfindig gemacht hat. Der Hauptwiderstand gegen den Thomismus ging von dem groen Rivalenorden der Dominikaner, den Franziskanern, aus. Zu voller Entfaltung kam diese Richtung in einem Manne, der als der scharfsinnigste aller mittelalterlichen Denker gilt und trotz seines frhen Todes einer weitverbreiteten Denkrichtung den Namen gab.
2. Johannes Duns Scotus, gegen 1270, der berlieferung nach zu Dunston in Northumberland oder Dun in Irland (daher seine beiden Beinamen) geboren, ward in Oxford Magister smtlicher Wissenschaften, berstrahlte bald alle brigen Lehrer und zog 1308 im Triumph in Kln ein, starb aber hier bereits in demselben Jahre. Eine erschpfende Monographie ber ihn existiert noch nicht. Seine Erkenntnistheorie hat K. Werner (Wien 1877 und 1881), seine Willenslehre Kahl (1886), seine Psychologie H. Siebeck (Archiv f. Gesch. d. Philos. 1888 f., Ztschr. f. Philos. 1898), seine Theologie R. Seeberg (1900) bearbeitet. Die einzige Gesamtausgabe der philosophischen und dogmatischen Werke des Dr. subtilis stammt noch aus dem Jahre 1639 (Lugduni, 12 Bnde, Neudruck Paris 1891-95 durch den Franziskaner-Orden).
Mit Duns Scotus beginnt die von Albert eingeleitete, von Thomas durchgefhrte Verschmelzung von Aristotelismus und Kirchenlehre, Vernunft und Christentum sich bereits wieder zu lsen. Wenn man daher in dieser den Hhepunkt und das wahre Kennzeichen der Scholastik sieht, wrde man im Scotismus schon (mit Erdmann u. a.) die beginnende Zersetzung der Scholastik zu erblicken haben. Doch kmpft Scotus noch so durchaus mit den Mitteln der scholastischen Methode, ihrer Terminologie und ihren Subtilitten, und steht auch sonst noch so vllig auf dem Boden mittelalterlichen Denkens, dass wir ihn und seine Schule noch zu den Vertretern der Scholastik rechnen.
a) Glauben und Wissen. Standen fr Thomas und seine Anhnger Theologie und Philosophie, Glauben und Wissen im Verhltnis gegenseitiger Ergnzung, so wird bei Scotus ihr Gegensatz strker betont. Man hat sein Verhltnis zu Thomas fters mit dem des Kritikers Kant zu dem harmonisierenden Systematiker Leibniz verglichen. Eine gewisse hnlichkeit ist in der Tat vorhanden. Denn, wie wenig auch sonst der Scholastiker, der zuerst das Dogma von der unbefleckten Empfngnis verteidigt hat, mit dem Philosophen der reinen Vernunft gemein haben mag, so dringt doch auch er in einer fr seine Zeit bemerkenswerten Schrfe auf eine Art reinlicher Scheidung zwischen Wissen und Glauben. Mathematisch gebildet, stellt er strengere Anforderungen als seine Vorgnger an einen Beweis. Nicht blo kirchliche Einzeldogmen, sondern auch Dinge, wie die zeitliche Schpfung der Welt und die Unsterblichkeit der Seele, seien durch die Vernunft nicht beweisbar. Warum soll nicht auch das Unkrperliche vergehen knnen? Aber diese Fixierung des Gebietes strenger Wissenschaft dient ihm nicht etwa dazu, nun die Herrschaft der Theologie zu bekmpfen, sondern im Gegenteil, sie zu strken. Der Glaube schliet zwar nicht den Zweifel berhaupt aus, wohl aber - dessen Sieg. In Glaubenssachen hat die Dialektik nicht mitzureden. Die Philosophi und Catholici werden hufig einander gegenbergestellt. Ja es kommt bereits der erst bei Ockham und seiner Schule ( 68) zu grerer Bedeutung gelangte Satz vor: es knne etwas zwar fr den Philosophen wahr, aber fr den Theologen falsch sein. Von den ersteren hlt er den Aristoteles, den er besser kennt und versteht als seine Vorgnger, zwar fr den grten, aber dennoch nicht fr unfehlbar, wie andere es getan.
b) Die Lehre vom Willen. Das Hauptproblem des Scotismus, das in der Gestalt des Konflikts zwischen Willensfreiheit und Naturnotwendigkeit noch heute die Geister beschftigt, ist die Frage nach dem Vorrang des Verstandes oder des Willens. Duns beantwortet sie, im Gegensatz zu Thomas, mit voller Entschiedenheit dahin: Voluntas est superior intellectu, der Wille hat den Vorrang vor dem Verstande. Der Wille ist die Grundkraft der Seele. Das erste Denken, das, hnlich wie bei Thomas, durch das Zusammenwirken von Seele und ueren Gegenstnden, d.h. durch Abbilder der letzteren zustande kommt, ist verworren und unbestimmt Es wird erst dadurch zu einem bestimmten, dass der Wille seine Aufmerksamkeit auf diese verworrenen Vorstellungen richtet, sie schrfer gestaltet und ihre Intensitt verstrkt, whrend sie im entgegengesetzten Falle schwcher werden, um schlielich zu verschwinden. Das Vorstellen ist nur Gelegenheitsursache und Diener des Wollens; die Entscheidung fllt dem letzteren anheim. In der Psychologie des Willens (vgl. Siebeck) gibt der Dr. subtilis schon manche feine Beobachtungen und scharfsinnige Unterscheidungen, z.B. die des Wollens vom Wnschen (Begehren) und Nichtwollen. Nach der auch heute noch von englischen Denkern bevorzugten Weise geht er gern von der Erfahrung aus und betont den engen Zusammenhang mit den Trieben, ber die sich jedoch der freie Wille zu erheben imstande ist. Die Selbstndigkeit des letzteren ist so gro, dass selbst die gttliche Gnade ihm nur beizustehen, ihn nicht zu ntigen vermag! Auch durch das Gefhl der Lust und Unlust wird er - was an Kant erinnert - nicht bestimmt, sondern nur in seiner Bettigung begleitet. Ja, er steht auerhalb des Kausalzusammenhanges, des mechanischen Zwanges der Vorstellungen. Denn, wre er von diesen abhngig, so wre es mit der Freiheit und Verantwortlichkeit des Menschen zu Ende.
c) Damit sind wir bei der Ethik des englischen Scholastikers angelangt. Auch das Gute wird grundstzlich vom Willen bestimmt, der Verstand hat nur bei der Anwendung im praktischen Leben mitzusprechen. Das Gute steht hher als das Wahre, deshalb Augustin hher als Anselm und Aristoteles. Die Theologie ist vor allem eine praktische Wissenschaft. Das Gute ist gut, weil Gott es gebietet; whrend nach Thomas Gott das Gute gebietet, weil es gut ist (persitas boni). Das hchste Ziel und die hchste Vollkommenheit des Menschen liegt ihm daher nicht, wie dem Thomas, im mystischen Schauen, sondern in dem ganz auf Gott gerichteten Willen, d. i. der Liebe.
d) Gotteslehre. Auch Gottes Dasein ist nicht aus bloen Begriffen zu beweisen, sondern nur aus seinen Werken. Es mu eine alles berragende letzte Ursache geben, die zugleich letzter Zweck ist; das ist Gott. Auch auf ihn wird die Lehre vom Primat des Willens bertragen. Wie durch das liberum arbitrium des Einzelnen jedesmal eine neue Tatsache entsteht, so ist Gottes Wille die Urtatsache. Wre nicht der Wille sein Wesen, so wre seine Allmacht nicht, wie sie ist, unbeschrnkt. So ist die Welt durch die freie Willkr Gottes geschaffen; er htte sie auch vllig anders schaffen knnen. Ebenso steht es mit der Erlsung; Gott htte sie auch auf andere Weise als durch Christus vollziehen oder htte statt Mensch z.B. Stein werden knnen! (An solche Eventualflle knpfte die sptere Scholastik, hnlich den Sophisten des Altertums, jene Ausgeburten haarspaltender Phantasie, durch die sie sich berchtigt gemacht hat.)
e) Metaphysik. Gott ist das schlechthin einfache, oberste Wesen (ens), die Materie das niederste. Als erste Materie (m. primo-prima, von der unseres Scholastikers Spitzfindigkeit eine m. secundo-prima und tertio-prima unterscheidet) bedeutet sie nur die ursprnglich in allen Dingen liegende Fhigkeit, zu hheren Formen, Gattungen und Arten geordnet zu werden. Jede geschaffene Substanz, auch die geistige, hat Materie. Das principium individuationis ist die Form. Das Individuellere ist das Vollkommnere. Zur Washeit (quidditas) tritt die Diesheit (haecceitas) hinzu, z.B. in dem Menschen Sokrates zur animalitas zunchst die humanitas, zu dieser die Socratitas. (Der Ausdruck haecceitas findet sich allerdings erst bei Scotus' Schlern.) Das Individuum besitzt eine selbstndige Realitt, ist eine weiter nicht ableitbare Tatsache. Duns' Stellung in der Universalienfrage bleibt die vermittelnde des Anselm und Thomas: Das Allgemeine ist ante res als Form im gttlichen Geiste, in rebus als deren Washeit oder Wesen, post res im Verstand als der von ihnen abstrahierte Begriff.
Trotz seines frhen Todes hinterlie Duns Scotus zahlreiche Schler und Anhnger, besonders in seinem Orden. Lange tobte der scholastische Streit zwischen den scotistischen Franziskanern und den meist thomistischen Dominikanern. Und wenn seine Lehre auch innerhalb der rmischen Kirche durch die der letzteren kongenialere des Aquinaten (einzelne Scotisten kommen freilich noch im 18. Jahrhundert vor) mehr und mehr zurckgedrngt worden ist, so hat er anderseits durch manche seiner Lehren (vom Primat des Willens, von den verworrenen und klaren Vorstellungen, von der Form als bleibendem Wesen u. a.) mehr als Thomas auch auf nichtkirchliche Philosophen wie Baco von Verulam, Descartes, Leibniz und andere gewirkt.